Mit Quanten heilen

    3. Mai 2013, 10:28
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    Das Prinzip der Quantenheilung: Der Mensch wird zum Schöpfer seiner eigenen Realität - Die Methode wirkt angeblich sofort und ist für jedermann erlernbar

    "Spirituelles Botox!", lautet der Slogan in einer kleinformatigen Zeitung und auf diversen Webseiten. Damit wird die Quantenheilung beworben. Sie soll "Probleme lösen, ohne darüber zu reden", körperliche und seelische Blockaden transformieren, Lebensthemen wie Geld, Beziehungen, Beruf lösen. Sie "setzt Potenzial frei. Bringt Freude und Leichtigkeit", heißt es in der Anzeige.

    Das Heilen mit Quanten hat sich in den letzten Jahren zu einem florierenden Geschäftszweig entwickelt. Einfach und schnell muss es gehen: "Quantenheilung wirkt sofort, und jeder kann es lernen", wird da versprochen, oder: "Quantenheilen in Eintageskurs erlern- und anwendbar!"

    So alt wie die Menschheit selbst

    Ob man nun selbst heilen oder geheilt werden will, das Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten ist komplex: Basis-Kurs, Master-Kurs, Practitioner-Kurs mit Diplomabschluss, aber auch Seminare fürs "Abnehmen leichter als im Schlaf mit der Quanten-Diät", Quantenheilungsseminare für Tiere, Pflanzen oder zur Burn-out-Prophylaxe für Ärzte und Therapeuten werden geboten.

    Bruce Lipton, Andrew Blake, Frank Kinslow, Gregg Bradon, Bruno Gröning, Eric Pearl, Richard Bartlett oder Joe Dispenza heißen die großen, vorwiegend männlichen Meister, die die Quantenheilung publik gemacht haben. Meist stehen vor ihren Namen Doktortitel, bei genauerer Recherche kann es sich auch um ein Doktorat in Maschinenbau handeln. Doch unter den Anbietern finden sich ebenso Schulmediziner, die die Quantenheilung für sich entdeckt haben und sich nun "Quantenmediziner" nennen.

    Unbewusste Bewusstseinstransformation

    Den Anspruch an Originalität schreiben sich die meisten Buchautoren, Praxis-Inhaber und Kurs-Anbieter nicht auf ihre Fahnen: Die Heilmethode sei so alt wie die Menschheit selbst, "jedem Einzelnen von uns wurde die Gabe der Heilung in die Wiege gelegt", heißt es auf einer einschlägigen Webseite. Die Hawaiianer würden sie schon seit Jahrhunderten praktizieren, "und sicherlich auch andere Völker auf die eine oder andere Art und Weise".

    Ein anderer Anbieter weiß: "Wir Menschen praktizieren unser ganzes Leben lang schon unsere Art der Bewusstseinstransformation, meistens aber eben nicht bewusst." So soll die sogenannte 2-Punkt-Methode zur Quantenheilung nachweislich bereits vor 3.000 Jahren von Urvölkern praktiziert worden sein.

    Austauschbare Begrifflichkeiten

    Dennoch erachten es einige für notwendig, sich ihre Methoden durch Patente schützen lassen: Methode Quantum Entrainment® (kurz QE®), QuantumTao®, Matrix Energetics® heißen die Marken. Samt Vermerk auf einer Webseite: "Bitte beachten Sie, dass die Begriffe Matrix Energetics®, Quantenheilung und QuantumTao® synonym benutzt werden." Jeder Begriff könne jederzeit durch einen der anderen beiden ersetzt werden.

    Was unter Quantenheilung nun konkret zu verstehen ist und was diese mit Quantenphysik zu tun hat, lässt sich dem Erklärungsdschungel im Internet kaum entnehmen. Manches klingt wie folgt: "Der menschliche Körper besteht im Wesentlichen aus Photonen und Licht, und die Kommunikation der Körperzellen untereinander erfolgt mittels Lichts. Angelehnt an diese Erkenntnisse ist die Quantenmedizin entstanden, die sich als Informationsmedizin versteht."

