Eine Pariser Flaniermeile namens Gorz

1. Mai 2013, 19:51
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Die nach einem in Österreich geborenen Philosophen benannte "Promenade des Berges de la Seine - André Gorz" sorgte im Pariser Stadtparlament für erheblichen Aufruhr

"Wer kennt schon André Gorz?" Diese fast existenzielle, um nicht zu sagen existenzialistische Frage stellte am Mittwoch ganz unverblümt Le Figaro. Und das Sprachrohr des konservativen Frankreich gibt gleich selbst die Antwort: "Abgesehen von ein paar Eingeweihten eigentlich niemand."

Das dürfte sich nun rasant ändern. Erstens wird André Gorz, in Wien geborener Sartre-Schüler und marxistischer Philosoph, einem frisch begrünten Seine-Ufer seinen Namen leihen. Und zweitens ist er wegen eben deshalb Gegenstand einer Polemik geworden, die zumindest in den Pariser Zirkeln für hohe Wellen sorgt.

Angedacht wurde die Quai-Taufe von der grünen Fraktion (EELV) der linken Stadtregierung. Diese verfolgt seit längerem das Ziel, die Schnellstraßen, die beidseits der Seine durch die französische Hauptstadt führen, durch Fußgängerzonen zu ersetzen. EELV-Vertreterin Fabienne Giboudeaux schlug vor, die Rive Gauche, also das linke Ufer, André Gorz zu widmen.

Existenzialismus

Der 1923 als Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen Holzhändlers geborene Österreicher hieß ursprünglich Gerhart Hirsch. Während des Zweiten Weltkrieges lernte er im Schweizer Exil seine spätere Frau, die britische Amateurschauspielerin Dorine, kennen. Wider all seine Prinzipien ging er mit ihr 1949 eine ganz bürgerliche Ehe ein.

Es folgten Jahre der Armut in Paris, bis ihm Dorine zu einem Dokumentalistenjob in einer Pariser Zeitschrift verhalt. Er machte sich einen Namen und arbeitete bald auch für die Revue Les Temps Modernes von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Gorz, der mittlerweile die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, spielte in der existenzialistischen Bewegung eine wichtige Rolle; mit Jean Daniel gründete er in Paris die heute wichtigste linke Wochenzeitschrift Frankreichs, Le Nouvel Observateur.

Einem breiteren französischen Publikum wurde er allerdings erst 2006 durch seinen Brief an D. bekannt - eine bewegende Hommage an seine todkranke Frau Dorine, mit der er ein Jahr später zusammen in ihrem Haus in Vosnon (östlich von Paris) aus dem Leben schied. Seine umweltgeprägten Denkmodelle überlebten ihn; das linke Onlineportal Mediapart widmete dem "Pionier der ökologischen Politik" zum Beispiel vor wenigen Tagen einen langen Beitrag.

Erhitzte Gemüter

Für die Pariser Grünen genügte das, um Gorz' Namen für die emblematische Umnutzung einer Autoschnellstraße zu einer Flaniermeile zu verwenden. Das war nicht nach dem Geschmack der bürgerlichen Oppositionspartei UMP. Ihr Vertreter Jean-François Legaret meinte, solche Quais seien Präsidenten wie François Mitterrand oder Georges Pompidou vorbehalten - letzterer hatte die Express-Straße in den Sechzigerjahren bauen lassen. Als Alternative und wegen der Nähe des Musée d'Orsay schlug er die Bezeichnung Promenade der Impressionisten vor.

Der Grüne Sylvain Garel antwortete leicht betupft: "Ein Präsident hat nicht automatisch das Recht, einer Straße den Namen zu geben, nur weil er Präsident ist. Pétain hat jedenfalls keine Straße mehr." Dieser Nachsatz war auf den Umstand gemünzt, dass die letzte Straße in Frankreich, die nach dem früheren Vichy-Chef benannt war, kürzlich umgetauft worden war. Auf der rechten Ratsseite des Stadtparlaments sprangen die Abgeordneten auf, vermeinten sie doch, der Gaullist Pompidou sei mit dem obersten Nazi-Kollaborateur Pétain verglichen worden.

Die Gemüter erhitzten sich, Augenzeugen sprachen von einem "Clash". Die Sitzung wurde unterbrochen. Nach dem Mittagessen präzisierte die linke Stadtverwaltung feierlich, es habe keine Absicht bestanden, Pompidou mit Pétain gleichzusetzen. Dafür wurde der Name der neuen Seine-Uferstraße in der Abstimmung per Mehrheitsbeschluss abgesegnet. Sie heißt nun offiziell Promenade des Berges de la Seine - André Gorz.

Dass diese einem ehemaligen Österreicher erwiesene Ehre keineswegs eine beliebige ist, zeigte sich in der gleichen Ratssitzung, in der ein - diesmal nicht von links stammender - Vorschlag, eine neue Pariser Straße nach Margaret Thatcher zu benennen, abgewiesen wurde. Und das ohne jeden Clash.          (Christoph Braendle aus Paris, DER STANDARD, 2.5.2013)

  • André Gorz (1923-2007) war Mitbegründer der linken Wochenzeitschrift "Le Nouvel Observateur".
    foto: a. gorz, rotbuchverlag

    André Gorz (1923-2007) war Mitbegründer der linken Wochenzeitschrift "Le Nouvel Observateur".

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