Die Gründe weiblicher Täterschaft

2. Mai 2013, 18:35
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"Täterinnen!"-Monolog-Abende mit "Covergirl" und "Kommandeuse"

Zwei Frauen begehen Verbrechen, deren Grausamkeit Entsetzen auslöst. Die eine, Ilse Koch, stiftet als Frau des Kommandanten des KZ Buchenwald zu Körperverletzung und Mord an, die andere, US-Army-Soldatin Lynndie England, verkörpert durch ihre Beteiligung an der Folter von Irakern im Gefängnis von Abu Ghraib das böse Amerika. Zwei sehenswerte Monologe an einem Abend mit dem Übertitel "Täterinnen!" hinterfragen im Theater Nestroyhof Hamakom Herkunft und Verhaltensmuster weiblicher Täterschaft.

Barbara Gassner versteht es auf hervorragende Weise, das "Covergirl" Lynndie England darzustellen. Sie zeigt die knapp 21-jährige Frau, deren Fotos mit Häftlingen an der Leine 2004 um die Welt gingen, impulsiv und wechselt gekonnt zwischen männlichem Kriegsgehabe, unterwürfiger Frau mit Blondhaarperücke und mütterlicher Fürsorge. Der Text von Barbara Herold erzählt die Geschichte einer Durchschnittsamerikanerin, die sich, inspiriert von Actionkriegsfilmen, früh für die Army begeisterte, sich bei Eintritt in den vor Männlichkeit strotzenden Vorgesetzten verliebt, völlig unvorbereitet in den Irakkrieg abkommandiert wird und sich auf perverse und menschenunwürdige Spielchen einlässt. Regisseurin Barbara Schulte inszeniert reduziert und stimmig.

Verwelkte Eichenblätter oder Asche fallen nach der Pause. In "Die Kommandeuse" von Gilla Cremer ist es wiederum die Schauspielerin, die brillant das verbrecherische Verhalten einer Sadistin und Uneinsichtigen nach und nach offenlegt: Ingrid Lang als Ilse Koch rezitiert in altertümlich-aufreizender Unterwäsche (Kostüm: Sabine Volz) deutsche Dichtkunst, besingt Natur und Vögel und reitet sich hoch zu Ross durch die Betten der Nazi-Eliten.

In der etwas zu lang geratenen Inszenierung von Frederic Lion steht die abermals beklemmende Frage im weitläufigen Bühnenraum, was diese sexuell gesteuerte Frau antreibt und woher ihre Überzeugung stammt, alles als Verschwörung gegen sie anzusehen. Antworten gibt's keine. Aber eindrucksvolles Theater. (gil, DER STANDARD, 3.5.2013)

3., 4. und 8.-11. 5., 20.00

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