Die Verzweiflung einer Generation

2. Mai 2013, 17:52
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Finanzhai-Dekonstruktion: Das Theaterstück "Wir verkaufen immer" im Foyer des Landesmuseums Kärnten

Als das Kärntner Landesmuseum das Publikum mit einer Dessous-Schau in seine Hallen zu locken versuchte, platzte der Regisseurin Ute Liepold der Kragen: Sie rief medial zum Widerstand gegen den Sexismus auf. Ein halbes Jahr und einen Museumsdirektor später gelingt Liepold im Foyer des Landesmuseums das, was sie am besten kann: Sie setzt im Theaterstück Wir verkaufen immer drei Frauen kraftvoll in Szene. Der Text stammt von Robert Woelfl, der für das Stück mit dem Dramatikerpreis des Klagenfurter Stadttheaters 2011 ausgezeichnet wurde.

Die Textmontage, voll von Verdoppelungen und Wiederholungen, besticht vor allem durch die einfache Struktur und die Aussagekraft der immer wiederkehrenden Sätze, und sie dekonstruiert das Geschrei um die Wirtschaftskrise. Die ungreifbare Bedrohung wird heruntergebrochen auf das Schicksal von drei kleinen Finanzmenschen, die sich, um zu überleben, in die Finanzmaschinerie einordnen und ihr eigenes Sein, jegliche Empathie und ihr Denken der Gier nach Finanzabschlüssen unterordnen. Gespielt werden die Finanzhaie von drei Frauen - Jutta Fastian, Magda Kropiunig und Nadine Zeintl.

Mit atemberaubender Bühnenpräsenz sowie leidenschaftlichem, groteskem und einfühlsamem Spiel machen die Akteurinnen die Textmontage zu einem in jeder Minute beklemmenden und hochspannenden Drama von Weltformat. Jeder Satz wird von den drei tragischen Heldinnen in fast jeder Nuance der Gefühlsskala mit Leben erfüllt. Parallel zum fast akrobatischen Schauspiel, oft hinter Masken und in berückenden Kostümen (Michaela Haag), wird das Innenleben der Akteurinnen auf das marmorierte Ambiente projiziert, die Zerbrechlichkeit der Protagonistinnen rührt zu Tränen - bis sich Nadine Zeintl die Verzweiflung einer ganzen Generation von der Seele schreit.

Es bleibt zu hoffen, dass die Inszenierung - ähnlich wie Alma von Paulus Manker - auf Welttournee geht. Zu bespielen wären alle Börsenfoyers der westlichen Finanzwelt. (szg, DER STANDARD, 3.5.2013)

Vorstellungen: 3., 4., 14. und 15. 5., 20.00

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