VÖZ-Kampagne: Social Media sind nicht der Feind

Kommentar | Lisa Stadler
2. Mai 2013, 22:49

Die neue Kampagne des Verbands Österreichischer Zeitungen zeigt, dass die sozialen Medien nicht richtig verstanden werden

"140 Zeichen reichen nicht aus!" Das ist einer der Claims der neuen Kampagne des Verbands Österreichischer Zeitungen, mit dem die Pressearbeit und insbesondere die Pressefreiheit mehr positive Aufmerksamkeit bekommen sollen. Der Seitenhieb auf Twitter, der durch das Sujet des toten Vogels entsteht, suggeriert aber, dass soziale Medien im Kontext der Pressearbeit etwas Negatives sind. Soziale Netzwerke sind aber die Freunde und nicht die Feinde der Pressefreiheit.

Meinungsfreiheit

Dass soziale Medien eine Demokratisierung des Informationsflusses bedeuten, ist nichts Neues. UserInnen können sinnvolle und auch sinnentleerte Informationen leichter als früher an JournalistInnen kommunizieren. Ob dieses Wissen Gewicht hat und in der Presse verwendet werden kann, liegt weiterhin im Ermessen der Medien. Diese haben lediglich den Vorteil, dass sie auf eine größere Menge an ExpertInnenenwissen zurückgreifen können als in den Zeiten des Web 1.0. Die Gatekeeper-Funktion der JournalistInnnen wird also gleichzeitig aufgewertet und durch die Communtiy kontrolliert. Dass es unsinnige Falschmeldungen und Enten zuhauf gibt, ist kein Phänomen, das auf Social Media zurückzuführen ist, sondern ein rein menschliches.

Reichweite für Medien

Nicht nur die LeserInnen können leichter in Kontakt mit den Medien treten - die Medien erreichen ihre LeserInnen auch leichter als zu Prä-Twitter-Zeiten. Und was das Ganze noch besser macht: Medien erreichen Menschen, die sie über klassische Kanäle überhaupt gar nicht mehr erreichen würden. Dass 14-jährige SchülerInnen auf der Facebook-Seite von derStandard.at während der Unterrichtszeit einen Innenpolitik-Artikel kommentieren, ist keine Ausnahme. Diese SchülerInnen würden aber eher selten auf die Idee kommen, derStandard.at direkt zu besuchen.

Der Trugschluss der Verkürzung

Bis zu einem gewissen Grad ist es verständlich, dass Textmenschen Probleme mit Zeichenbeschränkungen haben. Social Media die Schuld an inhaltlicher Verknappung zu geben ist aber so, als würde man einem E-Mail-Provider die Schuld dafür geben, dass es Spam-Mails gibt. Natürlich kann Twitter keine komplexen Zusammenhänge in 140 Zeichen liefern. Das wollte und konnte es aber auch nie. Dafür kann es vielen, vielen LeserInnen da draußen sagen, dass es eine Reportage überhaupt gibt, und ihnen Lust darauf machen, sie zu lesen.

Falsche Angst

Genauso wenig wie Video das Radio gekillt hat, werden Social Media die Pressefreiheit gefährden. Ganz im Gegenteil. Dank der sozialen Medien bestehen einige Medien, die vielleicht Probleme hatten, immer noch. Und erreichen mehr LeserInnen als je zuvor. (Lisa Stadler, derStandard.at, 2.5.2013)

Lisa Stadler auf Twitter: @lisapetete

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22 Postings
Vor 55 Jahren berichteten die Zeitungen, dass das Fernsehen zwangsläufig zum Kinosterben führt

Die Verlage, die jetzt Social Media für das Zeitungssterben verantwortlich machen, sollten sich lieber Anregungen holen wie man dann doch überlebt:

http://www.spiegel.de/spiegel/p... 20839.html

Das Problem ist der fehlende Mehrwert gegenüber Gratis-Medien

Ehrlich gesagt, die berühmten Gatekeepers lassen viel zu wünschen übrig.

Nur ist es ein Unterschied

Ob jedeR mit seiner Videokamera tun kann, was er/sie will und es eine Vielfalt von Filmen und Programmen gibt, die unter keiner einheitlichen wirtschaftlichen Führung stehen, oder ob es ein Mono- bzw. Oligopol gibt (FB, Google+, (Twitter)), die die Inhalte automatisiert kontrollieren, zensieren und deren eigentliche Aufgabe es ist, Informationen über die Autoren zu verkaufen.

"Soziale Netzwerke" schön und gut, aber in der Praxis gibt es halt nur unfreie Versionen davon, die EINZIG und allein auf Anzeigenverkauf getrimmt sind. Quasi die Fortsetzung der Zeitung, die ihren Inhalt über Anzeigen finanziert - FB/G+ halt gar keinen Inhalt mehr und NUR mehr die Anzeigen. Was nicht ins Schema passt, wird zensiert.

