Nicht mehr oder immer noch, das ist die Frage

29. April 2013, 18:10
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Was aber bleibt, stiften die Dichter: Gustav Ernst spielt in seinem neuen Roman "Grundlsee" mit Versatzstücken des Familienromans

Wien - Damit, dass der 1944 geborene Wiener Schriftsteller, Dramatiker und kolik-Herausgeber Gustav Ernst der Altersmilde oder gar einer ironischen Abgeklärtheit anheimfallen würde, hatte ohnehin niemand gerechnet. Dass der von den Feuilletons wahlweise als Boxer oder als schlagkräftiger Türsteher der österreichischen Literatur bezeichnete Autor die Schlagzahl aber eher noch erhöht hat, erstaunt hingegen doch.

So legte der für seine - auch das Sexuelle betreffende - Deutlichkeit bekannte Gustav Ernst beispielsweise 2011 mit dem Roman Beste Beziehungen eine äußerst zeitgemäße und drastische Analyse des Mann-Frau-Verhältnisses vor. Doch Ernst kann auch anders, wie er in seinem neuen, nachdenklichen Roman Grundlsee (Hayomn-Verlag) beweist. Alles beginnt im Bett eines Ferienhauses im Salzkammergut, in dem der Ich-Erzähler des Buches, mit seiner ebenfalls namenlosen Frau und den Kindern John, Bella und Lili liegt. Die Erwachsenen möchten noch schlafen, die Kinder, die zu ihnen ins Bett gekommen sind, eher nicht.

In der ersten und längsten von insgesamt acht Roman-Episoden wird dann ein Sommerferientag geschildert. Die Kleinen streiten, wandern missmutig mit um den See - und bringen die Eltern an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Schon nach 50 Seiten, in der dritten Episode des äußerst konzentrierten Buches, ist der Vater tot. Fast beiläufig erfährt man von einem Flugzeugabsturz, bei dem er ums Leben kam, während von einem Besuch der Frau bei zweien der in alle Welt (Den Haag, Brüssel und Baltimore) verstreuten Kinder erzählt wird. Wenige Absätze später sind alle tot. Die Frau stirbt in einem Wiener Krankenhaus an einer Lungenentzündung, John ertrinkt im Mittelmeer, Lili wird in Südamerika ermordet und Bella erliegt in den USA dem Brustkrebs.

Das klingt alles etwas kolportagehaft, und vielleicht wäre bei der Auswahl der Todesarten weniger mehr gewesen. Vorwerfen mag man diese Zuspitzung dem Roman nicht. Stets hat Gustav Ernst in seinen Werken einiges an Risiko genommen. Das ist in Grundlsee nicht anders, denn der Ich-Erzähler dieses Romanes lebt nicht mehr, er erzählt und begleitet gleichsam im Hintergrund und mit zunehmender Distanz die Geschichte seiner Lieben auch nach dem Tod bei besagtem Flugzeugabsturz.

Zudem spielt der Roman mit Versatzstücken des Familienromans, einem Genre also, mit dem man als Leser in den letzten Jahren bis zum Überdruss konfrontiert wurde. Zuweilen ermüdet Ernsts im Präsens erzählte Variation eines Familienromans zwar durch die zahlreichen wiedergegebenen Dialoge ("Du wehrst dich immer, sagt sie, und dann gefällt es dir doch. Ja, sage ich. Es hat dir doch gefallen, sagt sie, oder? Ja, sage ich."), durchwegs zu überzeugen vermag das Buch aber in der subtilen Verknüpfung wiederkehrender Motive und seiner vollständigen Reduktion. Andere hätten aus diesem Stoff wohl einen 1000-Seiten-Roman gemacht.

In kleinen Gesten versteht es Ernst Situationen zu umreißen. Und immer wieder nimmt das Buch das Motiv des Zuspätkommens auf. Etwa wenn Johns Tochter gegen Ende des Romans aus dem Ausland anreist, um das längst verkaufte Großelternhaus am Grundlsee zu suchen. Obwohl sie das Haus nicht findet, weiß sie, das Vergangene ist nicht weg. Es ist da, in Erinnerungen gespeichert. Immer noch. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 30.4.2013)

Gustav Ernst liest am 30.4. um 19 Uhr im Wiener Literaturhaus aus dem besprochenen Buch.

  • Unerwartete, nachdenkliche Töne: Gustav Ernst.
    foto: standard/heribert corn

    Unerwartete, nachdenkliche Töne: Gustav Ernst.

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