Qualitätsjournalismus ist "keine Domäne der Printzeitungen"

30. April 2013, 17:16
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VÖZ-Diskussion über Finanzierungsmodelle für Medien - Auch österreichische Verlage erwägen Bezahlschranken

Die einzige Konstante der Mediendiskussionen der letzten Jahre ist das Jammern, da verwundert eine Aussage am Dienstag umso mehr: "Österreich ist eine Insel der Seligen." Zumindest im internationalen Vergleich, das sagt  der Vorarlberger Verleger Eugen Russ. Allerdings nicht ohne zu relativieren: "Noch", denn die Verlage gerieten zunehmend unter Druck. Das zeige der Blick Richtung USA, oder näherliegend: das Schielen nach Deutschland, wo Zeitungen eingestampft und Redakteure entlassen werden. Die Leserzahlen seien zwar noch ziemlich stabil, das erodierende Werbevolumen könne durch Steigerungen im digitalen Bereich nicht aufgefangen werden.

Vorbild "New York Times"

Russ hofft auf der einen Seite auf eine substanzielle Erhöhung der Presseförderung, der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) fordert gar eine Verfünffachung auf 50 Millionen Euro, auf der anderen Seite setzt er auf Bezahlschranken, um Onlineinhalte zu monetarisieren. Als Vorbild für diesen "Paradigmenwechsel" könne die "New York Times" dienen, meint Russ, sie habe im ersten Jahr 67 Millionen Dollar mit ihrer Paywall generiert. Ein Modell der Zukunft oder wird Journalismus zur brotlosen Liebhaberei? Die Frage war am Dienstag Thema einer Diskussion, veranstaltet vom VÖZ am "Tag des Qualitätsjournalismus".

Österreich ist nicht die USA, die "Vorarlberger Nachrichten sind nicht die "New York Times". Das Paywall-Modell könne nicht so einfach auf Österreich umgelegt werden, warnt Gerlinde Hinterleitner, Geschäftsführerin von derStandard.at. Umgerechnet auf die Größe des Landes wären das gerade einmal 8.000 Abonnenten. Keine relevante Zahl, mit der sich ein Portal finanzieren lasse. "Leute zahlen nicht für Inhalte, sondern für Service", sagt Hinterleitner und betont: "Derzeit planen wir keine Paywall."

Informationsaustausch in beide Richtungen

Nicht Paid Content, sondern User Generated Content identifiziert Hinterleitner als Chance für Onlinemedien. Das Verhältnis zwischen Journalisten und Lesern werde sich fundamental ändern. "Journalisten werden nicht mehr auf einer Kanzel sitzen" und losgelöst von ihren Lesern agieren. Informationen würden noch stärker als bisher in beide Richtungen fließen. Den Rückkanal sollten sich Medien zunutze machen, denn: "Bei jedem Thema gibt es jemanden, der besser Bescheid weiß als der Journalist." Ein Nährboden für besseren Journalismus also. Von dem Transformationsprozess betroffen seien auch Zeitungen, sie müssten sich neu positionieren. Weg von der Tagesaktualität, hin zur Hintergrundberichterstattung.

Mit User Generated Content wenig anfangen kann hingegen Thomas Götz von der "Kleinen Zeitung". Die Erwartungen hinkten der Realität hinterher, die Beiträge der Leser wären größtenteils "unsäglich". Diskreditierungen in Foren stünden an der Tagesordnung, argumentiert Götz.

"Presse": Bezahlschranke für gewisse Bereiche

"Es gibt eine rote Linie für Qualität." Für Rainer Nowak, den Chefredakteur der "Presse", wurde diese Linie noch nicht überschritten. Trotz des jüngsten Sparprogramms, das die Styria der "Presse" oktroyiert: "Es kommt auf die richtigen Leute an". Und die sitzen seiner Meinung nach bei der "Presse" noch an den Schalthebeln. Und zwar unabhängig von der Plattform, denn: "Qualitätsjournalismus ist keine Domäne der Printzeitungen", sagt Nowak. Um diesen unabhängig vom Nachrichtenkanal zu ermöglichen, verschließt sich auch die "Presse" dem Thema Bezahlschranke nicht. "Für Detailbereiche arbeiten wir daran", verrät Nowak.

An der Umsetzung eines Hybridmodells arbeitet Florian Skrabal, Mitgründer des Rechercheportals dossier.at. Neben Spenden, bis jetzt rund 10.000 Euro, bietet dossier.at Rechercheleistungen für Medien an. Namhafte Auftraggeber konnten bereits gewonnen werden, erzählt Skrabal. Weitere Erlösquellen sollen Stipendien sein oder eine neue Software, die gerade entwickelt werde, um an Medienhäuser verkauft zu werden.

Gemeinsame Redaktion nach Spardiktat

"Ökonomische Zwänge" ortet Josef Trappel, Medienökonom von der Universität Salzburg, wenn die Diskussion über integrierte Newsrooms geführt werde, also die Verschränkung von Print und Online: "Verlage führen ihre Redaktionen aufgrund der ökonomischen Lage zusammen und nicht, um eine bessere Qualität zu erhalten." Onliner sollten online machen, die wüssten, wie es geht: "Die experimentieren damit, spielen mit diesem Material." Laut Trappel könne online nicht die Probleme am Zeitungsmarkt lösen. Bezahlschranken und digitalen Zeitungen steht er skeptisch gegenüber: "Wenn es ein Rupert Murdoch nicht stemmt, wie soll es dann ein österreichischer Verlag stemmen?" Murdochs "The Daily", eine reine Tablet-Zeitung, wurde nach 22 Monaten eingestellt. 100.000 Abonnenten reichten nicht, um das Medium profitabel zu machen.

Punkten mit eigenem Content

Von Profitabilität ist auch die digitale Ausgabe der "Vorarlberger Nachrichten" noch ein Stück entfernt. Die Aboquote liegt bei drei Prozent, bis Ende des Jahres werden es sieben Prozent sein, hofft  Verleger Eugen Russ. "Qualität abseits von Agenturmeldungen" werde sich durchsetzen, ist er überzeugt. In den USA hätten bereits 400 Zeitungen Paywalls implementiert. "Selbst die 'Bild'-Zeitung in Deutschland arbeitet daran", so Russ.

Der Axel Springer-Verlag, zu dem die "Bild-Zeitung" gehört, geriere sich gerne als Vorreiter, wenn es um den Erfolg von digitalen Erlösquellen gehe, meint Medienwissenschaftler Trappel. Ein Feld, das nicht unbedingt etwas mit Journalismus zu tun habe, denn Geld verdient der Verlag etwa mit Job- und Wettportalen – und nicht mit Publizistik. "Werbung verabschiedet sich vom Inhalt", konstatiert Trappel, der als Beispiel Google und Facebook erwähnt. Und: Gespart werde dann beim Journalismus: "Da braucht es einfach ein neues Geschäftsmodell." (Oliver Mark, derStandard.at, 30.4.2013)

  • Am Podium v.l.n.r.: Josef Trappel (Universität Salzburg), Gerlinde Hinterleitner (derStandard.at), Eugen Russ (Russmedia), Julia Schnizlein (APA), Rainer Nowak (Presse), Florian Skrabal (dossier.at) und Thomas Götz (Kleine Zeitung).
    foto: vöz/johannes brunnbauer

    Am Podium v.l.n.r.: Josef Trappel (Universität Salzburg), Gerlinde Hinterleitner (derStandard.at), Eugen Russ (Russmedia), Julia Schnizlein (APA), Rainer Nowak (Presse), Florian Skrabal (dossier.at) und Thomas Götz (Kleine Zeitung).

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