Eine Stiege zum Anfang der Geschichte

29. April 2013, 19:33
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Im Hallstätter Bergwerk ruht ein Juwel der frühen Menschheitsgeschichte - Eine Expedition führt in die Tiefe zur ältesten Holzstiege Europas, vielleicht der Welt - bevor das 3500 Jahre alte Stück übersiedelt wird

Hans Reschreiter setzt den Helm auf und schaltet seine Stirnlampe ein. Er sagt "Glück auf", und dann geht er voran in den Bergschacht. Mit jedem Schritt wird es kälter, statt der mehr als 20 Grad draußen hat es bald nur noch acht Grad - egal ob Sommer oder Winter, im Berg hat es immer dieselbe Temperatur. Der Geruch ist neutral, vom Frühlingsduft nichts mehr zu riechen. Der Schacht ist verschalt mit Metall und Holz, an vielen Stellen haben sich Salzkristalle gebildet, die im Lichtkegel der Taschenlampen glitzern. Wir befinden uns im Bergwerk Hallstatt auf dem Weg zur ältesten erhaltenen Holzstiege Europas, vielleicht der Welt. In wenigen Monaten wird sie abgebaut.

Doch langsam, Schritt für Schritt. Zu schnell kann man sich hier nicht bewegen, weder Bergwerksarbeiter noch Besucher halten sich hier auf, sondern ausschließlich eine Handvoll Wissenschafter. Teilweise ist der Weg uneben, oft muss man den Kopf einziehen. Seit 1992 sind Archäologen des Naturhistorischen Museums Wien (NHM) regelmäßige Gäste in Hallstatt, dem ältesten Salzbergwerk der Welt, und arbeiten sich durch eine Abbaukammer aus der Bronzezeit, um darin neue Erkenntnisse über die Prähistorie zu gewinnen.

Die Zeitspanne, die auch Ur- oder Vorgeschichte genannt wird, bezeichnet die älteste Periode der Menschheitsgeschichte und beginnt vor etwa 2,5 Millionen Jahren und endet, sobald Schriftquellen vorliegen - mit denen buchstäblich Geschichte geschrieben wurde. So endet die Prähistorie regional sehr unterschiedlich.

Während wir dem Archäologen durch den Schacht folgen, legen wir Jahrtausende zurück. Die Forscher haben sich hier durch das Bergreich gearbeitet, in dem vom 15. bis ins 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung Salz abgebaut worden ist. Durch einen Erdrutsch dürfte das Bergwerk, das damals halb Mitteleuropa mit Salz versorgt hat, innerhalb von Tagen von Lehm und Kalk verschüttet worden sein.

Wir richten die Taschenlampe vom Boden wieder auf die Schachtwände: Kein Glitzern mehr, überall ragen nun dünne Holzstückchen aus den Wänden. Es sind die Taschenlampen der Prähistorie: Mit Leuchtspänen haben sich die Arbeiter damals im Berg bewegt. Waren sie auf wenige Zentimeter abgebrannt, wurden sie an Ort und Stelle fallengelassen, genauso wie kaputtes Werkzeug, erzählt Reschreiter. Über die Jahre bildeten sich meterhohe Schichten an prähistorischem Betriebsabfall - durch eine solche bewegen wir uns gerade.

Aktuell sind wir 100 Meter unter der Erde. Nach jetzigem Wissensstand dürfte hier die mittlere von drei Salzabbaukammern gelegen haben. Als Zugang zum Stollen zur darunterliegenden Kammer, der senkrecht in die Tiefe geht, brauchten die Arbeiter eine relativ flache Stiege - sie wurde 1343 vor unserer Zeitrechnung konstruiert und diente für mehrere Jahrzehnte quasi als Herzschlagader des Bergwerks. Es wird immer verwinkelter, wenn wir Reschreiter an die Stelle folgen, wo er diese Stiege 2003 entdeckt hat. Beinahe schlagen wir uns die Köpfe an einem dicken Holzstamm an - es ist der Seitenpfosten der beinahe 3500 Jahre alten Stiege.

