This is not a Streichelzoo

5. Mai 2013, 17:12
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Im Design Museum London ist derzeit die Ausstellung "Design of the year 2013 Awards" zu sehen. Christian Schachinger war dort und merkte, dass nicht jeder Sessel zum Sitzen da ist

Man hat es immer geahnt. Design ist oft auch mit Leiden verbunden. Beziehungsweise ist es bis zum Design oft ein ziemlicher Hatscher - und dann wird man am Ziel auch noch gemaßregelt. Design kann auch streng sein.

Man ist also mit der U-Bahn bis zum Tower of London gefahren, weil das Internet sagt, dass es von dort bis zum Design Museum nicht weit ist. Für die U-Bahn haben die Londoner übrigens ein anderes Wort als das für uns gewohnte "U-Bahn". Sie nennen das "Underground" und haben dafür eines der bekanntesten Logos überhaupt erfunden. Es wird in New York, Paris, Tokio sofort erkannt. Man bezeichnet so etwas als Weltmarke, obwohl es sich doch scheinbar nur um öffentlichen Verkehr handelt. Wir sind noch lange nicht im Design Museum London bei der Ausstellung zu den "Design of the Year 2013 Awards" und haben doch schon so viel zum Thema erfahren!

Durch eine Unterführung im berüchtigten Waschbetondesign der 1970er-Jahre powered bei Lagerhaus (Das ganze Leben ist Design!) geht es vorbei an der alten Burgfestung.

Ausstellungsobjekt bleibt Ausstellungsobjekt

Jetzt ist auf unserer Wanderung schon fast Brotzeit, wir müssen aber vorher noch über eine berühmte Brücke über einen berühmten Fluss. Sie kennen die Namen. Danach folgen die alten Docklands. Das sind Lagerhäuser, in denen jetzt junge erfolgreiche Leute ohne Kinder wohnen, die im Finanzspekulationsgeschäft tätig sind und deshalb in den dortigen Bars viele Longdrinks und französisches Essen zu sich nehmen müssen. Achtung, wenn man sich umdreht und das unfassbare neue Londoner Rathaus sieht, das der berühmte Architekt Norman Foster plante und das von Ortsansässigen als "Hoden aus Glas" bezeichnet wird, verläuft man sich nur noch zweimal und steht dann vor einem ehemaligen Bananenlagerhaus, das 1989 zu einem der weltweit bedeutendsten Designmuseen umgestaltet wurde.

Man kämpft sich durch Schulklassen, denen schöne Sessel und Mode und Grafik und Architektur eher egal sind, weil das das fundamentale Recht der Jüngeren ist: Mir ist das wurscht! Und man lässt sich unverdient ermattet auf eine Bank oder einen Sessel oder so etwas Ähnliches sinken. Nennen wir es Sitzgelegenheit. Jetzt erfolgt die eingangs erwähnte Maßregelung seitens der Museumsaufsicht. Sitzgelegenheiten sind zwar theoretisch zum Niederlassen da, aber Ausstellungsobjekt bleibt Ausstellungsobjekt.

This is not a Streichelzoo. Stühle sind politisch. Die "100 Chairs" von Marni aus Italien sind nicht nur überaus hübsche und bunte Spaghetti-Schaukelstühle. Sie wurden von kolumbianischen Gefangenen geschnürt, die sich damit wieder in die Gesellschaft eingliedern wollen. Früher nannte man das Stühle aus der Gefängniswerkstatt, heute sagt man Sozialplastik dazu. Gewonnen haben die 100 Sessel in der Kategorie Möbel nicht, ebenso wenig der Liquid Glacial Table aus durchsichtigem Acryl von Zaha Hadid oder ein belgisches Designerteil, das Sitzen und Buchregal im Geiste Mondrians verbindet.

Albtraum mit weißen Polkadots

Sieger wurde der deutsche Designer Konstantin Grcic, der mit seinem "Medici Chair" dem Aufkommen des Merkantilismus neue Aspekte abrang und auf Holz setzt. Ebenfalls auf den Rängen abgeschlagen: die schönen weißen, irgendwie zart verzogen wirkenden Corniches-Wandborde von Ronan & Erwan Bouroullec für die Firma Vitra als "verwendbare Skulpturen, eine Mixtur aus Einfachheit und Freude, Designer und Produzent". Hoppla, das hat jetzt richtig Klasse, man lese den Katalogtext weiter: "Die Wandhalterungen werden im Kontext ihrer selbst präsentiert, gleichzeitig sachlich-kühl und doch reflexiv bezüglich ihres jeweiligen Inhalts. Die Corniches sind anders als die anderen Wandborde, sie sind asymmetrisch und wirken zufällig. Dadurch reflektieren sie mehr Wahrheit über unseren Alltag als üblich."

Mit der unerfüllbaren Sehnsucht, zumindest im ersten Studienabschnitt Liebe zur Weisheit besser aufgepasst zu haben, schreiten wir die Mode in Bluejeans, Budapestern und grauem Mantel ab und bewundern den Sieger The Eye Has To Travel, eine Filmdokumentation über die bizarre ehemalige Vogue-Herausgeberin Diana Vreeland, oder einen Albtraum mit weißen Polkadots auf rotem Grund von Yayoi Kusama für Louis Vuitton. Wo findet man die sechsjährigen Kindergartenkinder, die sich eine Ledertasche im vierstelligen Eurobereich leisten wollen und sich stattdessen nicht lieber ein süßes Pony kaufen?

Den Grafikbewerb gewann übrigens die erfrischend kühle, neugestaltete Homepage der britischen Regierung: gov.uk. In der Architektur siegte ein renovierter Pariser Plattenbau aus den 1960er-Jahren. Im Museumsshop gab es zur Belohnung einen Zeichenblock, auf den man in 3-D zeichnen konnte. Wahnsinn. Der Rückweg zur U-Bahn war sehr weit und sehr, sehr beschwerlich. Eine Seifenschüssel, nein, ein Wandbord muss ab sofort mit anderen Augen betrachtet werden. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 3.5.2013)

  • Ebenfalls in London vertreten: die Ablageflächen "Corniches" der Gebrüder Bouroullec. "So wie man sein Badetuch an einen Felsvorsprung hängt, bevor man ins Meer taucht, braucht es auch im Alltag kleine Abstellflächen", erklären die Designer.
    foto: studio bouroullec

    Ebenfalls in London vertreten: die Ablageflächen "Corniches" der Gebrüder Bouroullec. "So wie man sein Badetuch an einen Felsvorsprung hängt, bevor man ins Meer taucht, braucht es auch im Alltag kleine Abstellflächen", erklären die Designer.

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