Sopranistischer Wirbelwind mit Hang zum Clownesken

1. Mai 2013, 19:59
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Sängerin Patricia Petibon und Pianistin Susan Manoff mit einem Recital: Viel Jubel, vier Zugaben

Wien - Darf ein klassisches Konzert denn so ganz und gar unterhaltsam sein? Manche langjährige Abonnenten des Liederzyklus im Mozart-Saal des Konzerthauses rümpften am Montag schon ein klein wenig die Nase angesichts des kunterbunten Requisitenarsenals, das die Sopranistin Patricia Petibon und ihre Klavierbegleiterin Susan Manoff im Laufe des Abends so auspackten.

Ruhig dastehen und subtil verinnerlichte hehre Seelenregungen heraufbeschwören: Das will die französische Sängerin nun wirklich nicht. Und das, obwohl sie allein mit ihrer Stimme genügend Faszinierendes zu bieten hätte.

Mit unverkennbarer Souveränität verfügt sie über jene Qualitäten, die von jahrelanger Beschäftigung mit den asketischen und dennoch so reichhaltigen Idealen der historisch informierten Aufführungspraxis herrühren: kerzengerade angesungene, makellose Töne, ganz offen und von lupenreiner Klarheit, manchmal ausdrucksvoll gefärbt, manchmal auch leise bebend oder aber um einen Hauch angeschliffen.

Auch das ungewöhnliche Programm mit französischem und spanischem bzw. lateinamerikanischem Schwerpunkt profitierte nachhaltig von diesen vokalen Fertigkeiten, die Petibon freilich meistens in der Verpackung der Artistik oder gar der Clownerie präsentierte. So ließ sie keine Gelegenheit aus, um die kleinen überdrehten Szenen von Francis Poulenc - etwa aus dem Zyklus Banalités - schauspielerisch zu untermauern.

Ebenso bunt wie die Liederfolge waren - in fast schon gewohnter, aber von Mal zu Mal gesteigerter Weise - die Gegenstände zur Illustration des Gesungenen. Dass sich die den ganzen Abend über kraftvoll-pointiert spielende Pianistin Manoff für Manuel Rosenthals L'éléphant du jardin des plantes einen Rüssel vor das Gesicht schnallte, wirkte zwar ein klein bisschen aufgesetzt, verfehlte aber seine Wirkung beim Gros des Publikums nicht.

Ab diesem Zeitpunkt war der Saal in Zirkuszeltstimmung und folgte mit lachenden Kinderaugen dem Geschehen, als Petibon dann mit einer Hühnerpuppe nachstellte, wie in Rosenthals Le bengali (Der Tigerfink) ein bedauernswerter Vogel in den Suppentopf fällt.

Bewundernswert, wie es Petibon bewerkstelligte, nach solchen Scherzen sich selber und das Auditorium für Maurice Ravels Shéhérazade wieder in den Zustand der Konzentration zu versetzen.

Etwas Ähnliches gelang ihr auch am Ende des Abends nach Leonard Bernsteins derb verblödelten Kochkunstliedern La bonne cuisine.

Ausgerechnet mit zwei absoluten Schlagern der Unterhaltungsindustrie griff die Sängerin nach den Sternen maximaler Ausdrucksintensität: Sowohl bei Over the rainbow als auch bei Granada versuchte sie einen Spagat zwischen opernhaft großem Stimmeinsatz und unmittelbarer Schlichtheit - ein Unternehmen, dem freilich aufgrund der Ohrwurmqualitäten und sonstigen Oberflächlichkeiten dieser Stücke natürliche Grenzen gesetzt sind. Viel Jubel, vier Zugaben. (Daniel Ender, DER STANDARD, 2.5.2013)

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    Vokalartistik und überdrehte Komik: Petibon.

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