Videokameras: "Bewegen uns schlafwandelnd in den Überwachungsstaat"

Interview | Michael Matzenberger
3. Mai 2013, 05:35
  • Wer überwacht die Überwacher? Die Datenschutzbehörden sind hoffnungslos unterbesetzt, sagt Johann Čas. (Credit)
    foto: the b@man/flickr (CC-Lizenz)

    Wer überwacht die Überwacher? Die Datenschutzbehörden sind hoffnungslos unterbesetzt, sagt Johann Čas. (Credit)

Technikfolgenabschätzer Johann Čas über Missbrauch, Tendenzen und Folgen der anwachsenden Videoüberwachung

Auf mittlerweile über eine Million hat sich die Zahl der Überwachungskameras in Österreich erhöht, schätzt die Arbeitsgemeinschaft Daten. Die genaue Zahl ist wegen der Dunkelziffer selbst den Behörden nicht bekannt. Zudem sind exponierte Gewerbe wie Banken oder Juweliere sowie Hausbesitzer von der Meldepflicht ausgenommen. Nicht registriert werden müssen auch analoge Aufzeichnungsarten oder Panorama-Webcams, die die Bilder zwar ins Netz übertragen, nicht aber speichern.

Gerade durch den Terroranschlag beim Boston-Marathon haben die Forderungen nach mehr Überwachung wieder zugenommen. derStandard.at sprach mit Johann Čas vom Institut für Technikfolgenabschätzung in Wien (ITA) über die gesellschaftliche Akzeptanz von Überwachungssystemen, den schleichenden Verlust der Privatsphäre und die Tendenz zur Kontrolle durch Private.

derStandard.at: Schon lange, bevor es flächendeckende Videoüberwachung gab, argumentierten die Befürworter mit der Erhöhung unserer Sicherheit. Sind wir heute sicherer?

Čas: Man muss in dieser Frage zunächst zwischen der objektiv messbaren Sicherheit und dem subjektiven Sicherheitsgefühl unterscheiden. Es gibt sicher Fälle, wo die Überwachung einen oder beide Faktoren erhöht. Generell trifft diese Aussage aber sicher nicht zu. Es ist eher zu beobachten, dass eine Verschiebung krimineller Handlungen von überwachten hin zu unüberwachten Plätzen stattfindet. Der Nettoeffekt ist ziemlich gering bis nicht vorhanden.

derStandard.at: Das Argument der Gegner lautet, dass wir für die Überwachung unsere Freiheit aufgeben. Haben wir das getan?

Čas: Es geht mit jeder Art der Überwachung eine Einschränkung der Freiheit und ein Eingriff in die Privatsphäre einher. Wer weiß, dass er kontrolliert wird, passt seine Handlungen und Aussagen automatisch an gewünschte Normen an. Wir bewegen uns hier in einem heiklen Bereich, wo die Bevölkerung schon unter einem Generalverdacht steht.

derStandard.at: Vor einigen Technologiesprüngen waren es noch Menschen, die überwachten. Blockwarte konnten aber schon rein logistisch nicht alles lückenlos durchleuchten. Heute ist das mit automatischer Gesichtserkennung, Vorratsdatenspeicherung und GPS-Bewegungsprofilen leicht möglich. Bringt die künstliche Intelligenz eine neue Dimension in die Sache?

Čas: Selbst in riesigen Spitzelstaaten waren gewisse Bereiche ausgeklammert, etwa im privaten Bereich. Heute kann man durch den technischen Fortschritt bei der Überwachung auch Privates nur mehr schwer verheimlichen. In der nächsten Technologiegeneration, bei den sogenannten smarten oder intelligenten Systemen, treffen selbstlernende Maschinen Urteile über unser Verhalten und stufen es entweder als "normal" oder als "nicht normal" ein. Das tritt der Menschenwürde gefährlich nahe.

derStandard.at: So sehr Datenschützer vor den Datenkraken warnen, so gern scheinen die Menschen immer mehr freiwillig preiszugeben - vor allem in sozialen Netzwerken. Schaufelt sich der Bürger das Grab für seinen gläsernen Sarg selbst?

