Die große BMW GS und der Bundy-Fluch

29. April 2013, 16:55
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Kaum steht der Testtermin mit der neuen R 1200 GS im Kalender, geht nach und nach die Welt unter. Es gibt sie, die ausgleichende Gerechtigkeit

Das Murphy'sche Gesetz "Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen" ist ja noch in Ordnung. Das trifft uns alle. Nicht immer, aber schon sehr oft. Viel schlimmer ist, dass auf mir nun anscheinend der Bundy-Fluch liegt. Sie wissen schon, Al Bundy, der ewige Pechvogel, verheiratet, mit Kindern. Der Bundy-Fluch geht nämlich auch von Glücksmomenten aus, und die sind gar nicht gut, denn: "Sobald ein Bundy anfängt, Glück zu haben, fängt er an, die gleiche Portion Pech aufzubauen." Anscheinend bin ich neuerdings ein Bundy.

Kaum war der Testtermin für die neue BMW R 1200 GS fixiert, ging mehr schief, als eigentlich kann. Erst ein Nieser. Nix Ungewöhnliches. Nur, dass es mir dabei die Bandscheiben rausfetzt und ich einige Tage als rechter Winkel durchs Leben quasimodo. Beim ersten Drift-Challenge-Lauf in Saalfelden macht mich die Reißerische zum Gespött, indem sie mir in den drei Läufen so den Hintern aushaut, dass sie zwar wieder einen Pokal mit nach Hause nimmt, ich aber nach dem Rennen im Fahrerlager nicht einmal mehr ein Mitleidsbier angeboten bekomme.

Heiße Öfen können auch fad sein

Wenige Tage später schickt mich ein Auftraggeber zu einer Presseveranstaltung über heiße Öfen. Nein, keine Motorräder. Einbauherde. Genau meine Welt. Die Liste fortzusetzen, würde den Rahmen sprengen. Und die Reflexion darüber macht mein Hemd auch nicht mehr weiß und den Schaden am Auto nach dem Ausritt aus der Kurve auch nicht geringer.

Aber am Ende, muss ich sagen, steht ein sattes Unentschieden. Denn die große GS ist, wie die erste kurze Testfahrt vor Wochen schon vermuten ließ, die Strapazen wert. Dabei habe ich nicht im Traum daran gedacht, dass man die GS besser machen kann. Weg von der Luftkühlung, hin zum elektronischen Gasgriff – für mich war bei der Ankündigung der Verbesserungen, die letzte GS die letzte wahre GS. Doch schon auf den ersten Metern macht die Neue alles klar.

Fünf Fahrmodi

Mit dem elektronischen Gas gibt es die 12er-GS nun auch mit unterschiedlichen Fahrmodi. Von Dynamic bis Offroad kann man die Leistung reduzieren. Im Dynamic-Modus liegen die vollen 125 PS und 125 Newtonmeter an. Und obwohl BMW mit der Wasserkühlung nur die thermisch am höchsten belasteten Bereiche kühlt, ist der neue Zwei-Zylinder-Boxer eine Offenbarung. Er zieht willig durchs ganze Drehzahlband – was man vom luftgekühlten Boxer nicht sagen konnte - und die 12er-GS ist jetzt eine noch mehr Eier legende Wollmilchsau.

Auf der Straße braucht sich die GS nun nicht mehr zu verstecken. Das geniale Handling bleibt, aber der agilere Motor tut ihr mehr als gut. 3,5 Sekunden reichen für den Sprint von 0 auf 100 km/h. Für die Offroad-Passagen wählt man den Enduro- oder Enduro ProModus. Nur die ab nun serienmäßigen Aluräder passen nicht ins Gelände. Speichen gibt es natürlich - die kosten aber extra.

Dafür ist die Sitzbank nun so geschnitten, dass man besser in den Rasten stehen kann. Damit ist die, immerhin 238 Kilogramm schwere GS, noch leichter abseits der Straße zu bewegen. Wenn man halt finanziell nicht sehr wehleidig ist. Weil halbwegs ausgerüstet, kostet die GS gleich einmal um die 20.000 Euro. Um das Geld kaufen sich andere einen Ford Focus oder zwei Dacia Lodgy.

