Das Casa Museo Isla Negra in Chile

2. Mai 2013, 17:01
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Woran Pablo Neruda starb, bleibt bis heute ungeklärt. Wie der Nobelpreisträger in Chile lebte, lässt sich in der Casa Isla Negra leicht rausfinden

"Ich fand ein Steinhaus direkt am Ozean, an einem Ort, den keiner auf der Welt kennt", schrieb Pablo Neruda in seiner Autobiografie Ich gestehe, ich habe gelebt. Das Haus ist heute die Casa Museo Isla Negra und mit über 250.000 Besuchern jährlich längst kein Ort mehr, den niemand kennt.

Als der Schriftsteller das Stück Land in Isla Negra - der Schwarzen Insel, die in Wirklichkeit gar kein Eiland ist - 1939 von einem spanischen Seemann kaufte, bestand es lediglich aus einem Steinhäuschen mit drei Zimmern. Erst durch Um- und Anbauten wurde daraus im Laufe der Jahre ein stattliches Anwesen mit ineinander verschachtelten Gebäuden. In seiner Form sollte dieses Ensemble, das rund 120 Kilometer westlich der Hauptstadt Santiago liegt, an die Gestalt Chiles auf einer Landkarte erinnern - Neruda wollte das so.

Bewappnet mit einem Audioguide auf Englisch und der vierseitigen Hochglanzbroschüre starten wir die Tour. "Fangen Sie bitte mit der Besichtigung des Wohnzimmers an und drücken Sie dazu die Taste eins", erklärt uns der Angestellte des Besucherzentrums, der aufpasst, dass in den Räumlichkeiten keiner fotografiert. Das Wohnzimmer lassen wir zunächst dennoch rechts liegen und biegen links ins Esszimmer ab - ein Blick durch das Fenster hat uns neugierig gemacht.

Dort schaut die schwedische Sopranistin Jenny Lind sehnsüchtig über den mit bunten Kristallgläsern gedeckten Esszimmertisch hinweg in Richtung Pazifik. Ihre großen Erfolge feierte sie vor über 150 Jahren, doch auf Isla Negra lebt sie als Galionsfigur weiter. Es ist nur eine von vielen, die der Sammler Neruda im Laufe seines Lebens erwarb. Denn seine Sammelleidenschaft grenzte an Besessenheit: Die Räume sind vollgestopft mit Skulpturen, Masken, Gemälden, Porzellan, Spielzeug, Türgriffen, Seekarten, Navigationsinstrumenten, Modellschiffen und allem, was das Meer ihm direkt vors Haus spülte. Wie die Ladeluke eines Schiffes, die Neruda zu seinem Schreibtisch verarbeiten ließ. Allein in Isla Negra setzte er 3500 kuriose Objekte aus aller Welt gekonnt in Szene.

"Diese Objekte waren unsere Reisegefährten auf Schiffen, in Zügen und Flugzeugen", erinnerte sich Matilde Urrutia, Nerudas Ehefrau, in ihrer Autobiografie. "Sie kreuzten unsere Wege, als ob sie von uns angezogen worden wären." Das wird schon so gewesen sein, denn mit dem Ausmaß von Nerudas Sammelwut wuchs auch das Anwesen in Isla Negra unablässig. "Wenn ich mich nicht dafür entschieden hätte, mein Leben der Poesie zu widmen, wäre ich Baumeister geworden", sagte Neruda immer wieder.

Steuermann eines Couchtischs

Der Gang durch die Räume gleicht einer magischen Reise. In jedem Zimmer erwartet uns eine andere Überraschung: Das Wohnzimmer ist voller Galionsfiguren, die Nerudas lebenslange Liebe zum Meer widerspiegeln. Riesige Holzengel, die mit Ketten an der Decke befestigt sind, schweben durch den Raum. Der Couchtisch ist ein mit Glas versehenes Steuerrad eines Schiffes. Neben dem Fenster steht an der Wand noch ein weiteres Steuerrad, das zu einem weitaus größeren Schiff gehört haben muss, und auf beiden Seiten des mit großen runden Steinen ummauerten Kamins lehnen verrostete messingfarbene Schiffsanker. Die Hausbar besteht aus einem Sammelsurium leerer Flaschen in allen Farben und Formen. In die Balken hat Neruda die Namen toter Freunde geritzt: etwa die der Schriftsteller Federico García Lorca, Paul Éluard und Nazim Hikmet.

