Was für und gegen den Klassenerhalt spricht

Blog3. Mai 2013, 13:16
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Nach Jahren im Fahrstuhl ist das Eishockey-Nationalteam zur WM gekommen, um zu bleiben. Eine Pro- und Kontra-Liste

Wenn das österreichische Nationalteam am Samstag um 12.15 Uhr Lokalzeit in Helsinki gegen die USA ins WM-Abenteuer startet, tut es das als Aufsteiger in die A-Gruppe und damit als einer der ersten Anwärter auf den sofortigen Wiederabstieg. Seit den in Wien und Innsbruck ausgetragenen Titelkämpfen im Jahr 2005 pendelt Rot-Weiß-Rot beständig zwischen erster und zweiter Leistungsstufe, 2013 soll das Jahr sein, in dem endlich der Sprung aus diesem Fahrstuhl gelingt. Allen strukturellen und personellen Schwächen im österreichischen Eishockey zum Trotz stehen die Chancen auf den nun schon so lange erfolglos gejagten Klassenerhalt wohl so gut, wie noch nie in den vergangenen acht Jahren.

Pro: Rückenwind aus der Olympia-Qualifikation

Erstmals seit langer Zeit umweht die Nationalmannschaft eine weitestgehend positive Aura, Spieler kommen gerne zum Team, die Stimmung ist gut und positiv. Die vom ÖEHV nach dem katastrophalen Abschneiden bei der WM 2011 angekündigten Reformmaßnahmen sind zwar noch nicht in vollem Umfang umgesetzt, rund um das A-Team haben sich die Rahmenbedingungen jedoch deutlich gebessert.

Waren die sportlichen Leistungen beim B-WM-Turnier in Ljubljana im Vorjahr noch recht dürftig, so hat die geglückte Olympia-Qualifikation im Februar, für Prestige und Ansehen des nationalen Eishockeys wichtiger als das Abschneiden bei einer Weltmeisterschaft, der Mannschaft enormen mentalen Rückenwind verliehen. Nicht zufällig zog Thomas Vanek zuletzt Parallelen zur Situation im Jahr 2004, als Österreich eine großartige Vorrunde mit Unentschieden gegen Kanada und die Schweiz auf das Prager Eis zauberte.

Pro: Modus und Auslosung

Das Team Austria kommt in Helsinki erstmals in den Genuss des neuen, im Vorjahr eingeführten WM-Modus: Das 16er-Feld ist in zwei Gruppen zu acht Teams geteilt, der jeweils Letzte steigt ab. Für eine klassische Fahrstuhlnation wie Österreich erhöht dies die Chancen auf den Klassenerhalt beträchtlich, vorbei die Zeiten, als in Vierergruppen die Konzentration auf die Begegnung mit dem einzigen Vorrundengegner auf Augenhöhe fokussiert wurde.

Durchaus glücklich kann Rot-Weiß-Rot auch mit der Gruppeneinteilung sein, man hat den deutlich einfacheren Pool als Mitaufsteiger Slowenien erwischt. Während Gastgeber Finnland, Russland, die USA und vermutlich die Slowakei außer Reichweite liegen, trifft Österreich in der Vorrunde auch auf Deutschland, Frankreich und Lettland, drei Gegner, die an guten Tagen durchaus zu bezwingen sind. In Sachen Klassenerhalt wäre man mit sieben Punkten aus sieben Vorrundenspielen auf der sicheren Seite, in dieser Gruppenkonstellation muss das auch kein Wunschtraum bleiben.

Pro: Kompetenzverteilung

Zumindest im Bereich der A-Nationalmannschaft hat die Strukturreform des ÖEHV bereits gut gegriffen, Trainer- und Betreuerstab wurden deutlich erweitert und genügen mittlerweile internationalen Ansprüchen. Im Coaching Staff wird Emanuel Viveiros offiziell als Head Coach geführt, Rob Daum und Christian Weber als seine Assistenten. In der Praxis agiert diese Troika jedoch eher als Team, das Entscheidungen in enger Abstimmung trifft. Bestes Beispiel: Als das Team Austria am Donnerstag zum ersten Mal auf dem WM-Eis der Hartwall Areena zu Helsinki übte, übernahm Co-Trainer Rob Daum die Leitung der Trainingseinheit.

Auch in den Spielen selbst sind die Kompetenzen des Trios klar aufgeteilt: Weber dirigiert das Unterzahlspiel, Daum das Powerplay, Viveiros gibt bei gleicher Spieleranzahl am Eis die offensiven Leitlinien vor und vertritt das Team nach außen, den Bereich der Torhüter hat Markus Kerschbaumer über. Diese Arbeitsteilung des Trainerteams ist nachvollziehbar und effektiv, mittelfristig wird es aber auch darum gehen, die Konturen der gemeinsam entwickelten Grundausrichtung weiter zu schärfen.

