Mit sehr langem Atem

2. Mai 2013, 17:51
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Jon Irabagon füllt mit einem durchgehenden Saxofonsolo ganze Konzerte. Nun gastiert er beim Ulrichsberger Kaleidophon

Ulrichsberg - Seit dem Gewinn der Thelonious Monk International Saxophone Competition anno 2008 gilt Jon Irabagon als kommender Mann seines Fachs. Dem 34-jährigen, in Chicago als Sprössling philippinisch-amerikanischer Eltern aufgewachsenen Tenoristen und Altisten läuft der Ruf voraus, muskulöse Virtuosität mit scheuklappenlosem Spielwitz zu verbinden - etwa als Mitglied von Bassist Moppa Elliotts exzentrischen Jazz-Guerilleros Mostly Other People Do The Killing.

Unter eigenem Namen meldete sich Irabagon anno 2010 mit einer Arbeit zu Wort, die Augenbrauenheber-Qualität besitzt. Foxy (Hot Cup Records) bezieht sich augenzwinkernd auf das berühmte Sonny-Rollins-Opus "Way Out West" von 1957. Anstelle eines Saxofonisten in Cowboy-Montur posiert nun allerdings eine Bikini-Blondine mit Plastik-Kaktus auf dem Cover. Und auch musikalisch hat es das Album in sich: Wie einst Rollins tritt Irabagon am Tenorsaxofon mit Bassist (Peter Brendler) und Schlagzeuger (Barry Altschul) an, im Gegensatz zum Saxophone Colossus improvisiert er freilich mit mächtigem, kraftvollem Ton ganze 78 Minuten lang ohne Unterbrechung. Es ist dies das möglicherweise längste je auf CD veröffentlichte Solo der Jazzgeschichte. Wobei Irabagon nicht nur durch bemerkenswerte Physis überzeugt, sondern auch durch den beständigen, kurzweiligen Ideenfluss.

Dieser sportliche Akt, bei dem die musikalische Sub-stanz nicht zu kurz kommt, ist samstags beim Ulrichsberger Kaleidophon zu bewundern, dessen kontrastreiches Programm heuer besonders verlockend erscheint: Simon Nabatov präsentiert seine virtuose Hommage an den früh verstorbenen Pianistenkollegen Herbie Nichols, die Berliner Formation Heliocentric Counterblast um Saxofonistin Kathrin Lemke intoniert ein krachendes "Tribute to Sun Ra". Von Mats Gustafsson (im Trio Gush) über das Duo Marilyn Crispell / Gerry Hemingway bis zum formidablen, frei improvisierenden Trio Elliott Sharp / Melvin Gibbs / Lucas Niggli ist vieles versammelt, was Rang und Namen hat. Dem Mühlviertel steht ein erfrischend lautes Wochenende bevor!   (Andreas Felber, DER STANDARD, 3.5.2013)

3.-5. 5., Ulrichsberg, Badergasse 2

  • Trägt zwar keine Cowboy-Montur, posiert aber mit einem Plasik-Kaktus: Jon Irabagon.
    foto: nathan kuruna

    Trägt zwar keine Cowboy-Montur, posiert aber mit einem Plasik-Kaktus: Jon Irabagon.

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