    Oder: "Bei der Quantenheilung richtet sich der Fokus des Heilens auf die Informationsebene, die Quantenebene eines Körper-Geist-Systems. Sie wirkt direkt auf der Zellebene. Durch Intention und Bewusstsein wirkt die Quantenheilung auf das Energiefeld ein, um den ursprünglichen Zustand der Matrix ohne hemmende Muster, Beschränkungen oder Blockierungen wiederherzustellen."

    Der wertfreie Blick

    Ein Versuch der Konkretisierung: Wer damit beginnt, anders zu denken, zu fühlen oder wahrzunehmen, soll mit Hilfe des Gehirns eine andere, neue Wahrnehmung erlangen; was einem anderen Bauplan im eigenen Körper entspricht, der sich exakt nach den neuen Vorstellungen ausrichten soll. Gleichzeitig würden neue, andere Ereignisse Einzug ins eigene Leben finden. Dieses könne sich also vollständig ändern, sofern man es nur wolle. Fazit: Jeder Mensch könne zum Schöpfer seiner eigenen Realität werden.

    Die Technik, die es dafür braucht, klingt simpel: Der Heilende legt seine Finger auf zwei oder drei Punkte am Körper und grenzt damit ein Quantenfeld ein, das es zu beobachten gilt. Er formuliert eine Intention, stellt das Denken ein, beobachtet wert- und beurteilungsfrei, lässt "es" geschehen. Zwei- oder Dreipunktmethode heißt das in der Fachterminologie.

    Fernheilung bei Mensch und Haustier

    Was während der Behandlung geschieht, wird folgendermaßen erklärt: Werde das Quantenfeld beobachtet, ändere es sein Verhalten. "Wellen bewegen sich dann wie Teilchen, was zur Folge hat, dass die Wellen kollabieren, das System sich dadurch neu aufbaut, quasi ein 'Reset' durchgeführt wird", heißt es auf einer Internetseite. "In vielen (allen?) Fällen passiert dann Heilung."

    Da es um Quanten geht, ist nicht einmal die physische Präsenz der Beteiligten vor Ort Voraussetzung. Die Punkte, die das Quantenfeld eingrenzen, sollen sich auch im Kopf miteinander verbinden lassen, weshalb die Quantenheilung Ferntherapie-tauglich ist; das gilt für Menschen ebenso wie für Tiere. Nichts weiter als die Bekanntgabe des eigenen Namens oder des Namens des Haustieres ist Voraussetzung dafür.

    Erfahrene Quantenheiler gehen noch weiter und lassen sogar die Punkte weg: "Wir wenden die Aussage 'Was heilt, ist die Liebe' wirklich an", erklärt einer. "Dabei entsteht eine derart intensive Kraft, dass immer wieder einmal jemand entdeckt, dass es ja eigentlich gar keiner zwei Punkte bedarf."

    Quantenheilung und Quantenphysik

    Was die Quantenheilung mit Quantenphysik zu tun hat? Auf jeden Fall versucht Erstere Letztere als wissenschaftstheoretischen Überbau heranzuziehen: "Bruce Lipton hat die Prinzipien der Quantenphysik auf die Zellbiologie angewandt", ist auf einer Webseite nachzulesen.

    Die Erklärung folgt: "Das wichtigste Prinzip ist dabei, dass das Quantenuniversum aus einer Ansammlung von Möglichkeiten oder Wahrscheinlichkeiten besteht, die auf die Gedanken des Betroffenen oder des Beobachters reagieren." Es gebe keine feste Realität, die Atome seien nur eine Anhäufung von Energie. Energie schwinge und verändere sich ständig. Damit sei jeder Zustand aktiv veränderbar.

