Ich fühle mich hier wie in einem Adlerhorst

1. Mai 2013, 09:48
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Eugen Otto, Geschäftsführer von Otto Immobilien, wohnt mit seiner Familie mitten im Grätzel der Wiener Innenstadt

Eugen Otto, Geschäftsführer von Otto Immobilien, wohnt mit seiner Familie mitten im Grätzel der Wiener Innenstadt. Er genießt die familiäre Umgebung, den Blick auf den Stephansdom und das Aussperren der großen Sensationen.

"Ich bin Gutachter und Hausverwalter, aus diesem Grund war ich schon in hunderten, wenn nicht tausenden Wohnungen zu Besuch. Wie man sich vorstellen kann, sind das nicht immer die Luxuswohnungen. Meist sind das ganz einfache Mietwohnungen, manchmal sogar Substandardwohnungen wie um 1900, mit einer einzigen Wasserstelle und Klo am Gang. 30-Quadratmeter-Wohnungen mit drei oder vier Bewohnern sind keine Seltenheit. Gerade deshalb begegne ich den Menschen und ihren Räumen mit Respekt, denn der eigene Wohnort ist - egal in welcher Form - immer etwas sehr, sehr Persönliches.

Dass jetzt ausgerechnet bei mir ein Journalist und eine Fotografin zu Besuch sind und Einblick in mein Innerstes haben, macht mich zugegebenermaßen ein bisschen verlegen, denn ich habe ein schönes Zuhause und kann hier mit meiner Familie gut und geborgen leben. Die Wohnung ist wie eine Hülle. Das ist der intimste und persönlichste Raum, den es für mich gibt.

Eigentlich beginnt das schon beim Grätzel. Ich bin in der Riemergasse aufgewachsen, im gleichen Haus, in dem sich heute unsere Kanzlei Otto Immobilien befindet, nur einen Steinwurf von hier entfernt. Ich liebe dieses Grätzel. Im ersten Bezirk zu wohnen ist, als würde man in einem Dorf leben. Hier bin ich so richtig zu Hause. Man kennt den Pizzaiolo, den Blumenhändler, den Apotheker, die Kellner im Kleinen Café.

Jedenfalls war ich davon überzeugt, dass mir hier in meinem Grätzel niemand mehr irgendwas Neues zeigen kann, aber dann sind wir auf dieses Haus gestoßen. Da gibt es einen Innenhof, den ich zuvor noch nie gesehen hatte. Wunderschön! Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1786 und wurde damals auf den Gemäuern eines alten Benediktinerklosters neu errichtet. Das Ganze steht unter Denkmalschutz und wurde vor einigen Jahren sehr behutsam saniert. An den Wänden befindet sich weißer Kratzputz. Der Sockel des Hauses ist mit den alten, historischen Grabsteinplatten des ehemaligen Klosters verkleidet.

Unsere Wohnung befindet sich im Dachgeschoß. Als wir das erste Mal reingekommen sind und die alten Holzbalken gesehen haben, da wussten wir: Das ist sie! Diese Wohnung hat auf uns gewartet! Die Atmosphäre ist großartig. Eigentlich haben wir alles so belassen, wie es war. Die einzige Änderung betrifft die Farbe an den Wänden. Bei der Auswahl der Wandfarben und Möbelstoffe war uns ein befreundeter Architekt aus Frankreich behilflich.

Ich würde unsere Wohnung als klassisch unaufdringlich beschreiben. Wir wollten einen Platz haben, wo wir uns unaufgeregt wohlfühlen können, wo die Sensationen der Welt draußen bleiben können. Eigentlich sehen wir aus dieser Wohnung nur die Dächer und den Himmel. Aus einem unserer Zimmer sehen wir sogar direkt auf den Südturm des Stephansdoms. Das ist für uns ein Mittelpunkt, eine Art Zentrum, jedenfalls eine große Bereicherung. Alles in allem fühle ich mich hier oben wie in einem Adlerhorst.

Die wohl größte Überraschung für all unsere Besucher sind unsere knalligen Bilder, die so gar nicht den sonst gedämpften Farben unserer Wohnung entsprechen. Im Wohnzimmer hängt ein riesiges Gemälde von Ryan McGinness. Das sind mehrfach übermalte Logos und Ornamente in recht schreienden Farben, und selbst heute noch, nach Jahren, entdecke ich immer wieder neue Details, wenn ich vorbeigehe. Und in der Küche hängt eine Arbeit von Peter Halley. Das ist der Ausblick aus seiner Gefängniszelle, gemalt mit schrillen Neonfarben.

Ein Wunsch für die Zukunft? Von der Lage her bin ich wunschlos glücklich. Das ist nicht mehr zu toppen. Aber ich muss gestehen, dass wir gerade ein Projekt vor Augen haben und in den nächsten zwei, drei Jahren möglicherweise von hier wegziehen werden. Vielleicht bin ich ja ein bisschen abergläubisch, aber mehr möchte ich dazu noch nicht verraten. Das muss noch unser Geheimnis bleiben." (DER STANDARD, Open Haus, 30.4./1.5.2013)

Eugen Otto ist Hausverwalter, Immobilienmakler und Sachverständiger. Er wurde 1962 in Wien geboren. Er studierte Jus in Wien und Salzburg und machte einen Immobilienlehrgang an der TU Wien sowie eine Sachverständigen-Ausbildung an der European Business School in Oestrich-Winkel, Deutschland. Das Familienunternehmen Otto Immobilien wurde 1956 gegründet und 1989 von Eugen Otto übernommen. Es ist auf Wohnen und Gewerbe spezialisiert und verwaltet 2800 Wohnungen und 500.000 Quadratmeter Büro- und Geschäftsflächen. Eugen Otto Immobilien ist Mitglied der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) und exklusiver Partner von Knight Frank. 2012 wurde es von der britischen Zeitschrift "Euromoney" zum besten Immobilienberater Österreichs gewählt.

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otto.at

  • Artikelbild
    foto: lisi specht
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  • Das beste Stück: Der Hocker stammt von meiner Mutter. Das ist ein Thonet, der um 1900 hergestellt wurde. Leider war mein Sohn eines Tages bei einer Saubermach-Aktion so überschwänglich, dass er das Original-Thonet-Etikett ganz ohne Rückstände runtergekletzelt hat. Und dann hat er ganz stolz gesagt: "Schau Papi, alles sauber!" Das passiert, so ist das Leben!
    foto: lisi specht

    Das beste Stück: Der Hocker stammt von meiner Mutter. Das ist ein Thonet, der um 1900 hergestellt wurde. Leider war mein Sohn eines Tages bei einer Saubermach-Aktion so überschwänglich, dass er das Original-Thonet-Etikett ganz ohne Rückstände runtergekletzelt hat. Und dann hat er ganz stolz gesagt: "Schau Papi, alles sauber!" Das passiert, so ist das Leben!

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