Suche nach Kohle und Öl birgt Milliarden-Risiken

1. Mai 2013, 18:43
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Das fossile Zeitalter geht in die Verlängerung. Trotz Klimaerwärmung, zu der Kohlenstoff beiträgt, wird weiter nach Öl-, Gas- und Kohlevorräten gebohrt

Wien - Peak Oil, Synonym für das nahende Ende des fossilen Zeitalters, scheint sich ein ganzes Stück weit nach hinten zu verschieben. Rund um den Globus stecken internationale Konzerne Milliarden in das Auffinden neuer Lagerstätten an Öl, Gas und Kohle - durchaus erfolgreich, wie die zunehmend größer werdenden Reservepolster der diversen Shells, Gasproms und BHP Billitons dieser Welt zeigen. Für die betroffenen Konzerne könnte sich ihr Treiben aber als sündhaft teure Fehlinvestition herausstellen.

Grund ist der Klimawandel, als dessen Hauptursache Wissenschafter den Verbrauch von Öl, Gas und Kohle ausgemacht haben.

Beim Verbrennen der fossilen Energieträger wird Kohlendioxid (CO2) frei - bei Gas vergleichsweise wenig, bei Öl schon um einiges mehr, bei Kohle sehr, sehr viel.

Blase

Mit einiger Berechtigung könnte man sogar sagen, dass sich gerade die nächste Blase bildet. Und die hat möglicherweise das Potenzial, beim Platzen noch größeren Schaden anzurichten als der Immobiliencrash, der die Märkte erschüttert hat.

Worum geht es eigentlich? Um Maßnahmen, die gesetzt werden müssen, um die voranschreitende Erderwärmung halbwegs erträglich zu gestalten. Wissenschafter haben schon vor Jahren Konsens darin gefunden, dass ein globaler Temperaturanstieg um durchschnittlich zwei Grad Celsius bis 2100 zwar schlecht für Mensch und Natur, aber doch noch halbwegs zum Aushalten ist. Dazu müsste aber der CO2-Ausstoß deutlich verringert werden.

Genau dieses Erfordernis wird jedoch mit Füßen getreten, wenn die Förderung von Öl, Gas und Kohle im bisherigen Tempo fortgesetzt wird. Denn mit der Suche nach neuen Kohlenwasserstoffen und der anschließenden Förderung ist es nicht getan. Am Ende der Verwertung steht die Verbrennung und damit unweigerlich die Emission von noch mehr CO2.

Nicht verbrennbar

Allein von börsenotierten Konzernen wurden im Vorjahr weltweit umgerechnet 514 Milliarden Euro in die Suche und Entwicklung neuer Kohlenwasserstoffvorräte gesteckt. Laut einer Studie müssten 60 bis 80 Prozent der in den Bilanzen von Exxon, BP und Co angegebenen Reserven als nicht verbrennbar eingestuft werden, wenn das Zwei-Grad-Ziel doch noch erreicht werden soll.

Die Studie, aus der dies hervorgeht, wurde kürzlich von Carbon Tracker, einem britischen Thinktank, und dem Klimaökonomen Sir Nicholas Stern von der London School of Economics unter dem Titel Unburnable Carbon veröffentlicht. Die Forscher kommen darin zu dem Schluss, dass sich das Volumen an "stranded investments" (verlorene Investitionen) bei fortgesetzter Explorationstätigkeit auf umgerechnet 4600 Milliarden Euro addieren könnte.

Allein die 100 größten Energiekonzerne der Welt verfügen laut Studie über Öl, Gas und Kohle, bei deren Verbrennung 745 Milliarden Tonnen CO2 anfallen würden. Dazu kommen noch die Reserven großer staatlicher Energiekonzerne, etwa in Russland oder China.

Das Hinausschieben des Fördermaximums (Peak Oil), das bei Rohöl schon erreicht schien, hat mit neuen Fördertechniken zu tun. Directional drilling (horizontales statt senkrechtes Bohren) und Fracking (Aufsprengen von Gestein unter starkem Druck mittels Beigabe von Wasser, Sand und Chemie) machten es möglich, Reservoirs anzuzapfen, die bisher als nicht ausbeutbar galten. Türöffner beim Auffinden neuer Lagerstätten sind unter anderem Verbesserungen in der 3-D-Seismik.

Wären die gut 500 Mrd. Euro, die in die Suche neuer Lagerstätten gegangen sind, in saubere Technologien gesteckt worden, wäre die Klimaerwärmung schon ein Stück weit gebremst. (Günther Strobl, DER STANDARD, 2.5.2013)

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