Olga Martynowa: Warum Straßenbahnen? Warum Lissabon?

4. Mai 2013, 17:00
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Lissabons Charakter besitzt etwas, das einen sich für die eigene Unvollkommenheit schämen lässt, obwohl diese Stadt niemanden beschämt.

Oleg Jurjew sagte: "Straßenbahn." Er sagte: "Lissabon." Ich sagte: " Straßenbahn? Lissabon?" Die Zeitnot gab uns drei Tage frei. Er sagte: " Ich habe das geträumt." Ich sagte: "Ich auch. Fast. Ich habe einen portugiesischen Film gesehen, mit einer Straßenbahn, einem breiten Fluss und streunenden Hunden am Ufer, einem blonden taubstummen Mädchen und einem langen Hölderlin-Zitat: 'Ach! ich habe dir ein Griechenland versprochen und du bekommst ein Klaglied nun dafür. Sei selbst dein Trost!', es ist so lange her, als wäre es ein Traum." Er sagte: "Hätten die Politiker und Ökonomen die großen Dichter ernst genommen, hätten wir wahrscheinlich keine Griechenlandkrise jetzt."

Immerwährende Melancholie

Dann war die Stadt, der das Leben nach der Katastrophe eine immerwährende Melancholie verleiht. Oder nicht nach, sondern neben. Wir wissen, dass das Erdbeben von 1755 dem europäischen Denken eine andere Richtung gegeben und es mit noch mehr bitterer Skepsis ausgestattet hat, aber die Lissabonner leben damit. Oder wohnen darin. Ich las in einem Reiseführer, dass viele, als 2007 eine Wahrsagerin das neue Erdbeben vorausgesagt hatte, Lissabon verlassen beziehungsweise die U-Bahn gemieden hatten.

Lissabons Charakter besitzt etwas, das einen sich für die eigene Unvollkommenheit schämen lässt, obwohl diese Stadt niemanden beschämt, ist solcherart freundlich, dass man sogar dieses Beschämtsein leicht erträgt, besänftigt und resigniert. Vielleicht ist das nicht nur durch das Erdbeben bedingt? Vielleicht steckt das Bewusstsein der bereits vor 1755 verlorenen Macht und des verflossenen Reichtums dahinter? Das ist mir eingefallen, weil das dem melancholischen Lächeln eines Wieners nicht unähnlich ist, der sagt, Wien sei zu groß für ein so kleines Land. Nur ohne Lissaboner Milde und mit einer Spur zu viel Witz.

In allem hier ist eine leise Zurückhaltung. Sogar in dem Schatten, der uns Hasch anzubieten versucht, nachdenklich "good stuff" sagt und wieder im Dunkel verschwindet. Die Lissabonner, die ihre winzigen gelben Straßenbahnen (die 28, die 12, die 15) für ihre alltägliche Bewegung durch die siebenhügelige Stadt brauchen, behandeln die Unmengen von Straßenbahn-Touristen mit freundlicher Gefasstheit.

In dieser von Straßenbahnen durchschossenen Stadt rattert eine andere durch unsere Köpfe, die "verirrte Straßenbahn" aus dem Gedicht von Nikolai Gumiljow, der 1921 der monarchistischen Verschwörung beschuldigt und hingerichtet wurde. Das war eines der frühesten Traumata der russischen Moderne, der Anfang ihrer Vernichtung. Gumiljow, eine klassische Gestalt der klassischen Moderne, ein von Schönheit und Tragik des Lebens gebannter Abenteurer, musste 35-jährig sterben, als er erst angefangen hatte, wirklich große Gedichte zu schreiben. Seine "verirrte Straßenbahn" ist genial (wie man damals noch sagen durfte), sie irrt durch das schemenhafte Petersburg, überquert die Brücke über die Newa und fährt weiter, über die Seine, über den Nil, an einem Gemüseladen vorbei, wo man menschliche Köpfe statt der Krautköpfe feilbietet, sie spukt nach und neben der Oktoberkatastrophe von 1917 um die Welt und kommt jetzt unverhofft nach Lissabon, über den Fluss Tejo, wie in meinem Film, wie im Traum meines Mannes.

Das ist eine Leistung, dass wir, zwei Autoren, die seit Jahrzehnten zusammen unterwegs sind, um die Bilder und Ereignisse nicht streiten, was in letzter Zeit dadurch begünstigt wird, dass einer von uns überwiegend russische Gedichte schreibt, ein anderer (eine andere) überwiegend deutsche Prosa. Wir werden auch diese verrückte Straßenbahn teilen. Auch die hiesigen Straßenmusiker, auf deren Schultern keine Papageien und keine Äffchen, sondern winzige Hündchen sitzen, die im Maul Puppenhaus-Eimer für das eventuelle Kleingeld halten.

