Die Ethik und der wissenschaftliche Fortschritt

1. Mai 2013, 22:58
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Österreich ist in Sachen Forschungsskepsis führend - Welche Grenzen braucht der Fortschritt?

Nicht nur in Sachen Bankgeheimnis, auch beim Umgang mit dem technologischen Fortschritt ist das Verhalten mancher österreichischer Politiker lachnummernverdächtig. Man nehme nur das EU-Abstimmungsverhalten in Sachen Neonicotinoide, also eines auch für Bienen schädlichen Insektizids. Zumindest für Wissenschaftsjournalisten und alle jene, die den Wissenschaftsteil des „Standard" und anderer Tageszeitungen lesen, ist in den letzten Monaten klar geworden, dass diese Wirkstoffe zum Bienensterben beitragen.

Allein, der Umweltminister braucht noch mehr wissenschaftliche Evidenz und verweist darauf, dass man in Osteuropa bei einem Verbot der gar zur grünen Gentechnik greifen könnte. Nun, wissenschaftlich stichhaltige Beweise dafür, dass die für ein Sterben von Bienen, Ratten oder anderen Lebewesen verursachen könnten, liegen nicht vor. Egal.

In den letzten Monaten gab es eine einzige Studie, die behauptete, dass der Konsum gentechnisch veränderter Pflanzen (konkret: Mais) bei Ratten das Krebsrisiko erhöhen würde. Nach wenigen Tagen war offensichtlich, dass diese Untersuchung wissenschaftlich wenig bis nichts wert ist (u.a zu geringe Fallzahl). Was macht die Wiener Umweltstadträtin Ulrike Sima? Sie lädt den Autor der Studie auf Kosten des Steuerzahlers nach Wien ein, um die ohnehin kaum mehr überbietbare Gentechnikangst weiter zu schüren.

Tatsächlich sind Österreich so etwas wie die Europameister in der Technologieskepsis, zumindest laut Eurobarometer-Umfrage 2010, die in 32 Ländern Europas (inklusive Schweiz, Türkei u. a.) abfragte, ob die Bevölkerung einer Reihe von Technologien zutraut, in den nächsten 20 Jahren das Leben zu verbessern. Konkret abgefragt wurden die Erwartungen unter anderem in Solarenergie, Windenergie, in Computer- und Informationstechnologien, in Nanotechnologie, Biotechnologie und Genetik sowie in Kernenergie.

Dass Herr und Frau Österreicher die Biotechnologie oder Kernenergie besonders skeptisch betrachten, ist nicht weiter überraschend. Allein, auch an Computer- und Informationstechnologien oder Raumfahrt finden die Österreicher wenig Gefallen. Besonders reserviert zeigt man sich in Österreich hinsichtlich biomedizinischer Technologie: Auch bei der Hirnforschung oder bei der synthetischen Biologie lagen die Zustimmungsraten in Österreich weit unter dem europäischen Durchschnitt.

Immerhin sind wir bei der Haltung zu gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln mittlerweile in der europäischen Normalität angelangt: Da ist man in fast allen Ländern Europas inzwischen ähnlich skeptisch wie in Österreich. Allerdings fühlten sich die Österreicher über Gentechnik in Nahrungsmitteln zumindest noch 2010 schlechter informiert als Bürger vieler anderer Länder.

Klar ist aber auch, dass der technologische Fortschritt auch für die Ethik neue Herausforderungen bedeutet. Er muss reguliert werden, denn nicht alles, was technisch möglich ist, dient auch dem Interesse des Individuums und der Gesellschaft. Doch wo und wie sollten die Grenzen gezogen werden? Wo sehen Sie die größten ethischen Probleme durch Forschung und Technologie auf die Gesellschaft zukommen? Was sollte besser reguliert werden?

Zur Klärung dieser Fragen will die EU-Kommission die Stimmen und Meinungen der Bürgerinnen und Bürger Europas hören. Der Standard unterstützt die Initiative mit dem Verweis auf die Umfrage " Wie bringen wir Fortschritt und Ethik auf einen Nenner?" - und ersucht um Antworten und Diskussionsbeiträge. (tasch, derStandard.at, 1.5.2013)

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