"Um sich zu erinnern, muss man vergessen"

Interview2. Mai 2013, 17:30
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Das Schweizer Festival Visions du Réel widmete Eyal Sivan eine Meisterklasse - der israelische Dokumentarfilmer über verdinglichte Bilder, Opfer und deutsche "Übertäter"

Seit 1995 in der heutigen Form stattfindend, gilt das Festival Visions du Réel im Westschweizer Nyon als eines der wichtigsten internationalen Festivals für Dokumentarfilm. Special Guest bei der diesjährigen Ausgabe war der israelische Filmemacher Eyal Sivan. Sivan wird als politisch höchst kontroverser Regisseur gehandelt. Er übt in seinen Filmen Kritik an politischen Systemen - allen voran an seiner Heimat Israel. Visions du Réel widmete ihm ein Atelier: Interessierte konnten einen Tag lang eine Meisterklasse bei ihm besuchen.

STANDARD: Ihr erster Film, "Aqabat-Jaber - Vie de Passage" (1987), erzählt vom Leben in einer Zwischenstation, einem palästinensischen Flüchtlingscamp. Warum haben Sie angefangen, Filme zu machen?

Sivan: Ich war ein prätentiöser Bursche und glaubte, eine Theorie von Darstellung zu haben. Ich hatte die Schule nicht abgeschlossen, war ungebildet, aber ich glaubte an diese Theorie. Vom Dokumentarfilm hatte ich keine Ahnung, aber ich liebte diese Form von Kino. Das Thema traf sich mit meiner politischen Überzeugung: eine Kritik am Umgang mit den Palästinensern. Zugleich geht es um den Umgang mit der Kamera.

STANDARD: Wie sieht der aus?

Sivan: Es geht um die Sichtbarkeit der Kamera. Das Gegenteil vom Modell "Fliege an der Wand". Mein erster Film startet damit, dass ein Mann sagt: "Die wollen einen Film über uns machen." Dass wir in einem Kino sind, dass da eine Kamera ist, das ist für mich eine sehr wichtige Bedingung: Wir zeigen die Dinge in einem Rahmen. Das ist nicht die Realität, sondern eine Repräsentation von Realität.

STANDARD: Ihre Filme erzählen immer wieder davon, wie politische Systeme auf Mythen aufgebaut werden. Ist das nicht dasselbe Konzept von Repräsentation?

Sivan: Nehmen wir meinen zweiten Film, "Izkor - Les esclaves de la mémoire" ...

STANDARD: ... in dem Sie zeigen, wie das israelische Bildungssystem Kinder über nationale und religiöse Gedenktage auf eine Identität einschwört.

Sivan: Natürlich machte ich diesen Film als politischer Aktivist. Zugleich geht es um die Beziehung zwischen Erinnerung und Kino. Es gibt zwei Möglichkeiten, sich dokumentarisches Kino vorzustellen. Die eine ist: Wir, die Filmemacher, zeigen dem Zuschauer etwas. Ich ziehe eine andere Deutung vor: Um zu zeigen, müssen wir verstecken. Ein Rahmen ist kein Fenster, es ist eine Wand mit einem Loch. Auch um sich zu erinnern, muss man vergessen. Zudem ordnen wir Ereignisse immer auf einer Zeitachse an - etwa wenn wir sagen, nach dem Mittelalter kam die Renaissance. Niemand sagte damals: Jetzt ist Mittelalter, aber in einem Monat wird Renaissance sein. Das wurde immer erst danach geschrieben.

STANDARD: Ist dies das Paradigma, das Ihr filmisches Schaffen mit politischem Aktivismus verbindet?

Sivan: Exakt. Michel Foucault sagt, Politik ist, Dinge mit Wörtern zu machen. Ich ergänze: Dinge mit Bildern zu machen. Wir entscheiden, wann etwas Vergangenheit ist und wann Gegenwart. Ein Beispiel: bestimmte Länder, in denen der Nazismus geendet hat, aber es keine Entnazifizierung in den Köpfen gab. Geschichte wird geschrieben von denen, die Macht haben. Meine Rolle ist es, eine Gegengeschichte vorzuschlagen. Deshalb glaube ich, der wichtigste Punkt beim Filmemachen ist die Montage. Montage ist kein Schnitt - Schnitt heißt Schneiden, aber es geht darum, etwas zu bilden. Zu verweigern, dass, was gesagt wurde, die absolute Wahrheit ist.