Konserviert im Salz

Nach jetzigem Wissensstand handelt es sich bei der acht Meter langen und 1,2 Meter breiten Konstruktion aus Fichten- und Tannenholz um die älteste erhaltene Holzstiege Europas und möglicherweise sogar der Welt. Einzig in China könnte sich eine ähnlich alte Holzstiege finden, vermuten die Archäologen - bisher ist jedoch keine bekannt. Der Einschluss in der salzreichen Gebirgsmasse bot eine ideale Umgebung, in der die Stiege für Jahrtausende konserviert werden konnte. "Der Zustand des Holzes ist perfekt", meint der Holzforscher Michael Grabner von der Boku, der von Anfang an an der Erforschung der Stiege beteiligt war.

Der ägyptische Pharao Tutanchamun wurde 1341 vor unserer Zeitrechnung geboren - Reschreiter und seine Mitarbeiter bringen diesen Vergleich immer wieder an, womit auch die Liga klar wird, in der die Hallstätter Stiege unter den Funden der Menschheitsgeschichte rangiert. Für die Forscher eröffnet sie ein Fenster in die Zeit vor der schriftlich dokumentierten Geschichte.

Zunächst geben die einzigartige Konstruktionsweise, die so nur in Hallstatt gefunden wurde, und die Bearbeitungsspuren Aufschluss über die damalige Holznutzung und Bauweise. Die Abnutzungsspuren stellen einen weiteren Puzzlestein in der Erforschung des ältesten Salzbergwerks dar. Da die Bergleute damals barfuß gearbeitet haben, könnte es zudem möglich sein, im Schmutz in den Fugen der Stiege Hautschuppen zu finden, durch die die DNA der prähistorischen Bergarbeiter entschlüsselt werden könnte.

Umzug in tiefere Ebene

Wenn Reschreiter von der Freilegung der Stiege erzählt, klingt das alles andere als eine beschauliche Schreibtischtätigkeit. Mit 16 Kilo schweren Presslufthämmern mussten die Forscher ausrücken, denn das prähistorische Juwel war vollkommen in der Bergmasse eingeschlossen.

Doch auch nach ihrer Freilegung macht sich der Berg an allen Seiten bemerkbar. Vom Bergdruck von oben und den Seiten konnten die Forscher die Stiege abschirmen, doch zuletzt hat sich der Berg auch von unten gehoben und die Stiege bereits leicht deformiert. Um abzuwenden, dass sie auseinanderbricht, haben sich Reschreiter und sein Team zu einer Umsiedlung entschlossen.

Doch wie übersiedelt man eine jahrtausendealte Stiege? Dieses Wochenende hielten die Forscher einen Stiegen-Workshop ab, wo sie mit Kollegen aus aller Welt diskutierten, wie die Stiege am besten ab- und wieder aufgebaut werden kann. Jedenfalls wird sie, um sie aus dem Berg zu schaffen, in ihre Einzelteile zerlegt werden.

So bietet der Umzug, mit dem die Forscher im September beginnen, für die Forschung an der Stiege einmalige Möglichkeiten, bevor sie 35 Meter unter ihrem jetzigen Platz in einem eigens für sie ausgehobenen, stabilen Schacht wieder aufgebaut wird. Ab Mai 2014 soll sie dort erstmals und dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden - und damit eine Zeitreise bis vor den Anfang der Geschichte ermöglichen. (Tanja Traxler, DER STANDARD, 30.4./1.5.2013)

  • Prähistorische Herzschlagader: Die urzeitliche Stiege, die in die Tiefe des Hallstätter Salzbergwerks führte, wurde 1343 vor unserer Zeitrechnung konstruiert - zwei Jahre vor der Geburt des Pharaos Tutanchamun. Heute liegt sie in 100 Metern unter der Erde begraben.
    foto: nhm

    Prähistorische Herzschlagader: Die urzeitliche Stiege, die in die Tiefe des Hallstätter Salzbergwerks führte, wurde 1343 vor unserer Zeitrechnung konstruiert - zwei Jahre vor der Geburt des Pharaos Tutanchamun. Heute liegt sie in 100 Metern unter der Erde begraben.

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