Der Weg des geringsten Widerstands. Und von Bequemlichkeit.

Der VÖZ versucht sich in Propaganda, um an mehr Presseförderung und ein Leistungsschutzrecht zu gelangen, statt über neue Geschäftsmodelle nachzudenken. Da hat sich sogar der ORF das Thema Haushaltsabgabe schneller zu eigen gemacht (in ganz ähnlichem Interesse).

In Deutschland lacht man über die Dummheit der heimischen Verleger. Völlig zu recht.

Das Problem des VÖZ ist, dass er den "Feind" immer wo anders sucht

Bei Google, Facebook, Twitter,... Bei den ganzen bösen Internetdiensten die irgendwie Bezug auf ihre "Inhalte" nehmen. Dabei übersieht der VÖZ immer, dass es nicht Google, Facebook und Twitter sind, die ihre Inhalte online stellen.
Es sind auch nicht die bösen User dieser Netzwerke, die im großen Stil Artikel abtippen und dort Online stellen.

Nein, das sind die Zeitungen selbst, der VÖZ ist selbst der "Feind".
Die Zeitungen haben das Internet und dessen Entwicklung falsch eingeschätzt. Die haben die Artikel die sie da reingestellt haben als Marketing für den Print gesehen, und nicht erkannt, dass dieses Internet dem Print den Rang ablaufen wird.

Und jetzt hat man den Salat:

Da die Zeitungen ihre Artikel von Anfang an kostenlos für alle ins Netz gestellt haben, haben sie die Menschen daran gewöhnt, dass es das im Internet eben gratis gibt.
Dementsprechend schwer ist es jetzt, die Menschen dazu zu bringen dafür (wieder) zu bezahlen.

Da der Print immer weiter rückläufig ist und den Zeitungen so die Einnahmen wegbrechen schlagen Sie jetzt panisch um sich und kommen mit absurden Forderungen wie dem "Leistungsschutzrecht" (leider ist die Politik so schwach, dass die sogar damit durch kommen) und verteufeln Internetdienste bzw. sogar das Internet an sich.

Der VÖZ sollte schleunigst einsehen, dass sie selbst Schuld an ihrer Lage haben und aufhören das anderen in die Schuhe zu schieben.

die einzigen, die in unserer hemisphäre eine tatsächliche gefahr für die pressefreiheit darstellen,

sind eigentümer und grosse anzeigenkunden von medien.
das sind auch die einzigen, die in diesem zusammenhang nie genannt werden, denn wer beisst schon die hand, die einen füttert.

Wie man hier regelmäßig sehen kann,...

...erscheinen auch in gedruckten Kommentaren durchaus falsche oder bis zur Verfälschung grob vereinfachte Meldungen, obwohl 3 Minuten googeln reichen, um das zu erkennen. Ich sehe also nicht, was durch Social Media schlechter werden könnte.

passt nicht ganz zum thema: aber habt ihr schon mal nach "berlakovich" und bienensterben auf twitter gesucht? Der ist meiner meinung nach in das noch größere fettnäpfchen gestiegen! :-D

Guter Beitrag!

Ich steh auf flüssig geschriebene Fantasy!

Lisa Stadler
17

Hehe. Die Fantasy hab ich halt jeden Tag in meinem Arbeitsalltag. Ist ganz cool eigentlich.

Natürlich finden Sie das cool, Sie verwenden es ja auch und von "innen" sieht es vielleicht auch cool aus.

Zu ihren 3 Kernpunkten
Expertenwissen:
eine Vermutung unter der Annahme, dass das "System funktioniert"; tut es aber nicht, weil es einfach manipuliert und gezielt dirigiert werden kann. Die wenigen Experten gehen im Hintergrundrauschen der Twitter-Marktschreier unter.

leichter Zugang:
Der Zugang erfolgt unter der Maxime des schnellen Konsums für die Massen im Strohfeuertempo ohne Langzeitwirkung. Wo ist #aufschrei? Toter als tot!

keine Verkürzung:
Twitter macht mit Infos, was RTL mit den Nachrichten gemacht hat: schnelles Infotainment - leichte Kost für zwischendurch. Die Vermutung, dass das bloße Anreissen wahres Interesse weckt, hat schon bei TV-News nicht funktioniert.

Kurz: es gibt keine Woodwards, Walraffs, Langbeins auf Twitter

Es gibt auch bei den Zeitungen keine Woodwards, Walraffs und Langbeins mehr.

Recherche kostet Zeit und Geld. Der Kostendruck zwingt immer mehr Zeitungen, fast jede Nachricht bei den Agenturen einzukaufen und völlig unüberprüft (und nicht selten mit nahezu unglaublichen Fehlern behaftet, wie jeder von euch schon hundert mal erlebt hat) zu veröffentlichen.

