Ein Stück Provence in Rudolfsheim-Fünfhaus

2. Mai 2013, 09:39
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Michaela Reitterer, Eigentümerin des Boutiquehotels Stadthalle, blickt von ihrer Dachwohnung im 15. Bezirk auf ein Lavendelfeld

Michaela Reitterer, die Eigentümerin des Boutiquehotels Stadthalle Wien, des weltweit ersten Stadthotels mit Null-Energie-Bilanz, blickt von ihrer Dachwohnung im 15. Bezirk auf ein blühendes Lavendelfeld.

"Die Wohnung, die sich auf dem Dach meines Hotels im 15. Bezirk befindet, habe ich vor zwölf Jahren bezogen. Ich liebe diese Gegend, auch wenn das viele nicht verstehen. Ich hab ihr den Spitznamen "Little Istanbul" gegeben. Ich mag das, wenn der kroatische Friseur neben dem türkischen Zuckerlgeschäft angesiedelt ist. Man ist auch schnell im Zentrum oder am Brunnenmarkt, wo ich mit dem Elektroscooter zum Einkaufen hinfahre.

Meine Wohnung bildet quasi den vierten Stock des Gebäudes, sie misst 200 Quadratmeter und gliedert sich in drei Flügel. In einem Teil haben meine zwei mittlerweile schon erwachsenen Kinder gewohnt. Dort ist jetzt ein Raum für Gäste und eine Infrarotkabine untergebracht, sagen wir: ein kleiner Wellnessbereich mit Balkon. Dann hätten wir noch ein großes Schlafzimmer mit offenem Bad und den Wohnbereich mit seiner sehr offenen Küche. Auf der gegenüberliegenden Seite der Terrasse liegt mein Büro. Es ist nicht schlecht, wenigstens eine kleine räumliche Trennung zwischen privat und geschäftlich zu haben. Und das sogenannte Wurscht-Zimmer gibt es auch noch. Das ist meine Bezeichnung für die Abstellkammer. Dort ist einfach wurscht, wie es aussieht.

Die Idee, auf das Hotel obendrauf zu bauen, kam mir, weil es schwierig gewesen wäre, hier Zimmer anzulegen. Das hat mit Fluchtwegen und anderen Dingen zu tun. Meine Hotelierskollegen haben mich allesamt gefragt, ob ich denn wahnsinnig sei. Aber ich hab ein tolles Team, das mich in meiner Freizeit in Ruhe lässt, auch wenn ich durch die Lobby muss, um in die Wohnung zu gelangen. Was ebenfalls für diese Lösung sprach, war die Möglichkeit, in der Nähe der Kinder zu sein, während ich arbeitete.

Mir war wichtig, viel Wohnraum zu haben, die Terrasse kann man eh nur vier Monate im Jahr nützen. Ich würde den Charakter der Wohnung mit modern, aber trotzdem gemütlich bezeichnen. Lässig könnte man auch sagen. Es gibt hier Stücke aus der ganzen Welt, denn ich reise leidenschaftlich gerne. Das ist meine größte Umweltsünde. Was meinen Geschmack in Sachen Möbeln betrifft, gibt's keine fixen Regeln. Wenn ich einem Teil begegne, das mir gefällt, dann weiß ich: 'Du kommst mit mir mit. Du hast auf mich gewartet. Ich weiß das ganz genau.' Das kann eine italienische Designerleuchte genauso sein wie ein chinesischer Schrank oder ein marokkanisches Beistelltischchen. Besonders wohl fühle ich mich in meinem Lesesessel und in meinem Bett. Ich liebe mein Bett. Von dort sehe ich auf ein Flachdach, das mit Gräsern bepflanzt ist. Das heißt, ich schau vom Bett aus auf eine Wiese.

Ich glaube nicht, dass man als Hotelier einen anderen Bezug zum Wohnen hat. Ich habe immer schon gerne gewohnt. Für mich muss es gemütlich sein, das gilt ebenso für die Hotelzimmer. Das Wohlfühlen soll schon in der Lobby beginnen. Zu Beginn meiner Zeit hier hab ich öfters in einem der Hotelzimmer geschlafen, um herauszufinden, wo die Schwachstellen liegen. Das hat mir sehr geholfen.

Dort wo man gerne wohnt, dort lebt man. Für mich geht das Hand in Hand mit Wohlfühlen. Natürlich geht es auch um einen Ort des Rückzugs und der Stille, obwohl ich sehr gerne koche und Freunde zum Essen einlade. Wenn ich einen Wohntraum für mich definieren müsste, dann wäre das auf jeden Fall ein Ort mit Blick, egal ob am Meer oder in der Wachau. Es müsste einfach offen sein. So wie hier. Hier schaue ich auch auf ein Dach, das zum Hotel gehört und das ich mit Unmengen von Lavendel, aber auch mit Rosen bepflanzen ließ. Ein Stück Provence in Rudolfsheim-Fünfhaus." (DER STANDARD, Open Haus, 30.4./1.5.2013)

Michaela Reitterer wurde 1964 in Wien geboren. 2002 kaufte sie ihren Eltern das Hotel Zur Stadthalle ab und wandelte es Schritt für Schritt zum Boutiquehotel Stadthalle Wien um, dem weltweit ersten Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz. Reitterer wurde 2009 mit dem Umweltpreis der Stadt Wien und dem Österreichischen Staatspreis für Tourismus ausgezeichnet und 2010 mit dem Österreichischen Klimaschutzpreis. Im selben Jahr wurde sie zur Hotelière des Jahres gewählt. 2011 erhielt sie den Sterne-Award der WKO in der Kategorie "Nachhaltigkeit" und das fünfte Österreichische Umweltzeichen in Folge. Als erstes Hotel in Wien erhielt das Boutiquehotel Stadthalle zweimal das Europäische Umweltzeichen und den HolidayCheck Award 2013 als beliebtestes Hotel Österreichs.

Link

hotelstadthalle.at

  • Artikelbild
    foto: lisi specht
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    foto: lisi specht
  • Das beste Stück: Die Vase stammt von der Vorarlberger Künstlerin Margit Denz. Sie hat auch die Keramikherzen gemacht, die im Hotel zu finden sind, und ist mittlerweile eine gute Freundin. Die Vase hat sie mir geschenkt, und sie begleitet mich schon viele Jahre. Früher stand sie in der Küche, und ich hab mir an jedem Tag von neuem überlegt, welche Blumen ich hineingeben könnte.
    foto: lisi specht

    Das beste Stück: Die Vase stammt von der Vorarlberger Künstlerin Margit Denz. Sie hat auch die Keramikherzen gemacht, die im Hotel zu finden sind, und ist mittlerweile eine gute Freundin. Die Vase hat sie mir geschenkt, und sie begleitet mich schon viele Jahre. Früher stand sie in der Küche, und ich hab mir an jedem Tag von neuem überlegt, welche Blumen ich hineingeben könnte.

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