Čas: Manchen Personen ist es relativ egal, was andere von ihnen wissen. Die haben kein Problem damit, ihre privaten Daten in sozialen Medien zu veröffentlichen oder sich nackt am Strand zu bewegen. Anderen ist das ein schwerwiegender Eingriff in die Selbstbestimmung. Das Problem bei der Überwachung ist, dass sie alle gleich trifft und nicht freiwillig geschieht. Wenn wir uns nur nach den Freigibigen orientieren und jede neue Technologie widerstandslos in Kauf nehmen, besteht die Gefahr, dass wir uns schlafwandelnd in einen Überwachungsstaat begeben.

derStandard.at: Überwachung handelte lange Zeit von der Beziehung zwischen kontrollierendem Staat und kontrolliertem Bürger. Heute rüsten zunehmend Privatpersonen und Unternehmen mit Kameras auf. Gibt es einen Grund, warum ich meinen Mitbürgern gegenüber weniger skeptisch sein sollte als gegenüber dem Staat?

Čas: Sie sollten auch einem überwachenden Nachbarn nicht mehr Vertrauen entgegenbringen als einem überwachenden Staat. Es ist lediglich eine andere Art von Eingriff, die hier stattfindet - vielleicht nicht gestützt von einem Gewaltmonopol, wie es der Staat hat. Das Wissen über private Dinge kann Personen aber erpressbar machen und sogar Existenzen gefährden, ohne dass Gesetze gebrochen werden.

derStandard.at: Anonymous veröffentlichte vor kurzem E-Mails aus dem Innenministerium, wonach bei der Polizei Passwörter zur ÖBB-Videoüberwachung herumgereicht wurden. Normalerweise ist dafür die Anordnung eines Staatsanwaltes nötig. Kann man dem Missbrauch überhaupt einen Riegel vorschieben?

Čas: Durch technische und legistische Vorkehrungen kann man ihn vielleicht einschränken. Ausschließen wird man den Missbrauch aber nie können. Technik an sich ist verwundbar und die Menschen sind verführbar.

derStandard.at: Werden Verstöße gegen das Datenschutzgesetz zu oft als Bagetelldelikte abgetan?

Čas: Das Problem an der Nichteinhaltung liegt wohl in der mangelnden Kontrolle. Wenn ganz Österreich von zwanzig Verkehrspolizisten kontrolliert würde, hätten auch die Geschwindigkeits- oder Promillegrenzen keine Konsequenzen. Die Datenschutzbehörden sind hoffnungslos unterbesetzt und können schon jetzt den gemeldeten Fällen nicht mehr adäquat nachgehen.

derStandard.at: Wir bräuchten mehr Überwacher der Überwacher?

Čas: Das könnte man so sagen. Wichtiger wäre es aber, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme - insbesondere die Arbeitslosigkeit - an ihrer Wurzel anzugehen, um Kriminalität und Verbrechen vorzubeugen. Heute geht die Tendenz eher dahin, den Mangel an sozialer Sicherheit durch ein Übermaß an Überwachung zu kompensieren. Wenn man an dieser Strategie festhält, bleibt es wohl unvermeidlich, Überwachungstechnologien gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, um sozialen Unruhen und politischer Instabilität zu begegnen. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 30.4.2013)


Johann Čas schloss 1977 die HTBLA für Nachrichtentechnik und Elektronik in Klagenfurt ab und studierte in der Folge Volkswirtschaftslehre in Graz. Seit 1988 ist er Technikfolgenabschätzer und damit einer der ersten wissenschaftlichen Mitarbeiter des ITA. Čas war und ist Koordinator mehrerer EU-Projekte zum Thema Überwachung und Sicherheitstechnologien. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien.


Links

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 651
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14
kontrolle der konrolle???

und wer kontrolliert, wie lange das datenmaterila tatsächlich aufgehoben wird?????
wenn man in drogeriemärkte, eine italienische fastfoodkette etc. geht, wird man gefilmt;
WARUM? damit festgestellt werden kann, wer mir den parmesan von der pizza ißt?
laut betreiber der kette (filiale in der herrengasse, wien mitte, westbahnhof etc.) seien die kameras NICHT in betrieb? na dann kann man sie ja abmontieren ...
leute - wehrt euch vehement gegen diese überwachungstechnik!!! wir sind dabei unsere freiheit immer mehr zu verlieren!

warum

überklebt, verhängt etc. niemand die kameras z. b. in der strassenbahn, ubahn etc? dann würden die perversen, sich versteckenden überwacher, die niemand kennt, sehen, welchen zweck diese "technik" hat ...

