Haariges und Gefärbtes

Kolumne3. Mai 2013, 17:16
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Das wahre Selbst und sein Preis - Von Julya Rabinowich

Seit dem Fluch der Karibik ist der Schrecken der Meere wieder allen unter zwanzig ein Begriff. Zeit für eine neue Kategorie, den Schrecken der Friseure. Der Horror unter der Haube. Die homemade Alternativverzweiflung unter Hennaeinfluss. Das scheckige Silbergraugelb, das ein Hollywoodblond hätte werden sollen, aber leider vorzeitig bei der Milkakuh abbog.

Der Schrecken kann aber in Schubumkehr auch herausfordernde Kundschaft bedeuten. Sagen wir Testperson 1 zu ihr. Ein seriöser wissenschaftlicher Test muss doppelt blind abgehandelt werden. Habe ich mir von Experten verklickern lassen. Ich habe ja manchmal den Verdacht, dass die Experten nicht nur diese Tests doppelt blind machen. Doch zurück zum Experiment.

Testperson 1 geht in den renommierten Salon von A und stellt die stählernen Nerven des Chefs auf die Probe, indem sie zwischen kurz und gestuft und glatt und lang changiert. Nach zeitintensiver Kompromisssuche bekommt sie lange Stufen. Und der ewige Kreislauf der Frisur setzt sich in Bewegung. Das sehe furchtbar aus, schüttet sie nun B das Herz aus. Der Vorgänger sei ein gemeingefährlicher Pfuscher. Was man nun retten könne.

Die nicht minder renommierte B fühlt sich kurz geschmeichelt. Aber nur kurz. Denn zwei Stunden später ist Testperson 1 wieder da und will eine Korrektur der Korrektur haben. Länger machen geht nun nicht mehr. Es entsteht ein kinnlanger Bob.

Testperson 1 ist zwei Tage glücklich, einen Tag depressiv und am übernächsten bei C rot gefärbt. Der Bob ist immer noch nicht länger, und bald erinnert sie das Rot an Gulasch. Etwas, das am Kopf nichts verloren hat. D macht noch sommerlich beherzte blonde Strähnchen rein, die Haarstruktur wird langsam so zerbrechlich wie die Friseurlaune. Testperson 1 hat nun etwas kinnlang Gestreiftes mit Struppigkeitseffekt. Wieder bei A, beichtet sie ihre Seitensprünge und fleht um Rettung. A übt sich in Nachsicht und fährt seine Meisterhände aus.

Gulasch und Stroh werden feinfühlig überfärbt. Die Frisur ist nun kurz, wuschlig und schokobraun. Testperson 1 bricht in Tränen aus und flieht aus dem Salon. Zum Haarverlängerer. Das kostet sie das Dreifache von allem Vorangegangenen, bringt ihr aber jenes Bild von sich wieder, das sie ursprünglich zu A getrieben hat: schulterlanges, ungeschnittenes, mausbraunes Haar.

Sie habe endlich wieder zu sich selbst gefunden, seufzt Testperson 1, während A, B, C und D das Personal in Crashkursen auf Kunden mit besonderen Bedürfnissen schulen und wie man diese wieder loswird, wenn man selbst nicht grau werden möchte. Ich betone, dass alle Ähnlichkeiten zu Testperson 1 weder erwünscht noch beabsichtigt sind. Und geh jetzt zum Friseur.   (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 4./5.5.2013)


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