Gehobene Autoschätze: Bei Schlumpfs im Keller

Ansichtssache7. Mai 2013, 11:35
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Die Brüder Schlumpf waren fanatische Auto-Sammler. Doch die Gier trieb sie und ihr Elsässer Textilimperium in den Ruin. Vor einigen Jahren wurde ein Teil der Sammlung wiederentdeckt. Eine Ausstellung in Kassel zeigt nun die verschorften Schönheiten

Vermodert, verrostet, ausgeweidet, mit klaffenden Wunden in den Flanken, so stehen sie da, gleich einem düsteren Menetekel auf das Ende des Industriezeitalters. Das Mondäne, das Heilsversprechen, die schillernde Souveränität des Automobilismus der frühen Jahre - das wird hier in Kassel nicht gefeiert.

Stattdessen erzählen die 40 Exponate die hier in einer ehemaligen Spinnerei vor sich hin wesen, von der Vergänglichkeit, davon, dass selbst die technisch kühnsten und schönsten Hervorbringungen der Automobilgeschichte dem Verfall geweiht sind.  Da wächst einem einst elegischen Bugatti das Gekröse aus dem Motorraum, von der opulent belederten Sitzbank ist nur noch ein Gerippe übrig. Der vorwärtsstrebende Edelsinn, der einstige Besitzerstolz. Alles Klump. Vor dem Rost, dem treuen Schnitter, sind sie am Ende alle gleich. Egal, ob Bugatti Roadster, Maybach oder Maserati.

Bloß: Ist das Kunst? Oder einfach Krempel? An der Schnittstelle dieser Fragen ist die seit Anfang Mai laufende Ausstellung "Schlafende Automobilschönheiten" angesiedelt. Eine Schau, die nicht zuletzt darauf abzielt, Mythen avant la Lettre zu entblättern, Geschichte sichtbar zu machen und sie nicht hinter aufwändig restaurierten, auf den Paradiermeilen der betuchten Oldtimer-Gemeinde ausgeführten Hochglanz-Karosserien zu verstecken. Kassel: Das ist der Alb des wattestäbchenbewehrten Spaltmaß-Freaks. Hier darf bloß der Schorf glänzen. Es ist keine Geschichte der Sieger, die hier erzählt wird.


Mercedes W 154 II Silberpfeil von 1939. Im Werk angekauft, nie wieder aufgebaut.

Es ist - nicht zuletzt - die Geschichte eines außergewöhnlichen Scheunenfunds, den vor einigen Jahren zwei deutsche Oldtimer-Liebhaber ausgerechnet in den Katakomben des größten Automuseums der Welt, dem Musée national de l'Automobile, im elsässischen Mulhouse gemacht haben. Heinz W. Jordan, Vertriebsleiter bei einem Energieunternehmen und Dietrich Krahn, Urologe mit Altblech-Faible, stiegen damals mit dem Museumskurator in den Keller des Hauses hinab und stießen auf eine seit Jahren vor sich hin gammelnde Zombie-Truppe: 150 mehr oder weniger vergessene Fahrzeuge aus der legendären Collection Schlumpf, jener Sammlung, deren Großteil ein paar Etagen höher toprestauriert und millionenteuer jährlich über 200.000 Besucher anlockt.

Dabei war dieser gigantische Fuhrpark einst zusammen getragen worden, um genau zwei Personen zu erfreuen: die beiden Textilmagnaten Hans und Fritz Schlumpf. Sie begründeten eine der herrlichsten Automobilsammlungen der Welt. Doch dann drifteten die beiden Chrom-Junkies Richtung Realitätsverweigerung ab, kauften ab 1961 wie von Sinnen den Markt leer. 

Ein Mord in Paris

Bei der in der Nachbarschaft angesiedelten Edel-Marke Bugatti herrschte quasi Vollständigkeitsanspruch, ansonsten griff man gerne zu sündteureren Raritäten. Nur Amerikaner kamen den Schlumpfs nicht ins Haus, da war man etwas eigen. Im Laufe der Jahre verfielen die beiden Exzentriker in einen Sammelrausch. (Fritz hatte ab Ende der 1960er besonders viel Zeit: Seine Frau erschoss in Paris ihren Liebhaber und kam für acht Jahre hinter Gitter.)

Zu viel Tagesfreizeit ist bekanntlich nicht gut: Was als kleiner Kick begann, endete mit Beschaffungskriminalität in großem Stil. So zweigten die fanatischen Sammler immer größere Teile des Betriebsvermögens in dunkle Kanäle ab, das bei Strohmännern wieder auftauchte, die im Ausland komplette Oldtimer-Kollektionen aufzukaufen hatten. Der Sehnsuchtsstoff wurde umgehend gen Elsass gekarrt.

Von der Leidenschaft zur Gier

Dort wurden die Neuerwerbungen eingelagert - und meist nie mehr gefahren. Stattdessen kommandierten die Schlumpfs Dutzende Bedienstete für Restaurations- und Wartungsarbeiten ab. Als die Nebenher-Industriellen ab Anfang der 1970er immer öfter in die Kassa griffen, gleichzeitig aber ausländische Konkurrenz der Textilindustrie immer stärker zusetzte, hatte es sich ausgeschlumpft. Auf die Gier folgte der Kollaps.


Fritz Schlumpf vor seinem Bugatti 41 Napolean Royale. In der Garage: hunderte Alternativen.

