New York University: Des Managers Freud ist des anderen Leid

7. Mai 2013, 16:25
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Ein Misstrauensvotum gegen den Präsidenten der New York University hat in den vergangenen Wochen Fragen zur Entwicklung amerikanischer Privatuniversitäten aufgeworfen. Versuch einer Gesamtdarstellung

New York - John Sexton ist ein ehrenwerter Mann. Der Präsident der New York University (NYU) ist bekannt für seinen jovialen Umgang mit Kollegen wie mit Studenten. Die Erscheinung des bekennenden Baseball-Liebhabers ist von Grund auf positiv, im persönlichen Umgang gibt er sich menschennah und unkompliziert. Seit einigen Monaten allerdings mehrt sich gegen den geselligen Geist seitens der eigenen Belegschaft intensiver Widerstand - eine Entwicklung, die Mitte März in einem historischen Misstrauensvotum kulminiert ist: Im Zuge einer einwöchigen Onlineabstimmung sprachen die Professoren der Graduate School of Arts and Science, der größten Fakultät der NYU, ihrem Rektor die Führungsqualität ab - eine deutliche Mehrheit von 298 zu 224 Stimmen entzog John Sexton das Vertrauen.

Zwar hat das Votum keine bindende Wirkung - für die ambitionierten Pläne Sextons, die Position seiner Hochschule in der globalen Liga der prestigeträchtigsten Unis zu konsolidieren, ist es dennoch ein herber Rückschlag. Dabei fällt es gar nicht leicht darzustellen, worauf sich das professorale Misstrauen letztlich gründet. Sicher ist, dass Sextons Administration, die seit 2002 ihre Tätigkeit verrichtet, an mindestens drei Flanken gehörig Staub aufgewirbelt hat.

Horrende Abfertigungen

Da geht es zunächst um den Fall des Juristen Jacob Lew, der im Februar dieses Jahres das US-Finanzministerium von Timothy Geithner übernommen hat. Lew diente der NYU in den Nullerjahren als Vizepräsident, verließ die Institution aber 2006 für einen Job beim Finanzdienstleister Citigroup. Das Dubiose daran: Obwohl Lews Abgang aus freien Stücken geschah, bedachte man ihn mit einer großzügigen Abfertigung von 685.000 US-Dollar (circa 526.000 Euro). Darüber hinaus gewährte ihm die Universität eine Hypothek von 1,5 Millionen Dollar (rund 1,15 Millionen Euro), wovon ihm allerdings 440.000 Dollar (rund 338.000 Euro) erlassen wurden.

Neben weiteren fragwürdigen Entschädigungen für prominente NYU-Abgänger sorgt auch die zweifelhafte Praxis für Aufregung, ehemaligen Managern weiterhin soziale Leistungen zukommen zu lassen: So verfügen etwa John Sextons Vorgänger, John Brademas und L. Jay Oliva, weiterhin über Apartments in Lower Manhattan, die ihnen seitens der Universität zur Disposition gestellt worden waren. Die Materie war unlängst auch Inhalt einer Anfrage durch den Justizausschuss des US-Senats an John Sexton - aus dem Anfragetext geht hervor, dass die NYU Hypotheken im Wert von 72 Millionen Dollar (rund 55,3 Millionen Euro) an insgesamt 168 Personen vergeben hat.

Derartige Freigiebigkeiten sorgen nicht zuletzt deshalb für Unmut, weil sie vor dem Hintergrund der massiven Verschuldung passieren, in die sich viele NYU-Studenten durch die drückende Studiengebührenlast gedrängt sehen. Die New York University zählt zu den teuersten Universitäten der Welt - die jährlichen Studiengebühren bewegen sich bei 50.000 Dollar (rund 38.400 Euro), dazu kommen die hohen Lebenshaltungskosten in New York City.

Die zweite offene Flanke der Sexton-Administration nennt sich "NYU 2031" . Dabei handelt es sich um einen ambitionierten Plan, bis zum Jahr 2031 die universitäre Infrastruktur um mehr als eine halbe Million Quadratmeter auszubauen. Den Kern des Vorhabens bildet der projektierte Neubau einer Reihe von Gebäuden südlich des Washington Square, dem Zentrum der Universität im New Yorker Greenwich Village. Von Beginn an sind Anrainer gegen das Projekt sturmgelaufen - das schöne Stadtbild des Village solle nicht durch hässliche Hochhäuser zerstört werden, außerdem erwarte man den Verlust wertvoller Grünflächen. Interessanterweise schlossen sich auch viele NYU-Professoren dieser Opposition an. Die Argumente reichen dabei von einer befürchteten Kostenexplosion bis hin zum Eingeständnis, dass man nicht die kommenden 20 Jahre auf einer Baustelle leben und lehren wolle (viele Mitarbeiter der Universität wohnen in Apartmentkomplexen, in deren unmittelbarer Nähe der sogenannte Sexton-Plan realisiert werden würde).

Global Network University

Schließlich und drittens entwickelte John Sexton seine Universität zur "Global Network University", das heißt, er eröffnete ein globales Netz an Studienstandorten, um seinen Studierenden die internationale Mobilität zu erleichtern. Dazu kommt ein vollwertiger zweiter Campus in Abu Dhabi, ein dritter in Schanghai ist gerade im Entstehen. Dies entspricht einem Trend, dem sich eine Vielzahl amerikanischer Universitäten in den letzten Jahren verschrieben haben: In Doha, Katar, zum Beispiel, haben sich Institutionen wie Georgetown, Northwestern oder Carnegie Mellon angesiedelt; die Duke University werkt momentan an einem Campus in Kunshan, China; und die Eliteschmiede Yale errichtet mit der National University of Singapore ein gemeinsames College.

Von den Uni-Managern hört man dazu meist dieselben Argumente: Es gehe um interkulturellen Austausch, um die kosmopolitische Idee von Bildung, darum, mit der Globalisierung Schritt zu halten. John Sexton selbst zitiert in einem langen Grundsatzessay zur Global Network University die humanistische Geistesgeschichte von Konfuzius bis Kant rauf und runter. Aber natürlich geht es auch um Geld: Die lokalen Regierungen im Mittleren Osten wie in Ostasien gewähren großzügi- ge Anschubfinanzierungen, die transnationalen Außenposten lassen sich generell viel billiger betreiben als die Mutterschiffe daheim in den Staaten. Fraglich bleibt auch, wie es möglich sein soll, akademische Freiheit in Ländern aufrechtzuerhalten, die regelmäßig durch die Beschneidung von Menschenrechten auffallen.

Ein Grundtenor, der sich durch all diese Belange zieht, ist, dass die Professorenschaft sich bei sämtlichen die Weiterentwicklung ihrer Universität bestimmenden Entscheidungen übergangen fühlt. Daher das Unbehagen, daher das Misstrauen. Unmittelbar nach dem Votum an der NYU hat sich das universitäre "Board of Trustees", das oberste Entscheidungsgremium, hundertprozentig mit Sexton solidarisiert. In der offiziellen Stellungnahme heißt es allerdings: "Wir stimmen darin überein, dass die Stimme der Belegschaft für die Entwicklung unserer Universität gehört werden und eine tragende Rolle spielen muss." Ob und wie dieses Versprechen sich einlöst, wird entscheidend sein - nicht nur für die akademische Zukunft am Washington Square, sondern für die strukturelle Ausrichtung US-amerikanischer Privatunis insgesamt. (Dominik Zechner, DER STANDARD, 3.5.2013)

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    Am New Yorker Washington Square, dem Campus der New York University, fliegen die Fetzen: 298 Professoren sprachen ihrem Rektor das Misstrauen aus.

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