Ich bin für Videoüberwachung

und Dank der immer günstiger werdenden Technik werden immer mehr Kameras die Gesellschaft überwachen.
In Amerika tragen jetzt schon vereinzelt Polizisten Video Brillen die ihre Amtshandlungen aufzeichnen dauert ein paar Jahre dann tragen diese Video Brillen auch viele Bürger und dann werden viele Verbrecher überführt werden ja genau viele Verbrecher werden ihrer Straftaten überführt werden wird ein überaus gute Zeit aber natürlich nur wenn man, ja genau, kein Verbrecher ist.

sehr gut ...

... ich werde meine kamera auf sie ausrichten _ man weiß ja nicht, wozu sie vielleicht irgendwann mal fähig sind; und so haben wir dann alle sehr viel beweismaterial und können dann sagen: wir haben es immer schon gewußt!

Puh, schwer abzuschätzen, aber das würde wohl nicht die einzige Wirkung sein. Ich könnte mir vorstellen, dass die soziale Interaktion mit einer "ich filme mein Gegenüber" - Person etwas "kühl" verlaufen würde.

Oder halt heiß, nach dem Motto mach den Scheiß erst mal aus, oder ich dusch Dir eine.

Freiheit stirbt mit Sicherheit

Nichts anstellen und sie bleiben Frei garantiert ;-)

Ja klar. Nachdem man sie 2-3 Jahre durch ewige Gerichtsprozesse zieht. Siehe Tierschützerprozess. Nur weil du nichts anstellst heißt das ja nicht, dass du trotzdem verdächtigt werden kannst. Und mit etwas Pech führt die Überwachungstechnologie dazu, dass du "unwiderlegbar" verdächtig bist weil du halt zufällig am falschen Ort den falschen Pullover anhattest.

glauben Sie denn, das war jemals anders? Früher ist man mit dem Auto in der Nähe einees überwachten Lokals gestanden, und man war verdächtigt.

Heute ist es allerdings leichter seine Unschuld zu beweisen - durch Videobeweise.

In den 1980ern gab ew eine Reihe von 'Beispielen für Falschverdächtigungen - welche fallen Ihnen für die letzten 10 Jahre ein?

Warum um sollte ich

meine Unschuld beweisen müssen???

lg
Dimple

warum soll die Polizei nicht nach Verdächtigen suchen?

Ihr Postings begründen mein Mißtrauen gegenüber dem Staat sehr gut

1. Ich will nicht meine Unschuld beweisen müssen - der Ankläger muß meine Schuld beweisen
2. Die dauernde Überwachung zeigt, worum es geht: Bis ich (zum Glück überwacht) meine Unschuld beweisen kann, bin ich prinzipiell als Schuldiger zu sehen - das ist die Ideologie, die dahinter steht.

lg
Dimple, ich ziehe Freiheit einer Pseudo-Sicherheit vor

was soll die Überwachung am Verhältnis von Polizei, Gericht und Verdächtigem geändert haben?
Immer schon gab es Verdächtige, die auf Grund von Indizien verurteilt wurden - Sie tun so, als wäre das etwas völlig Neues.

bitte auch in ihrer wohnung ...

... lassen sie doch bei ihnen in der wohnung eine kamera montieren; wer weiß, was sie dort praktizieren; und schließlich passieren in den familien auch viele verbrechen; wir würden uns "freuen", über ihr privat- und intimleben mehr zu erfahren;
gefällt ihnen nicht? ist aber wichtig ... man weiß ja nie, wozu man die daten einmal brauchen kann; und schließlich ist nach ihrer diktion jeder verdächtig ... auch sie!

recht geschickt, wie Sie meine Argumentation umgehen, alle Achtung!

Darum nochmals: auf der Straße wurden Sie schon immer beobachtet, was ihnen zum Verhängnis werden konnte - deshalb sind objektive, dichtere Daten dort auch ein Vorteil. Während man sich als Unbeteiligter vor 30 Jahren durch blöde Zufälle leicht in den Netzen der Stapo verfing kommt das in den letzten Jahren nicht mehr vor - das ist zumindest mein Wissensstand.

In der Wohnung wurde auch früher nicht observiert - warum sollte das heute anders sein?

und Sie entscheiden dann was "nichts Anstellen" bedeutet?