Nicht Twitter ist das Problem.
Daß sich nicht einmal die APA oder REUTERS Woodwards, Walraffs und Langbeins leistet, ist das Problem!

Oh doch, die gibt es. Die Walfraffs von heute sind in chinesischen Sweat Shops, in der Crunch Time bei großen Softwarekonzernen oder in der US-Armee. Und was die so erleben findet man auf Youtube oder Reddit. Die größten Enthüllungen der letzen Dekaden wurden alle über das Netz verbreitet.

Es gibt keine Eigentümer oder Chefredakteure die wohlmeinend, voreingenommen oder böswillig selektieren. Die Verantwortung liegt beim Nutzer. Die Macht - und das Wissen - der Masse hat sich als durchaus verlässlicher Filter erwiesen. Heilige und Genies sind selten. Halbwegs vernünftige und intelligente Menschen gibt es aber sehr viele.

unsinn.

alleine schon zum punkt "#aufschrei": 1. hat sich dadurch eine diskussion entwickelt, die in deutschland immer noch anhält. 2. ist #aufschrei für den grimmepreis nominiert. und das ist gut so. es haben sich 3. menschen zu gemeinsamen aktionen formiert, die vorher keinen oder kaum kontakt hatten.
zusammenfassen fürs phrasenschwein. totgesagte leben länger.

diese romantische vorstellung, es gäbe keine woodwards, walraffs oder langbeins auf twitter ist natürlich auch unsinn. die journalisten sind schon da, wikileaks kommuniziert ganz stark über twitter, aber die ergebnisse werden natürlich woanders präsentiert.

in dieser diskussion werden - beginnend mit dem vöz - immer kraut und rüben vermanscht. social media ist keine konkurrenz.

Ich sehe das Problem ja wo anders

Die redaktionelle Arbeit passiert ja in den Zeitungen, die muss auch bezahlt werden. Im Netz werden diese Informationen dann aber Konsumiert aber vom Konsumenten nicht direkt bezahlt. Die Onlineplattformen finanzieren sich über die Werbung. Die haben ja im Verhältnis viel geringere Kosten. Das wird sich über auf längere Zeit nicht ausgehen. Das Zeitungssterben hat ja schon begonnen.

Dafür kann es vielen vielen LeserInnen da draußen sagen, dass es eine Reportage überhaupt gibt und ihnen Lust darauf machen, sie zu lesen.

Kann man das auch einmal den Kollegen sagen, die im Leistungsschutzrecht nach deutscher Manier ihr Heil suchen!?

Aua....

....die bedenken der VÖZ werden da schon sehr überheblich und auch nicht sehr intelligent aus dem Weg geräumt. Nehmen wir ein Beispiel: " Diese haben lediglich den Vorteil, dass sie auf eine größere Menge an Expertenenwissen zurückgreifen können als in den Zeiten des Web 1.0" Wie wollen sie prüfen wer Experte ist? Weil der Kerl nen Twitter-Channel mit 10.000 Fuzzis hat? Sorry aber Wissen ist absolut und hat nix mit einer Amazon Kundenwertung zu tun.

"Wissen ist absolut"

Ach so? Wo ist denn dieser Archimedische Punkt, an dem alles absolut und unbezweifelbar verankert ist?

Seit Jahrtausenden sucht man und du wirfst so ein großes Wort so mirnixdirnix da her. Du traust dich was.

in einem land, in dem die kronenzeitung ~50% der bevölkerung erreicht wirkt ihre argumentation etwas grotesk.

Lisa Stadler
21

Das prüfen die Medien. Das führe ich mit der Gatekeeper-Funktion aus, die gleichzeitig wichtiger wird, aber auch von den UserInnen kontrolliert wird. Deswegen bleiben Medien weiterhin wichtig, weil ja irgendwer prüfen muss, ob die Dinge stimmen. Im Idealfall natürlich ;-)

Merkwürdige Schlussfolgerung

Die Schlussfolgerung ist einfach nur eine Behauptung. Das wohl hinter dieser Aussage liegende "Riepl'sche Gesetz" wird immer wieder in Frage gestellt.

Die ganzen "Gratismedienmodelle" schwächen die traditionelle Presse wirtschaftlich - und machen diese abhängiger - das ist natürlich am Ende Pressefreiheitsabbau.

Recycling von Inhalt, Aggregation von Information, Wiedergeben von Informationen aus zweiter Hand - das ist völlig neu - und es gibt bis heute wenige Modelle, die wirtschaftlich funktionieren. Derzeit läuft das Meiste auf Kosten der klassischen Medien. Das kann nicht ewig gut gehen, wie mit den Schulden, die man auf Kosten der Nachfolgegeneration macht.

Ich denke, auf beiden Seiten müssen Veränderungen her.

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