STANDARD: Weil die Wahrheit immer subjektiv ist?

Sivan: Der Zuschauer soll nicht fragen: Was sehe ich? Sondern: Was wird mir gezeigt? Ich sehe ihn nicht als Schwamm - sondern als aktives, denkendes Subjekt.

STANDARD: "Un Spécialiste" (1999) zeigt Material aus dem Eichmann-Prozess. Es gab Fälschungsvorwürfe, Sie hätten Aussagen von Holocaust-Opfern so montiert, dass es wirkt, als würde ein Zeuge gefragt, warum er sich nicht gegen die Deportation gewehrt hätte - und dazu schweigt. Wollten Sie zeigen, wie die Holocaust-Opfer benutzt und manipuliert werden?

Sivan: Mich interessiert der Täter, nicht das Opfer. Opfer sind ständige Figuren in der Dokumentation. Arme, Flüchtlinge, Holocaust-Überlebende, alles Elend der Welt. Kino wurde geboren in einem Moment der Säkularität. Das Opfer am Bildschirm ersetzt die christliche Kirche. Es leidet für uns. Wenn ich fühle, dass es leidet, bedeutet das, dass ich ein guter Mensch bin. Ich wollte das verschieben. Dieses Opfer erlöst uns nicht. Es stellt uns infrage.

STANDARD: Der Film war eine Koproduktion mit dem österreichischen Fernsehen. Wie wurde hier auf den Film reagiert?

Sivan: Kein Händeschütteln, kein "Ich mag Ihren Film nicht", nichts. Ich versuche, etwas zu provozieren. Und in Österreich kann man nichts Schlimmeres tun, als zu provozieren. Ich glaube, das österreichische Fernsehen hat nie wieder einen meiner Filme gekauft.

STANDARD: Der zweite Teil von "Aqabat-Jaber" trägt den Untertitel "Frieden ohne Rückkehr" (1995). Die Flüchtlinge beharren darin auf ihre Rückkehr. Ist das nicht auch ein Konstrukt?

Sivan: Natürlich gibt es den Mythos des verlorenen Paradieses. Aber sie artikulieren damit auch ihren Widerstand. Es geht um Anerkennung. Der Film entstand, als das Interimsabkommen Oslo II unterzeichnet wurde und alle von Frieden redeten. Aber das Problem ist nicht die Besetzung, es ist die ethnische Säuberung von 1948. Die Tatsache, dass die Welt im Namen der Opfer des Holocausts akzeptiert hat, dass die Juden Palästina ethnisch gesäubert haben. Der Link ist Europa.

STANDARD: Deutschland bezeichnet die Sicherheit Israels als Staatsräson. Sind Sie auch dieser Meinung?

Sivan: Deutschland hat seine Vergangenheit in einer sehr aufrichtigen Weise verarbeitet. Aber es gibt ein Problem. Die Übermensch-Figur des deutschen Faschismus wurde ersetzt durch die Figur des Übertöters. "Wir sind die schlimmsten Killer." Dasselbe mit den Juden: Sie wurden vom Untermenschen zum Über-Opfer. Deutschland hat nichts verstanden. Sie helfen Israel dabei, Täter zu werden - weil sie Opfer waren.

STANDARD:  "État commun" (2012) zeigt eine "potenzielle Konversation" zwischen Palästinensern und Juden. Glauben Sie an eine Zwei-Staaten-Lösung?

Sivan: Ich glaube nicht daran, die Illusion der Realität vorzuziehen. Ich bin Dokumentarist, und ich sehe einen Staat. Zwei Staaten sind keine Lösung, sondern ein Diskurs. Einer, der erlaubt, die Situation so zu lassen, wie sie ist. Brechen wir mit diesem Paradigma. Reden wir über Demokratie. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 3.5.2013)

Eyal Sivan, geboren 1964 in Haifa, lebt seit 1985 in Paris. Er ist neben Avi Mograbi einer der wichtigsten israelischen Dokumentarfilmer.

  • Der israelische Dokumentarfilmer Eyal Sivan, Special Guest bei der diesjährigen Ausgabe des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel.
    foto: eyal sivan

    Der israelische Dokumentarfilmer Eyal Sivan, Special Guest bei der diesjährigen Ausgabe des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel.

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