Rettet ein Japaner die Eurozone?

29. April 2013, 16:57
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Zuletzt sind die Zinsen auf europäische Staatsanleihen deutlich gesunken. Dafür wird auch die japanische Notenbank verantwortlich gemacht

Seit Tagen befinden sich die Zinsen Spaniens und Italiens im Sinkflug. Die zehnjährigen Renditen von Spanien und Italien sind in einem Tempo gefallen, das kaum von den politischen Fortschritten (etwa der Regierungsbildung in Italien) gerechtfertigt wird. Denn immerhin bleiben die beiden Volkswirtschaften in einem tiefen Konjunkturtal gefangen, wie die aktuellen Schätzungen des Internationalen Währungsfonds 2013. Die Rezession dürfte sich in Euroland hartnäckig halten.

Ben May, Ökonom bei Capital Economics, schreibt am Montag etwa zur Lage in Italien: "New government, same challenges". Woher also der Optimismus von Anleihen-Investoren in Europa? 

Es gibt viele Erklärungsversuche für die bestehende Kursrally an den europäischen Anleihenmärkten. Das Wall Street Journal sieht sie begründet in der globalen "Jagd nach Rendite". Anleiheninvestoren, so die These, müssten einfach hohe Zinsen in ihr Portfolio nehmen und Spanien, Italien und Portugal zahlen im internationalen Vergleich immer noch hohe Zinsen (siehe Grafik). In einer spannenden Geschichte schreibt die Nachrichtenagentur Bloomberg etwa heute, dass mehr als 20 Billionen Dollar an Anleihen weniger als ein Prozent Zinsen zahlen. 

Auch wenn das Argument der renditehungrigen Anleger etwas für sich hat, es kann nur ein Teil der Geschichte sein. Denn an dem Grundbedürfnis von Versicherungen, Banken und Pensionsfonds, Rendite zu erwirtschaften, hat sich in den vergangenen paar Wochen ja nichts fundamental geändert.

Interessanter ist da die These von Analysten der Société Générale. Wer verstehen möchte, wieso Rom und Madrid heute soviel niedrigere Zinsen als noch vor einem halben Jahr zahlen müssen, soll nach Tokio schauen. Denn die jüngste Ankündigung einer Geldschwemme der Bank of Japan habe erst zum jüngsten Rendite-Rutsch in Südeuropa geführt. Die These der SG-Analysten: die Politik der japanischen Notenbank, den Yen und die Zinsen im eigenen Land massiv zu drücken, lasse institutionelle Anleger in Japan das Weite suchen.

Am europäischen Anleihenmarkt waren japanische Institute zuletzt wieder Käufer von Anleihen. Charles Gave, Ökonom und Gründer des unabhängigen Research-Hauses GaveKal, etwa vermutete in einem Gespräch mit derstandard.at die japanischen Käufer vor allem hinter dem deutlichen Fall der Zinsen in Frankreich. Die niedrigen Renditen von Staatsanleihen seien Ausdruck eines "Schocks" aus Japan. Mehr als ein Fünftel der Neuemission von Anleihen aus "Kerneuropa" (Deutschland, Österreich, Holland, Frankreich) sei im vergangenen halben Jahr von japanischen Investoren gekauft worden, schätzt etwa die internationale Großbank HSBC.

Die Rolle der EZB

Doch ein anderer wichtiger Grund dürfte wohl geografisch näher liegen. Wenn die Europäische Zentralbank am Donnerstag ihren geldpolitischen Kurs beim monatlichen Treffen bespricht, erwarten sich immer mehr Ökonomen eine Intervention: Eine Zinssenkung oder "non-standard measures", also außergewöhnliche Maßnahmen. Darunter würde ein weiterer langfristiger Kredit an Europas Banken fallen, aber auch direkte Finanzierungslinien für kleine und mittelständische Unternehmen in Südeuropa. 

Damit soll die Geldpolitik und die niedrigen Zinsen auch in der Peripherie der Eurozone ankommen. Sollte die EZB am Donnerstag zögerlicher sein, als von Investoren erwartet, wäre das eine harte Prüfung für die These, dass die gesunkenen Zinsen in Europa aus Japan importiert wurden. (Lukas Sustala, derStandard.at, 29.4.2013)


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