Von der Mottenkiste ins Museum

29. April 2013, 19:34
posten

Amateurfilme zeigen nicht nur Geburtstagsfeiern und Familienurlaube - sie sind auch Experimentierfeld, visuelle Zeitzeugen und ästhetische Projektionsflächen - Kulturwissenschafter machen sich daran, den vielfältigen Fundus privater Streifen zu erschließen

Es ist ein beeindruckendes Beispiel früher Avantgardefilmkunst, das der Wiener Großbürgersohn Fritz Kuplent im Jahr 1929 produzierte. In seinem Film Prater lotete er die Grenzen des filmtechnisch Möglichen aus, experimentierte mit neuen ästhetischen Formen und Kunstgriffen, die Filmhistoriker begeistern können.

Dennoch landete dieser außergewöhnliche Film in der Mottenkiste angejahrter Hobbykunstwerke. Ein Schicksal, das Amateurfilme bis vor kurzem grundsätzlich ereilte, auch wenn sie noch so ambitioniert, professionell gemacht und (film-)historisch interessant waren. Dass Fritz Kuplents spannendes Filmdokument dem völligen Vergessen entrissen wurde, ist Forschern des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft und ihrer "Archäologie des Amateurfilms" zu verdanken.

Gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF finden unter der Leitung des Historikers Siegfried Mattl "Ausgrabungen zur visuellen Kultur der Moderne" statt, die sich erstmals auch auf den riesigen und lange als irrelevant abgetanen Bereich der Amateurfilme erstrecken. Erst in den letzten Jahren rückte diese reichhaltige Quelle privater (Alltags-)Kulturproduktion ins Blickfeld der internationalen Forschung. Diese späte Aufmerksamkeit wurde nicht zuletzt durch Internetplattformen wie Youtube, den Einsatz von Amateurmaterial in historischen Fernsehdokus oder die Verwendung der Amateurfilmästhetik in Musikvideos oder Werbespots verstärkt.

Home-Movie und Genrefilm

Weil man erst in den 1990er-Jahren begann, sich wissenschaftlich für Amateurfilme zu interessieren, hatte man sie jedoch kaum archiviert. Doch das Österreichische Filmmuseum verfügt erfreulicherweise über einen rund 7000 Rollen umfassenden, noch weitgehend unbearbeiteten Bestand an analogem Amateurmaterial.

"Bislang haben wir rund 300 Filme davon genauer hinsichtlich Inhalt, Filmästhetik und Kontext analysiert und auch digitalisiert", berichtet Projektmitarbeiterin Karin Fest. Ein wesentlicher Teil des untersuchten Filmbestands stammt aus der Sammlung der Familie Apfelthaler, in der sich die verschiedensten Arten selbstgedrehter Filme von den 1920er- bis in die 1980er-Jahre finden: von Familienfilmen bis zu komplexen semiprofessionellen Projekten.

Noch heterogener ist die Sammlung Arash, die sich aus Flohmarktfunden unterschiedlichster Herkunft zusammensetzt. "Oft wird übersehen", sagt Fest, "dass es bei der Amateurfilmarchäologie nicht nur um die oft belächelten Home-Movies geht, sondern auch um jenes Material, das wie der experimentelle Prater-Film im Rahmen von Filmclubs entstanden ist." Da die Club-Filmer häufig an Wettbewerben teilgenommen haben, findet man auch die typischen Genres, nach denen die Filme bewertet wurden: Liebes-, Abenteuer-, Gangster-, Dokumentarfilme.

So zeigt etwa eine kurze Doku von Fritz Kuplent aus dem Jahr 1931 die Ankunft des Zeppelins in Wien. Wenig mit den üblichen Home-Movies gemein hat auch Der grüne Kakadu, ein 90-minütiger Stummfilm aus dem Jahr 1932: "Diese Räuber- und Liebesgeschichte wurde von einer Gruppe arbeitsloser Jugendlicher in Ottakring gedreht", berichtet Karin Fest, "es handelte sich um eine Art Sozialprojekt, in dem die einzelnen Bereiche der Filmarbeit, etwa die Gestaltung des Sets, ausgesprochen professionell durchgeführt wurden. Leider gibt es von dieser hochambitionierten Amateurfilmgruppe nur noch einen weiteren Film."

Ein aus der Masse der Familiendokumente herausragender Amateurfilm mit künstlerischen Ansprüchen ist die 40 Jahre später ebenfalls von Jugendlichen gedrehte Neuinterpretation einer berühmten Szene aus Michelangelo Antonionis Blow Up, einem der einflussreichsten Filme der 1960er-Jahre. "Diesen außergewöhnlichen Kurzfilm fanden wir nicht im Bestand des Filmmuseums, sondern bekamen ihn im Zuge der von uns gemeinsam mit dem Filmmuseum veranstalteten Home Movie Days von einem Besucher", freut sich die Medienwissenschafterin über den neuen Fund.

Amerikanische Blickwinkel

Die internationale Vernetzung der Forscher bereichert den Bestand mitunter auch um Amateurfilme, die von Ausländern in Österreich gedreht wurden. Einer davon wurde von einer amerikanischen Familie während ihres Wien-Urlaubs im Frühjahr 1938 - also kurz vor oder nach dem "Anschluss" - produziert. Neben typischen Wiener Straßenszenen zeigt er auch die vielen mit rassistischen Beschimpfungen beschmierten jüdischen Geschäfte.

Ebenfalls aus einem US-Archiv stammt der Film eines österreichisch-amerikanischen Ehepaars aus den 1950er-Jahren: "Darin sieht man sehr schön, mit welcher Begeisterung das Paar während seiner Wien-Urlaube den American Way of Life mit einem neuen Straßenkreuzer im ärmlichen Wiener Nachkriegsambiente zelebriert", berichtet Karin Fest. Eine interessante Ergänzung dazu bilden Familienfilme dieser Zeit aus dem Gemeindebau, die Einblick in die Wohnverhältnisse, Einrichtungsvorlieben oder Essgewohnheiten der damaligen Arbeiterschicht geben.

Nach zwei Jahren Grundlagenarbeit liegt offen zutage, wie heterogen das Amateurfilmmaterial tatsächlich ist und welche Fülle an zeit-, sozial- und kulturhistorischen Informationen sich darin verbirgt. Wenig überraschend, dass sich mittlerweile auch immer mehr Museen für diese "private" Vergangenheit interessieren.

"Auch wenn es sich dabei zum Großteil um klassische Familien- und Urlaubsfilme handelt, ist die thematische, ästhetische und qualitative Bandbreite der Amateurfilme insgesamt eine sehr große", weiß die Medienwissenschafterin nach der Sichtung hunderter Filmrollen. "Aber auch die typischen Familienfilme sollte man nicht allzu gering schätzen - immerhin sind sie Chronisten ihrer Zeit und zudem immer auch das Produkt eines gewissen Gestaltungswillens." (Doris Griesser, DER STANDARD, 30.4./1.5.2013)

  • Private Blicke auf den Alltag, gebannt auf Super 8: ein Prater-Besuch, festgehalten von der Familie Apfelthaler ...
    foto: filmmuseum

    Private Blicke auf den Alltag, gebannt auf Super 8: ein Prater-Besuch, festgehalten von der Familie Apfelthaler ...

  • ... und ein Beispiel aus der Masse der Familienfilme.
    foto: filmmuseum

    ... und ein Beispiel aus der Masse der Familienfilme.

Share if you care.