Ende 1976: Tagelang hatten Hans und Fritz Schlumpf in ihrer von den eigenen Arbeitern belagerten Villa ausgeharrt, bis ihnen die Gendarmerie einen Weg durch die Menge bahnte. Eilig flohen die beiden unscheinbaren Senioren (und Pass-Schweizer) von Mulhouse ins nahe Basel. Gerade noch rechtzeitig: Kurz darauf stellten die französische Behörden den Haftbefehl aus.

Zurück ließen die Bankrotteure ein nach jahrelanger Misswirtschaft zusammen gebrochenes Textilfabriken-Imperium, 20 Millionen D-Mark Schulden, 2000 Arbeitslose und einen Schatz: an die 500 Kostbarkeiten des Automobilbaus. Bugattis bis zum Abwinken, historische Rennwagen von Maserati, Mercedes. Elegische Limousinen von Maybach, Rochet-Schneider oder Rolls-Royce.

Ausbruch der "Schlumpfrevolution"

Unter größter Geheimhaltung hatten die angefixten Brüder ein leeres Großlager in eine 17.000 Quadratmeter große private Ausstellungshalle umbauen lassen, dort standen die meisten der prächtig restaurierten, teils millionenteuren Preziosen als die Arbeiter Anfang 1977 - die Ereignisse gingen als "Schlumpf-Revolution" in die elsässischen Geschichtsbücher ein - mehr durch Zufall die Edelgarage entdeckten.

Am 7. März 1977 besetzten die aufgebrachten Hackler das "Musée Schlumpf" das fortan den Namen "Museum der Arbeiter" trug. Sogleich machten die Gewerkschaften eine einfache Rechnung auf: 80 Millionen Franc - so wurde geschätzt - sei der exaltierte Fuhrpark wert, der Durchschnittslohn eines Arbeiters lag damals bei 1400 Franc monatlich. Bei Abverkauf der Sammlung könnten die Gläubiger bedient und viele schöne, gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen. Eine Milchmädchenrechnung, die man ohne die Politik gemacht hatte.

Der französische Staat stellte die gesamte Sammlung unter Denkmalschutz, kein Schräubchen durfte die Republik verlassen, an einen lukrativen Einzelverkauf gen Ausland war nicht mehr zu denken. Gleichzeitig deckten die Schlumpfs von ihrem Basler Exil aus die neuen Besitzer mit Rückgabe-Forderungen und Klagen ein.

Leichen im Keller

Am Ende sprang dann wieder einmal der Steuerzahler ein: 1980 sammelten die Stadt Mulhouse, das Département, der französische Automobilclub und allerlei Honoratioren 40 Millionen Franc ein, um die Sammlung zu erwerben. (Den Schlumpfs war das zu wenig, sie forderten 25 Millionen mehr, nach einem jahrelangen Rechtsstreit wurde ihnen das Geld schließlich hinterher geworfen.) Zwei Jahre später öffnete in Mulhouse das "Musée national de l'Automobile" seine Pforten, das fortan in weitläufigen Hallen das automobile Vermächtnis der mittlerweile verstorbenen Brüder feiert. 400 aufpolierte Schätze für Nostalgiker, insgesamt. Nur auf die 150 Leichen im Keller hatte man vergessen.


Keller des Automuseums von Mulhouse, bevor die beiden Deutschen kamen.

Erst Heinz W. Jordan und Dietrich Krahn erkannten den Wert des Schrottplatzes, der, und das war den Altblech-Aficonados klar, nicht darin bestand, die Schätze wieder aufzupolieren. Vielmehr, da war man sich mit den Verantwortlichen des Museums rasch einig, sollte die Historie der Fahrzeuge nicht mit frischem Lack übertüncht, sondern der Verfall angehalten werden.

Ein riesiges Mumifzierungsprojekt, das nicht zuletzt konservatorische Maßnahmen erforderte, wie sie bis dahin bloß beim Erhalt von moderner Kunst, wie etwa Installationen oder Ready Mades, eingesetzt wurde. Beuys' Fettecke auf Automobil, quasi. 40 Fahrzeuge zogen die Restauratoren schließlich aus dem Fundus, um deren Verwesung zu stoppen. Im Schnellverfahren gab's die Edel-Patina nicht: Der handwerkliche Aufwand ist im Vergleich zu einer Komplettsanierung unwesentlich geringer.

Der Aufwand und damit eine außergewöhnliche Ausstellung ist nun in Kassel zu begutachten. Allein schon die Ankündigung hat bei der Hardcore-Hochglanz-Fraktion der Oldtimer-Bewahrer bereits für Aufruhr gesorgt. Für alle anderen sind diese Automobile  ehrbare Zeitzeugen der Vergangenheit. Wer im Leben keine Blessuren davon getragen hat, der hat nichts zu erzählen. (Stefan Schlögl, Fotos: Cité de l'Automobile, Angelika Emmerlinger; derStandard.at, 7.5.2013)

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foto: rfkom

Kellerkind: Ein Georges Roy von 1912. Der Hersteller nahm 1906 in Bordeaux den Betrieb auf, das Exponat gibt nur noch eine Ahnung jener Opulenz wider, mit dem die Wagen ausgestattet waren. 1930 knickte im Schatten der Weltwirtschaftskrise der Pkw-Markt weg, Georges Roy baute fortan Nutzfahrzeuge. Ein typisches Schicksal in jenen Tagen.

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