"Far Cry 3 Blood Dragon" im Test: Trashig-gut wie Rambo auf VHS

5. Mai 2013, 12:00
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Wieso selbst große Spielstudios öfter Risiken eingehen sollten

Stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der die Actionfilmhelden der 1980er-Jahre immer noch regieren und sich das Flimmern angestaubter Röhrenfernseher mit bionischen Hightech-Waffen vereinen lässt. Fügen Sie dem Gemisch noch eine ebenso große Portion Selbstironie hinzu und vermengen das Ganze mit den Produktionsqualitäten aktueller Videospiele.

"Far Cry 3 Blood Dragon" könnte als Ergebnis dieses Experiments bezeichnet werden. Ein unterirdisch schönes, eigenständiges Spin-off der "Far Cry"-Serie, das das angestaubte Shooter-Genre karikiert und bis auf die dahinterstehende Technologie und Spielmechanik nichts mit dem Namensgeber gemeinsam hat.

AAA Super Hero

In der Rolle von Sergeant Rex Power, halb Mensch, halb Maschine, "100 Prozent Amerikaner" und Veteran des zweiten Vietnamkriegs, begibt man sich auf einen Rachefledzug gegen seinen ehemaligen Offizier und dessen Killer-Cyborg-Armee. Von den endlosen Flächen des Synthesizerorchesters getragen, taucht man in eine Welt des Neonlichts, pumpt mit allen erdenklichen Mordinstrumenten Blei in Latexgewebe und trifft dabei fast jeden wunden Punkt kontemporärer Videospielproduktionen. Rex Power hasst Tutorials, weil sie in 90 Prozent der Games langweilig umgesetzt sind. Er pfeift auf aufgesetzte Hintergrundgeschichten, weil er sowieso nur Dinge in die Luft jagen möchte und er steht auf grelle Farben, weil das Gros der Shooter nur Grau- und Brauntöne kennt.

Bodybuilding und verstohlene Blicke

Die Geschichte ist betont an den Haaren herbeigezogen und stückelt sich in Zeichentrickzitaten des Tschingbumkinos zu einer andauernden und überaus erheiternden Persiflage auf das Shooter-Genre und dessen zahlungswillige Konsumentenschafe zusammen. Kameradschaft wird mit einem testosterontriefenden Handschlag zweier Muskelbusenfreunde symbolisiert, das Böse mit der Ermordung des einen Busenfreunds und die Leidenschaft zwischen Superheld und der helfenden Wissenschaftlerin kulminiert in einer unvergesslichen Aneinanderreihung von verstohlenen Blicken und Bodybuilding-Übungen.

Reminiszenz an "Duke Nukem"

Die Karikatur dessen, woraus heutige Blockbuster-Games vom Schlage "Call of Duty" geschmiedet sind, würde nicht funktionieren, wenn "Blood Dragon" selbst kein guter Shooter wäre. Von "Far Cry 3" in kleinerem Maße in das Weltuntergangsszenario übertragen wurde die offene Spielwelt samt Fahrzeugen und eroberbarer Außenposten ebenso, wie die Nebenmissionen und die freigestellte Spielweise. Rexs Bizeps lässt sich genauso zur Befeuerung mit einer Gatling nutzen, wie zur hinterhältigen Überwältigung mit dem Kampfmesser. Seine Cyborg-Qualitäten erlauben ihm Gegner aus der Ferne zu identifizieren und zu markieren oder sich selbst zu heilen. Der automatisiert aufgerichtete Mittelfinger darf als Reminiszenz an den "forever" gescheiterten "Duke Nukem" verstanden werden.

Blutdrachen und kybernetischen Herzen

Für ein wenig Willkür und Nervenkitzel sorgt die Bevölkerung der verstrahlten Erde mit imposanten Blutdrachen. Tödlich, aber unparteiisch, blind, aber hellhörig, mit Leuchtfarbe bemalt und Laserstrahlen schießend, stellen sie für alle Parteien eine permanente Gefahr dar. Ein Risiko, das sich allerdings schadenfreudig zu eigenen Gunsten einsetzen lässt, indem man die Riesen mit kybernetischen Herzen in Gegnerhorden lockt. Es sind jene Momente, die weniger repetitiv wirken, als sich wie Running-Gags anfühlen. Und sollte man einmal vergessen, lautlos an den Ungetümen vorbeizuschleichen, wird man zumindest daran erinnert, dass man selbst als wandelnder Terminator nicht unbesiegbar ist.

Erfrischende Eintagsfliege

Die Dauerpersiflage wird über die Hand voll Spielstunden bis zum rahmengerechten Knalleffekt zum Schluss voll ausgekostet und damit unweigerlich auch zum Opfer ihrer selbst. Die Aufnahmefähigkeit selbst für appetitlich wiedergekäuter Dämlichkeiten ist begrenzt, weshalb "Blood Dragons" Fundament kein tiefgehenderes Erlebnis tragen würde. Angesichts des niedrigen Preises von 15 Euro geht das jedoch in Ordnung. Für das gleiche Geld sieht man bei anderen Franchises oft nicht mehr als eine Sammlung zusätzlicher Mehrspielerkarten.     

TLDR

Bei allem Trash und aufgewärmten VHS-Erinnerungen ist die Message des Experiments und Marketing-Coups "Far Cry 3 Blood Dragon" so gewiss stärker als das Spiel selbst. Es ist ein Beweis dafür, dass die träge gewordenen Produzenten ultraaufpolierter Dosenkost sich ruhig öfter aus dem Fenster lehnen könnten. Es ist die surreale Umgestaltung eines Spieluniversums, die kein bloßer Aufguss des Bekannten ist, sondern mit vertrauten Vehikeln neue Horizonte erschließt. Ubisoft hat einen Weg gefunden, experimentieren zu können, ohne dabei ein allzu großes Risiko eingehen zu müssen. Die Spielwelt wäre ein inspirierenderer Ort, würden nun auch die restlichen Branchenriesen diesem Pfad folgen. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 5.5.2013)

(Video: Far Cry 3 Blood Dragon - Launch Trailer)

Links

Far Cry 3 Blood Dragon

Anm. d. Red.

Das Rezensionsmuster zu "Far Cry 3 Blood Dragon" wurde von Ubisoft bereitgestellt.

  • Far Cry 3 Blood Dragon
Für: PC, PS3, Xbox 360 (Download)
Von: Ubisoft
Ab: 18 Jahren
UVP: 14,99 Euro
    foto: ubisoft

    Far Cry 3 Blood Dragon

    Für: PC, PS3, Xbox 360 (Download)

    Von: Ubisoft

    Ab: 18 Jahren

    UVP: 14,99 Euro

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