WJC setzt Zeichen gegen Antisemitismus in Ungarn

3. Mai 2013, 00:01
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Aus Protest gegen das zunehmend minderheitenfeindliche Klima in Ungarn hält der Jüdische Weltkongress seine Vollversammlung in Budapest ab. Begründung: Das Land befinde sich auf einem gefährlichen Irrweg

Es kommt selten vor, dass der Jüdische Weltkongress (WJC) nicht in Jerusalem tagt. Und noch nie hat der Dachverband der jüdischen Organisationen seine alle vier Jahre stattfindende Vollversammlung in Osteuropa abgehalten. Dass die Standortwahl für das Plenum, das am Sonntag beginnt, auf Budapest fiel, hat einen guten Grund. "Ungarn - das Land, in dem die drittgrößte jüdische Gemeinde der Europäischen Union beheimatet ist - befindet sich auf einem gefährlichen Irrweg", schrieb WJC-Präsident Ronald S. Lauder schon im März.

Seit dem Amtsantritt von Premier Viktor Orbán 2010 habe die Zahl antisemitischer und Roma-feindlicher Zwischenfälle dramatisch zugenommen, so Lauder. Der rechtspopulistische Regierungschef habe sich zum "Vordenker des ungarischen Nationalismus" gewandelt und rede oft dem rechten Rand nach dem Mund.

Minderheitenfeindliches Klima

Tatsächlich wächst das Unwohlsein vieler Juden in Ungarn. Der Musiker Péter Gerendás kündigte im April überraschend an, auswandern zu wollen. Als Grund gab er eine Mischung aus existenziellen, wirtschaftlichen Nöten und dem wachsenden Hass auf die jüdischen Bürger an. Gerendás ist im Land durchaus bekannt.

Auch viele jüdische Jugendliche geben an, ihre Zukunft nicht mehr in Ungarn zu sehen. Auch bei ihnen vermengen sich Motive der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit mit dem Unbehagen über ein zunehmend minderheitenfeindliches Klima.

So wurde am Wochenende Ferenc Orosz, der Vorsitzende der im Minderheitenschutz aktiven Raoul-Wallenberg-Gesellschaft, von ultraradikalen Fußballfans zusammengeschlagen. Orosz hatte die berüchtigten Ultras des Budapester Klubs Ferencváros bei einem Match aufgefordert, mit dem Brüllen von "Sieg Heil!"-Parolen aufzuhören. Die Fans beschimpften ihn als "jüdischen Kommunisten" und fügten ihm eine Nasenbein-Fraktur zu.

Janusköpfige Politik Orbáns

Der Vorfall wurde von ungarischen Regierungsmitgliedern entschieden verurteilt. Im Vormonat ließ Orbán eine Biker-Kundgebung der rechtsextremen Partei Jobbik verbieten. Die "national empfindenden Motorradfahrer" wären gerne unter der zynischen Parole "Gib Gas!" vor die Große Synagoge in Budapest gefahren. Eine geplante antisemitische Kundgebung der Jobbik zu Beginn des WJC-Plenums könnte gleichfalls untersagt werden.

Doch Orbáns Politik ist janusköpfig. Den wenigen Gesten der Ablehnung antisemitischer Äußerungen stehen die Duldung und Förderung eines geistigen Klimas gegenüber, in dem Antisemitismus gedeiht. So werden Blut- und Boden-Schriftsteller der Zwischenkriegszeit wie Albert Wass oder Jozsef Nyirö öffentlich geehrt und in die Schullehrpläne gehoben. Der Orbán-Freund Zsolt Bayer konnte sich unwidersprochen darüber beklagen, dass nach den Massakern der Horthy-treuen Freikorps im Jahr 1919 nicht genügend Linke und Juden "im Sand verscharrt wurden".

Orbán wird beim Eröffnungsdinner des WJC-Plenums persönlich das Wort ergreifen. (Gregor Mayer, DER STANDARD, 3.5.2013)

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    Juden in Ungarn protestierten schon vor Monaten gegen Nazismus und Antisemitismus.

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