Knorriger Boxer-Sound

Dafür schaut die GS aber besser aus als ein Windel-/Werkzeug-Bomber. Das neue Design passt ihr hervorragend, und der serienmäßige Klang ist mehr als gut. Einen Akrapovic-Brüller gibt's im Zubehör-Katalog. Das Windschild lässt sich ganz einfach mit einem Drehrad verstellen. Sogar ein LED-Tagfahrlicht gibt es im Zubehör. Schaut gut aus und wird perfekt gesehen. Ein Wermutstropfen bleibt eingefleischten GS-Fahrern aber: Die Seitenkoffer müssen sie neu kaufen, denn der Auspuff wechselte von der linken auf die rechte Seite.

Der Grund dafür liegt aber nicht darin, dass BMW versucht, mehr Koffer abzusetzen, sondern am Layout des Motors. Dafür verbrennen sich Rechtshänder beim Schieben nicht mehr so leicht die Hüfte am heißen Endtopf, weil er eben nicht mehr auf der Seite ist, auf der man beim Schieben steht.

Natürlich darf bei so einem Motorrad nicht ich selbst fahren, wenn die Fotos zu machen sind. Ich muss hinter der Kamera stehen, die Reißerische fährt. Das ist nur noch ein weiterer kleiner Punkt auf der Liste, die mir der Bundy-Fluch mit der Testzusage der GS eingehandelt hat. Ich steh da drüber - auch wenn ich die Sache durchaus ernst nehme. Gerade eben habe ich erfahren, dass ich nächste Woche den McLaren fahren muss. Ich glaub, ich bleib bis dorthin besser zu Hause. Kann man sich im Bett eigentlich ein Haxerl oder ein Asterl brechen? Schwer, oder? Dann steh ich am besten gleich gar nicht auf. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 29.4.2013)

BMW R 1200 GS

Motor: luft-/wassergekühlter 2-Zyl.-4-Takt-Boxer, 4V
Hubraum: 1.170 ccm
Leistung: 92 kW (125 PS) bei 7.750 U/min
Drehmoment: 125 Nm bei 6.500 U/min
Anti-Hopping-Ölbadkupplung, 6-Gang, Kardan
Radaufhängung vorne: Telelever
Radaufhängung hinten: EVO Paralever
Bremse vo: Zweischeiben, Ø 305 mm, radial mont. Festsättel, ABS
Bremse hi: Scheibe, Ø 276 mm, 2-Kolben-Schwimmsattel, ABS
Reifen vorne: 120/70 R19
Reifen hinten: 170/60 R17
Gewicht fahrfertig: 238 kg
Sitzhöhe: 790 bis 810 mm
Preis: ab 16.950 Euro

Link

BMW Motorrad

  • Von Luftkühlung hin zu Luft-Wasser-Kühlung: Die neue R 1200 GS.
    foto: der standard/gluschitsch

    Von Luftkühlung hin zu Luft-Wasser-Kühlung: Die neue R 1200 GS.

  • 238 Kilo bringt der Allrounder auf die Waage.
    foto: der standard/gluschitsch

    238 Kilo bringt der Allrounder auf die Waage.

  • Der Blick der GS ist etwas indifferent. BMW-typisch eben.
    foto: der standard/gluschitsch

    Der Blick der GS ist etwas indifferent. BMW-typisch eben.

  • Das Design-Motiv spiegelt sich auch in den Instrumenten wider.
    foto: der standard/gluschitsch

    Das Design-Motiv spiegelt sich auch in den Instrumenten wider.

  • 20.000 Euro sind für eine gut ausgerüstete GS zu berappen. Dafür gibt es schon richtige Autos. Theoretisch.
    foto: der standard/gluschitsch

    20.000 Euro sind für eine gut ausgerüstete GS zu berappen. Dafür gibt es schon richtige Autos. Theoretisch.

  • Unterschiedliche Fahrmodi: Von Dynamic bis Offroad wird einiges geboten.
    foto: der standard/gluschitsch

    Unterschiedliche Fahrmodi: Von Dynamic bis Offroad wird einiges geboten.

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