Es geht doch gerade darum, dass diese Überwachungstechnologie sehr leicht zur Manipulation bzw. durch autoritäre Systeme missbraucht werden können. Trauen Sie alle unseren Politikern?

Ich traue der Justiz mehr

als ich Verbrechern traue und was halten sie davon.
Ja Herr Rat der mortbauer ist der Täter ich habe das mit eigenen Augen gesehen. Na und jetzt.
Herr Mosias hier ist eine Videoaufnahme die den Herrn mortbauer zum Zeitpunkt der Tat im Spar beim einkaufen aufgenommen hat.
Aber Herr Rat das muss eine Fälschung sein Manipulation ich schwöre. ;-)

Ich hoffe sehr, es wundert sich jetzt niemand - die Tendenz ist wirklich bekannt so "unter der Hand". Leider alles verbrämt unter dem Mäntelchen entweder Sicherheit und/oder Erleichterung - das hätten und mögen wir ja alle auch gern, zurecht, und tappen von einer offenen Falle zur anderen. Und sanft schnappt sie zu, ganz sanft, sodass man kaum was spürt.

Mit mehr Kameras...

...verhält es sich wie mit mehr Zuschauern.

Nun schaut einem bei Verbrechen halt jemand zu. Die sogenannte Sicherheit ist nichts weiter als Voreurismus. Selbstschussanlagen neben den Kameras, die losgehen, wenn was unbeliebtes gesichtet wird, das wäre Sicherheit ... man würde sehr schnell sehen, wie verkorkst und verdreht das Überwachungssystem ist, wenn bei jeder Beobachtung geschossen würde. Da wär man schnell gegen Überwachung.

Schlimm ist, dass diese Überwachung auf Dauer nicht gegen kriminelle im Herkömmlichen Sinne verwendet wird, sondern gegen politische Gegner. Wie der Herr oben sagt, die gleichzeitige Veschlechterung der Lage durch Armut und Ungerechtigkeit bringt Revolten hervor, die man schon im Vorfeld verhindern will.

Man sollte die Kameras auf der Autobahn abmontieren

dass dort überhaupt 800 Kameras erlaubt sind, ist doch eine Katastrophe. Wer kontrolliert, dass keine Aufnahmen gemacht werden?

dasselbe gilt bei den Wiener Linien. Auch dort gabs schon mehrere Fälle, wo unerlaubt aufgenommenes Videomaterial aufgetaucht ist, was eigentlich bereits gelöscht hätte sein müsen, nur um Taschendiebstahl aufzuklären.

Überwachung fördert keine Sicherheit. Im Gegenteil, die Sicherheit wird damit geringer, weil die Polizei weniger auf Straßen unterwegs ist und weil hier noch weniger Vorbeugung vor Ort gemacht wird. Stattdessen glaubt man, dass Verbrechen sich durch Überwachung senken.
Nur eine präsente Polizei kann Verbrechen verhindern. Videoüberwachung hingegen fördert nur einen Polizeistaat.

interessant ...

... wäre es, WER sich hinter den drehbaren kameras (hinter dunklem kuppelglas) versteckt, die in den stationen montiert sind; diese ffilmen mitunter gerne weiblichen personen hinterher ... welche perverslinge sitzen da dahinter???

im falle der u-bahn vergewaltiger haben die bilder bei der fahndung sehr wohl etwas gebracht, aber wahrscheinlich muss erst ihre freundin -sofern sie eine haben- mal vergewaltigt werden.

fakt ist ...

... das die tat NICHT verhindert wird und wurde! dies zeigen die bank-, juwelier-, trafik- etc. überfälle täglich; die videokameras machen die gesellschaft NICHT sicherer; im gegenteil: sie führen zu einem fiktiven sicherheitsgefühl, weil manche meinen, die kamera "schütze" sie! bis dato ist es erwiesen, daß KEINE kamera jemals eingegriffen hat, wenn vergewaltigung, überfälle etc. stattgefunden haben; und es ist bekannt, daß hinter manchen kameras "personen" sitzen, die sich daran aufg...en, wenn sie vorzugsweise weiblichen personen hinterherfimen können; ist das die zukunft die wir wollen?! Sicher nicht!
aber noch ein vorschlag: wir können ja alle menschen einsperren - sicher ist sicher!

aufgeklärt - ja, verhindert - nein

lesen sie das vorposting noch einmal ganz genau; sie haben es nicht verstanden.

Posting 1 bis 25 von 651
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.