Eine gewundene Treppe führt hinauf ins Schlafzimmer. Die Fensterfront, die an zwei Wänden vom Boden bis zur Decke reicht, gibt einen spektakulären Blick auf den Pazifik und den schwarzen Felsenstrand frei. Das Aufwachen in diesem Bett muss wie in der Luxussuite eines Kreuzfahrtschiffes gewesen sein. Doch die Zwischentüren in den Gebäuden sind schmal und niedrig - für den hochgewachsenen Dichter viel zu niedrig. "Neruda wollte sich auf Isla Negra wie auf einem Segelschiff fühlen", sagte einmal Rafita, sein langjähriger Handwerker.Wohl auch deshalb sind die mit afrikanischen Masken geschmückten Holzkorridore in allen Gebäuden so eng wie auf einem alten Dreimaster.

Kurios sind die umfangreiche Schmetterlingssammlung mit riesigen Exemplaren, die vielen astrologischen Tabellen und der Schreibtisch seines Vaters, der als Skulptur ohne Funktion an der Wand hängt. Das Arbeitszimmer führt schließlich in einen weiteren Raum, der in erster Linie Nerudas Muschelsammlung enthält. Unter den 650 Exemplaren sind einige von gigantischer Größe. Auch der degenförmige Zahn eines Narwals gehört offensichtlich zu dieser Sammlung.

Das kurioseste Gebäude der Isla Negra ist aber der Pferdestall, den Neruda einzig und allein für ein Reittier aus Pappmaché errichten ließ, das er auf einer Auktion ersteigert hat. Die braune Skulptur in Lebensgröße steht gesattelt im gelb gefärbelten Stall, gerade so, als warte sie auf den nächsten Ausritt. Neruda nannte sie das glücklichste Pferd der Welt. "In meinem Haus habe ich eine Sammlung kleiner und großer Spielsachen, ohne die ich nicht leben kann. Ein Kind, das nicht spielt, ist kein Kind. Und der Mann, der nicht spielt, hat sein inneres Kind für immer verloren. Ich habe mein Haus als Spielhaus gebaut und spiele darin von morgens bis abends", schrieb Neruda in seiner Autobiografie.

Mit Isla Negra verband ihn eine lebenslange Liebe. Es war der Ort, an dem fast all seine Gedichte entstanden. Er starb 1973, nur wenige Tage nach dem Militärputsch - unter welchen Umständen soll nun endgültig mit modernen forensischen Methoden geklärt werden. Die Pablo-Neruda-Stiftung wies jedenfalls bisher die Theorie zurück, wonach der überzeugte Kommunist unter Pinochet ermordet wurde.

Erst nach dem Ende der Pinochet-Diktatur konnte Nerudas letzter Wunsch erfüllt werden, den er in seinem 1950 vollendeten Werk Canto General geäußert hatte: "Genossen, begrabt mich in Isla Negra, gegenüber dem Meer, das ich kenne, an jenem rauen, steinigen Ort mit den Wellen, die meine verlorenen Augen nicht wiedersehen werden." (Cornelia Lohs, DER STANDARD, Rondo, 3.5.2013)

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    Alles um Pablo Nerudas Isla Negra erinnert an eine einsame Insel, obwohl sein Anwesen auf dem chilenischen Festland steht. Auch die vermeintliche Osterinsel-Statue, die vielmehr den versteinerten Blick des Poeten auf den Pazifik festhält.

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    Das Haus des Schriftstellers auf Isla Negra.

  • Anreise & Info 
Günstige Nonstop-Flüge von Wien nach Santiago de Chile zum Beispiel mit Condor; weiter mit dem Mietwagen in etwas mehr als zwei Stunden nach El Quisco; die Casa Museo Isla Negra ist montags geschlossen - nur geführte Touren: www.fundacionneruda.org.
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    Anreise & Info

    Günstige Nonstop-Flüge von Wien nach Santiago de Chile zum Beispiel mit Condor; weiter mit dem Mietwagen in etwas mehr als zwei Stunden nach El Quisco; die Casa Museo Isla Negra ist montags geschlossen - nur geführte Touren: www.fundacionneruda.org.

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