Nicht allein die Straßenbahnen, auch der Klang der Sprache ist uns vertraut. Das ist selbstverständlich eine falsche, spukhafte Vertrautheit: Nichtrussen und Nichtportugieser, die Portugiesisch können, zucken zusammen, wenn sie mich Russisch sprechen hören, es klingt in ihren Ohren wie Portugiesisch. Ich zucke hier zusammen, weil ich die Wörter nicht verstehe, die wie Russisch klingen, und - jeder Mensch ist ein bisschen Sammler, wenn er nicht Jäger ist, oder auch dann - beginne andere Ähnlichkeiten zu sammeln: Jedes Geschäft und Lokal hat ein Beschwerdebuch, das regelmäßig von einer Behörde geprüft wird. Das hatten wir auch: Ich weiß noch, wie mein Vater, wenn andere Kunden ihren Stress an einer Kellnerin ausließen, darin ein paar Dankesworte für sie reinschrieb. Noch eine Ähnlichkeit: Dichter. Überall steinerne und metallische Dichter - auf den geräumigen Plätzen und in den steilen Gassen: der Name und das Wort "poeta" am Sockel. Bedauerlich, wie wenig von ihnen ich kenne. Auch in Petersburg stehen sie überall, der breiten Welt mit ein paar Ausnahmen unbekannt. Endlich sind im Blickfeld drei, von denen ich zwei kenne, ohne nachzuschlagen (sie kennt freilich jeder): hoch über dem Platz seines Namens Luís de Camões und am Terrassentisch des Cafés "A Brasileira" Fernando Pessoa. Zwischen ihnen am Platz seines Namens António Ribeiro Chiado, ein mit Camões befreundeter Poeta, der des Lebens als Mönch überdrüssig wurde und nach Lissabon zog, um sich als Bauchredner durchzuschlagen. Ein Spötter, der von seinem Sockel zu fragen scheint, ob die Touristen, die sich auf den zweiten Stuhl an Pessoas Tisch setzen, um sich mit ihm fotografieren zu lassen (ich habe das nicht gewagt), ahnen, über welchem Abgrund dieser Tisch steht, über welchem Schlund von Saudade, wie diese portugiesische Wehmut heißt, von der ich spreche.

Gumiljows Straßenbahn

Zwischen dem Gespräch über Träume und Lissabon bekam ich von Norbert Wehr, der in seiner Zeitschrift Schreibheft ungewöhnliche, schöne und seltsame dichterische Erscheinungen sammelt, Texte aus dem vergriffenen Heft Nr. 64: ein Dossier zu Pessoas Literaturzeitschrift Orpheu. Wer Poesie liebt oder eine Reise nach Lissabon plant, dem sei wärmstens empfohlen, sich dieses Heft irgendwie zu beschaffen und sich zu der speziellen Lissaboner Melancholie vorzubereiten, die zum Beispiel in den Briefen an Pessoa klingt, geschrieben vom Dichter und Orpheus -Mitherausgeber Mário de Sá-Carneiro: "... dass ich diesem losgebrochenen Sturm nichts entgegenhalten kann - kurz gesagt, dem Leben."

Ich glaube, dass die Lissaboner, die seit mehr als zweieinhalb Jahrhunderten nach und neben der Katastrophe leben, ein Geheimnis kennen: Es gibt Dinge, die nicht überwunden sein können. Aus diesem Wissen kann jeder schlauer werden. Unsere Katastrophe von 1917 soll unüberwunden bleiben, Gumiljows Straßenbahn soll immer durch Zeit und Raum irren. Die deutsche (und nach mehr als zwanzig Jahren in einem gewissen Sinne auch "unsere") Katastrophe von 1933 kann auch nicht überwunden werden.

Wie kannst du das überwinden, diese Millionen? Unweit von der Stelle mit "good stuff" steht ein Gedenkstein, der 500 Jahre nach der Vertreibung der portugiesischen Juden aufgestellt wurde. Das bedeutet dasselbe: Solche Dinge verjähren nicht.

Das Denken des 20. Jahrhunderts, die Reaktion auf die Katastrophen, die das Erdbeben von Lissabon fast harmlos erscheinen lassen (natürlich nicht für die nach damaligen Schätzungen 60.000 und nach einigen heutigen 30.000 bzw. 10.000 Umgekommenen und deren Angehörige), hat vieles relativiert. Einiges geklärt. Mehr noch vernebelt. Die Frage nach der Ursache einer Katastrophe, die die katholische Kirche nach dem Lissabonner Erdbeben in Verlegenheit gedrängt hatte (Ist die Lissabonner Melancholie die Spur dieser Verlegenheit?), kann nicht mehr gestellt werden.

Die Frage, die bleibt: Was zieht ein immer unsicherer werdender Mensch vor: böse Götter, die Erdbeben, Hitlers und Stalins in die Welt setzen; gute Götter, deren Wege unergründlich sind, oder dass die Welt eine zusammenhanglose Reihe von Zufällen ist, "und dies im überschmerzlichen Wissen von der Sterblichkeit der fremden Schönheit und im leidenden Wissen von der universalen Unwissenheit", um das mit Pessoa zu sagen. Oder wieder mit Hölderlin: "Was ist Gott? Unbekannt." (Olga Martynowa, Album, DER STANDARD, 4./5.5.2013)

Olga Martynowa, geb. 1962 in Dudinka, ist Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Sie studierte in Leningrad russische Sprache und Literatur. 1991 zog sie nach Deutschland. Sie schreibt russische Lyrik und deutsche Prosa. 2012 gewann Martynowa den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt für den Text "Ich werde sagen: 'Hi!'". Zuletzt erschien von ihr das Buch "Mörikes Schlüsselbein" (Droschl-Verlag, 2013). Sie lebt in Frankfurt am Main und ist mit dem Autor Oleg Jurjew verheiratet.

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    Die Lissabonner, die ihre winzigen gelben Straßenbahnen für ihre alltägliche Bewegung durch die siebenhügelige Stadt brauchen, behandeln die Unmengen von Straßenbahn-Touristen mit freundlicher Gefasstheit.

  • Olga Martynowa: "Nichtrussen und Nichtportugieser, die Portugiesisch können, zucken zusammen, wenn sie mich Russisch sprechen hören, es klingt in ihren Ohren wie Portugiesisch."
 
    foto: johannes puch

    Olga Martynowa: "Nichtrussen und Nichtportugieser, die Portugiesisch können, zucken zusammen, wenn sie mich Russisch sprechen hören, es klingt in ihren Ohren wie Portugiesisch."

     

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