Pro: Linienkombinationen

Head Coach Emanuel Viveiros schickt ein recht homogenes Team in das WM-Turnier, dessen Schwachstelle, wie bereits mehrfach dargestellt (April 2011, April 2012, Februar 2013), die Mittelstürmer-Position ist. Dort steht mit Thomas Koch nur ein Center von internationalem Format zur Verfügung, in den übrigen Linien wurde in der Vergangenheit vordergründig improvisiert. Die Trainer haben dieses Problem erkannt und nach drei Jahren Absenz aus dem Nationalteam David Schuller zurückgeholt, wodurch zumindest ein klassischer Defensivcenter im Kader steht. Einem um den Klassenerhalt kämpfenden Österreich wäre auch ein zweiter, am Bullypunkt und in derRückwärtsbewegung zuverlässiger Mittelstürmer wie Philipp Pinter gut zu Gesicht gestanden. Viveiros gab jedoch Daniel Oberkofler den Vorzug, der im Team heuer bisher groß aufspielte und im rot-weiß-roten Trikot um 90 Prozent mehr Scorerpunkte pro Spiel sammelte als in seinen EBEL-Einsätzen für Linz.

Aus den aktuell zwölf registrierten Stürmern hat das Trainerteam vier durchaus interessante Formationen gebildet: Der Einserblock mit Thomas Koch, Michael Raffl und Thomas Vanek soll für die Tore sorgen, David Schuller, Daniel Welser und Matthias Iberer bilden eine energiegeladene Checking Line. Über Erfolg und Misserfolg in den Partien gegen direkte Konkurrenten könnten im Speziellen die Defensivleistungen der Blöcke um Thomas Hundertpfund (mit Gregor Baumgartner und Manuel Latusa) sowie Daniel Oberkofler (mit Raphael Herburger und Markus Peintner) entscheiden.

Kontra: Mangelnde Erfahrung

Die bei Amtsantritt angekündigte Verjüngung hat Emanuel Viveiros verworfen, sein aktuelles Team ist im Schnitt um eineinhalb Jahre älter als jenes seines Vorgängers Bill Gilligan bei der Weltmeisterschaft 2011. Doch der Nationaltrainer streckt sich weitestgehend nach der Decke, die Zahl jüngerer Alternativen von gleicher sportlicher Qualität ist enden wollend.

Trotz eines Durchschnittsalters von 28,7 Jahren fehlt in wesentlichen Teilen der Mannschaft jedoch internationale Erfahrung: Für sechs Nominierte werden es die ersten Einsätze bei einer A-WM sein, zwölf der 20 derzeit gemeldeten Feldspieler warten noch auf ihren ersten Treffer in der Weltelite. Die drei Torhüter spielten noch keine Sekunde A-WM-Eishockey, ihnen, allen voran der klaren Nummer eins Bernhard Starkbaum, ist der Switch auf dieses Level jedoch durchaus zuzutrauen. Schwerer wiegt der verletzungsbedingte Ausfall von Matthias Trattnig als stabilisierender Faktor der auf internationalem Niveau oft überfordert wirkenden Abwehr. Bei Österreichs letztem WM-Auftritt 2011 stand kein Spieler länger am Eis als Trattnig, der pro Spiel auf knapp 22 Minuten kam.

Kontra: Offensive Durchschlagskraft

Österreich fehlt bei Weltmeisterschaften häufig die Feuerkraft im Angriff, bei keinem der 15 A-WM-Turniere seit der Rückkehr in die Weltelite 1993 gelangen mehr als 2,7 Tore pro Spiel. Richten soll es die Einserlinie mit NHL-Star Thomas Vanek, auf dessen Schultern einmal mehr große Last ruht. Neben ihm können nur Thomas Koch, Daniel Welser und Markus Peintner auf A-WM-Tore in ihren Lebensläufen verweisen.

Mitentscheidend wird gerade in den Begegnungen mit direkten Konkurrenten sein, wie gut das Team Austria seine Powerplay-Möglichkeiten nutzen kann. Beim letzten Auftritt vor zwei Jahren in der Slowakei gelang nur in zwei von 26 Überzahlspielen ein Treffer (Effizienz: 7,7 Prozent), auch in der bisherigen Länderspielsaison gegen größtenteils wenig prominente Gegner war das Powerplay (Effizienz: 17,4 Prozent) eher mau: Österreich benötigte im Schnitt 10:45 Minuten bei numerischer Überlegenheit zum Torerfolg.

Kontra: Der Spielplan

Zwar eröffnet die Gruppeneinteilung wie beschrieben durchaus realistische Chancen auf den Klassenerhalt, Rot-Weiß-Rot sieht sich jedoch mit einem nicht ganz glücklichen Terminplan konfrontiert. Geht man davon aus, dass der Absteiger in der Helsinki-Gruppe zwischen Lettland, Frankreich, Deutschland und Österreich ausgespielt wird, zeigt sich, dass die ÖEHV-Equipe diesen Gegnern schon in drei ihrer ersten vier Partien gegenübersteht. Da in den letzten drei Spielen gegen die Slowakei, Finnland und Russland kein maßgeblicher Punktezuwachs zu erwarten ist, muss Österreich schon sehr früh im Turnier voll da sein. Nüchtern betrachtet: Der Klassenerhalt dürfte nur gelingen, wenn er bereits nach dem Spiel gegen Deutschland am kommenden Mittwoch feststeht. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 3.Mai 2013)

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    Hoffnungsträger in der Offensive: Thomas Koch vom KAC und Thomas Vanek von den Buffalo Sabres.

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    Bernhard Starkbaum ist die klare Nummer eins im Tor, spielte aber noch nie bei einer A-WM. Bisher 27 Länderspiele (15 Siege, 10 Niederlagen, Gegentorschnitt 2,18).

     

    Link: Der komplette WM-Kader

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