    Vom Doppelspaltexperiment bis zu Schrödingers Katze

    Die Quantenheilung beruft sich unter anderem auf das Doppelspaltexperiment: Dieses soll zeigen, dass sich auf der Quantenebene ein Teilchen allein durch den Beobachter wie ein Teilchen verhält. "Ansonsten sind alle Möglichkeiten offen und gleichzeitig vorhanden", heißt es in einem Forum.

    Auch Schrödingers Katze leistet gute Dienste: Solange sie kein Beobachter beobachtet, ist sie sowohl tot als auch lebendig. Erst durch den bewussten Beobachter nimmt sie einen Zustand ein.

    Auf der Quantenebene braucht es also ein Bewusstsein, um Zustände einzunehmen. Soweit der wissenschaftliche Ansatz. "Kombiniert man diesen Umstand mit der Annahme, dass auf Quantenebene alles verändert werden kann, hat man die Grundlage für die Quantenheilung", wird als logische Schlussfolgerung verkauft.

    Da die Anwendung durch die Quantenheilung die eigenen Gefühle und in Folge die Realität verändere, werde man zum Schöpfer seiner eigenen Realität. Voraussetzung sei, "zu begreifen, dass man selbst das ganze Universum verkörpert, damit unsterblich ist und alles nach der eigenen Intention verändern kann."

    Vorwegnahme der Unwissenschaftlichkeit

    Dass Quantenheilung nicht wissenschaftlich erklärbar sei und es auch gar nicht sein soll, vermitteln manche Kursleiter gleich vorweg. Ein Beispiel: "Quantenheilung betritt einen Bereich, der mit dem Verstand kaum noch erklärbar ist. Kein Mensch weiß, was während einer Quantenheilung wirklich passiert.

    Aller Nicht-Erklärbarkeit zum Trotz haben zwei "Quantenmediziner" eine Studie mit 194 Teilnehmern zur Zweipunkte-Methode initiiert. Im Rahmen einer Laboranalyse samt Fragenkatalog soll das Stresshormon Cortisols Stress durch eine Anwendung im Schnitt um 30 Prozent gesunken, die Lebensqualität um 36 Prozent gestiegen sein. Auch drei Monate danach habe die Wirkung noch gehalten hätten, berichten die Verfasser, "und das ohne Nebenwirkungen."

    Wer krank ist, ist selber schuld

    Gänzlich nebenwirkungsfrei scheint die Quantenheilung auf den ersten Blick. Kann eine parawissenschaftliche Heilmethode, die auf Achtsamkeit und liebevolle Zuwendung setzt, negative Auswirkungen zeigen?

    Dazu folgendes Zitat einer Anbieterin, die den Gedanken, dass Quantenheilung den Menschen zu seinem eigenen Schöpfer macht, konsequent weiter gedacht hat: "Unsere Gefühle wirken direkt auf die Gene ein, die den Zellaufbau steuern. So entstehen Krankheiten wie Krebs, MS oder Alzheimer. Doch auch harmlose Erkrankungen wie eine Grippe folgen dem gleichen Mechanismus", schreibt die Medizinerin auf ihrer Webseite und gibt folgende Anleitung: "Zunächst einmal muss unser Bewusstsein verändert werden. Wir müssen erkennen, dass wir selbst Meister unseres Schicksals sind. Wir haben die freie Entscheidung, was wir sein möchten! Natürlich möchte kein Mensch krank und deprimiert sein!"

    So schnell lässt sich kranken Menschen die Verantwortung für ihre eigene Befindlichkeit aufbürden; bis hin zu schlechtem Gewissen oder gar Schuld, sollte die Heilung nicht funktionieren. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 3.5.2013)

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      Heilung wie durch Zauberhand: "Durch Intention und Bewusstsein wirkt die Quantenheilung auf das Energiefeld ein, um den ursprünglichen Zustand der Matrix ohne hemmende Muster, Beschränkungen oder Blockierungen wieder herzustellen", wird auf einer Webseite erklärt.

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