Auto und Rad von Frauen mit Migrationshintergrund am wenigsten genutzt

3. Mai 2013, 12:52
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Pkw-Nutzung auch abhängig von Geschlecht und soziökonomischen Status - "Problem nicht kulturalisieren"

Wien - Frauen mit Migrationshintergrund nutzen im Vergleich zu Männern und Frauen ohne Migrationshintergrund Autos und Fahrräder am seltensten. Vor allem Frauen türkischer Herkunft besitzen am ehesten keinen Führerschein und legen Strecken mittels öffentlichem Nahverkehr oder zu Fuß zurück. Das ergab eine Studie des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund (ILS), deren Ergebnisse am Freitag präsentiert wurden. Während ILS-Experte Dirk Wittowsky von einem "versetzten Modernisierungs- und Anpassungsprozess" sprach und dafür plädierte, Frauen mit Migrationshintergrund in Kampagnen direkt anzusprechen, warnten die anderen Gesprächsteilnehmer davor, das Problem zu kulturalisieren.

Für die Studie wurden rund 2.000 Einwohner der Stadt Offenbach telefonisch befragt. Die deutsche Stadt zeichnet sich durch einen hohen Anteil (54 Prozent) von Menschen mit Migrationshintergrund aus. Die Forscher unterschieden dabei in Menschen ohne Migrationshintergrund, solche mit türkischem Migrationshintergrund und mit anderem Migrationshintergrund.

Niedrige Pkw-Dichte bei migrantischen Familien

Während der Pkw-Besitz bei Haushalten ohne Migrationshintergrund mit der Anzahl der dort lebenden Menschen anstieg, war das bei migrantischen Familien nicht der Fall. Grundsätzlich könne man hier eine niedrigere Pkw-Dichte feststellen, erklärte Wittowsky. Das führte der Experte auch auf den sozioökonomischen Status zurück. Denn Haushalte mit Migrationshintergrund verfügten durchschnittlich trotz mehr Personen über weniger Haushaltseinkommen. "Umso größer mein Einkommen und je länger ich in Deutschland bin, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, einen Pkw zu nutzen."

Schon beim Führerscheinbesitz weisen türkischstämmige Menschen einen deutlich geringere Quote (73 Prozent), als Menschen ohne Migrationshintergrund (83 Prozent) und Menschen aus anderen Herkunftsländern (80 Prozent) auf. Nicht einmal zwei Drittel der befragten türkeistämmiger Frauen (63,8 Prozent) besitzen den Führerschein. Bei autochthonen Frauen sind es zehn Prozent mehr. Dabei stoßen Frauen mit Migrationshintergrund auch immer wieder auf Ressentiments. So berichtete etwa Feride Saymaz, die 2012 zu Wiens bester Taxifahrerin gewählt wurde, dass ihre Fahrschule sie nicht zur Taxiprüfung anmelden wollte. "Die haben gesagt, ich verschwende mein Geld. Erst nach der vierten Aufforderung wurde ich angemeldet."

Frauen fahren seltener mit dem Auto

Auch in der Pkw-Nutzung zeigte sich vor allem ein Unterschied zwischen den Geschlechtern. "In jeder Gruppe fahren Frauen seltener mit dem Auto als Männer", erklärte Wittowsky. Am deutlichsten würden die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei türkeistämmigen Frauen: Hier beträgt der Unterschied zu Männern 23,3 Prozentpunkte.

Anders beim Fahrrad: Vor allem Menschen ohne Migrationshintergrund lassen das Auto gerne zugunsten des Rads stehen. Männer sind häufiger auf zwei Rädern unterwegs als Frauen. "Gerade bei Frauen mit Migrationshintergrund ist das Fahrrad häufig überhaupt kein Thema", so der Mobilitätsexperte. Er sah daher bei diesen Befragten am ehesten Bedarf für Mobilitätskampagnen und verminderte Zugangsbarrieren - auch was den öffentlichen Verkehr betrifft. Necla Güngörmüs, Integrationsbeauftragte der Stadt Bregenz und Leiterin des Projekts "Fahrradfahren für Migrantinnen" konnte aus ihrer Erfahrung zwar keinen wesentlichen Unterschied im Mobilitätsverhalten von Migranten ausmachen, "aber die Radkurse für Migrantinnen sind aus einem klaren Bedürfnis heraus entstanden."

Wir werden "weniger, älter und bunter"

Obwohl der demografische Wandel immer deutlicher zeige, dass "wir weniger, älter und bunter" werden, sei die Datenlage vor allem in Bezug auf Migration und Mobilität noch sehr dürftig, so Wittowsky. Derzeit haben etwa 18,9 Prozent der österreichischen Bevölkerung Migrationshintergrund. Das bestätigte auch Heinz Fassmann, Professor für Angewandte Geografie, Raumforschung und Raumordnung sowie Vorsitzender des Expertenrates für Integration auch für Österreich. Er machte auch für Österreich sozialen Status und Aufenthaltsdauer als wesentliche Mobilitätsfaktoren aus, warnte aber "vor einer Kulturalisierung und einem perpetuierten bestehenden Bild des Mobilitätsverhaltens." (APA, 3.5.2013)

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