Verzaubert und ernüchtert auf Sansibar

10. Mai 2013, 08:19
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In Sansibar gibt es ein Schutzgebiet für Korallen, Plasticksackerl sind verboten. Touristen führt man zur Kokosnussernte - und manchmal hinters Licht

Wir verlassen die pulsierende und rasant wachsende Metropole Dar es Salaam und fahren mit der Fähre weiter nach Sansibar. Die Insel war in der Geschichte eine wichtige Drehscheibe für den Handel mit Sklaven, Gewürzen und Elfenbein zwischen den arabischen Ländern, Indien und Afrika. Auch verschiedene europäische Kolonialherrschaften hinterließen ihre Spuren auf Sansibar.

Heute bietet die Insel mit ihren traumhaften Sandstränden, Korallenriffen und Stone Town, dem historischen Zentrum von Sansibar Stadt, einen der wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen in Tansania. Obwohl die Insel aufgrund der Überflutung durch Touristen angeblich viel von ihrem ursprünglichen Charme eingebüßt habe, hinterlassen sie und ihre BewohnerInnen bei uns sehr viele schöne und charmante Erinnerungen.

Ein Hauch von Zauber

Das Stadtbild von Stone Town ist geprägt von verwinkelten Gässchen und den traditionellen Swahili Türen, die kunstvoll und detailreich aus Holz geschnitzt wurden. Die Altstadt, gemeinsam  mit der alten Festung, den ehemaligen Palästen des Sultans und der kolonialen Herrscher und den am Meer vorüberziehenden Daus (für die Region des indischen Ozeans typischen Segelschiffe), erzählen von vergangen Zeiten und legen einen wahrhaften Zauber über die Stadt. In den schmalen Gässchen von Stone Town vergessen wir leicht die Zeit und gehen auch hin und wieder verloren. So machen wir viele neue Bekanntschaften und lernen auch andere Seiten der Altstadt kennen, abseits vom touristischen Zentrum.

Souvenirshops werden hier von Greißlern, kleinen Schneidereien und Gebetshäusern abgelöst. Das Leben spielt sich draußen in den kleinen Gässchen ab, dort wird verkauft, gekocht und frittiert, im Schatten ausgeruht und über politische Themen oder die letzten Ergebnisse der Champions League diskutiert. Kinder spielen, Mopeds und Fahrräder schlängeln sich immer wieder durch die engen Gassen. Das bunte Treiben wird, je nach Tageszeit, von Musik aus den Lautsprechern, den Rufen der Muezzins oder dem Glockenleuten von christlichen Kirchen oder Hindi-Tempel begleitet.

Ökologisches Bewusstsein zum Schutz der Unterwasserwelt

Die wunderschönen Korallenriffe rund um Sansibar und seine kleinen Inseln sind Heimat für eine große Vielfalt von Fischen und Meerestiere. Leider haben unachtsame Schnorchler, Taucher und Fischer die Korallenlandschaft stellenweise sichtbar beschädigt. Das Korallengebiet um die Insel Mnemba im Nord-Osten Sansibars, das zu den faszinierendsten und schönsten weltweit zählt, wurde im Jahr 2002 zum Naturschutzgebiet erklärt. Auch ist der Gebrauch und Vertrieb von Plastiksackerl auf Sansibar seit 2005 gesetzliches verboten . Dieses Gesetz wird stark kontrolliert und es wirkt! Bei Einkäufen erhalten wir entweder Papiersackerl oder bekommen die Sachen in Zeitung eingewickelt. Auch die Straßen sind frei von Plastiksackerln.

Die ehemalige Gewürzinsel

Sansibar wird gerne auch als Gewürzinsel bezeichnet. Die Zeiten, in denen die Gewürzproduktion florierte sind allerdings lange vorbei. Heute wird der Großteil der benötigten Gewürze aus Indien importiert. In der Hoffnung, mehr über den Anbau und die Herstellung von Gewürzen zu erfahren, schließen wir uns einer Tour zu einer "Spice-Farm" an. Bei der Führung auf der Farm könne wir den Anbau der unterschiedlichen Gewürze und tropischen Früchte sehen, riechen und schmecken.

Von unserem Guide erfahren wir von deren unterschiedlichen Gebrauch in der Küche, aber auch über deren Heilwirkung. Begleitet wird unsere kleine Gruppe von einem jungen Burschen, der aus Palmenblätter Armbänder, Ketten und Krawatten bastelt und uns alle damit schmückt und teilweise zwangsbeglückt.

Nach der Tour zeigt man uns, wie die Kokosnüsse traditionell auf Sansibar gepflückt wird. Es versammeln sich mehrere Tour-Gruppen unter der Palme um das Spektakel zu betrachten. Ein junger Bursch klettert die Palme hoch und beginnt damit, das klassische Lied für Touristen zu singen. Ein Teil der mit Palmenblatt-Schmuck behängten Touristen stimmt mit ein. Traditionelle Kokosnussernte?! Der Grat zwischen entsetzen und der Akzeptanz, dass nun mal Geschmäcker und Erwartungen sehr unterschiedlich sind, ist in diesem Fall schmal. Die Tour entspricht leider nur zum Teil unseren Erwartungen und stellt sich als ein Seiltanz zwischen informativer Führung und Zirkusveranstaltung dar, die bei einigen Touristen jedoch sehr gut ankommt.

Ein (un)beabsichtiger Reinfall und eine Lehre

Im März setzt die große Regenzeit ein, was den Beginn der Nachsaison für den Tourismus bedeutet. Der Wettlauf um die verhältnismäßig wenigen Touristen ist auf den Straßen in vollem Gange, teilweise auf eine sehr penetrante Weise. Als wir einmal verloren gehen, hilft uns ein sympathischer Herr, die Orientierung wieder zu finden und bietet uns im Gespräch auch mehrere Touren an. Wir vereinbaren mit ihm eine Tour zur "Prison-Island". Er gibt uns für die Anzahlung eine handschriftliche Rechnung auf einem kleinen Zettel und seine Telefonnummer. Leichte Skepsis macht sich bei uns breit, aber warum nicht dem sympathischen Herrn eine Chance geben.

Am Tag der Tour ist unser Organisator aber wie vom Erdboden verschluckt. Mit Hilfe der Mitarbeiter unserer Unterkunft organisieren wir uns den Ausflug selbst. Sie raten uns, den Vorfall bei der Polizei zu melden, was wir vorerst nicht machen. Als wir jenem Herrn nach ein paar Tagen über den Weg laufen, schiebt er die Schuld auf den Bootsfahrer. Er verspricht uns am Abend die Anzahlung im Hotel vorbeizubringen, versetzt uns jedoch abermals.

Auf der Polizeistation weiß man nach einer kurzen Beschreibung, um wen es sich handelt und nach ein paar Telefonaten bringt der Bruder unseres speziellen Freundes den Betrag der Anzahlung vorbei. Wir treffen jenen Herrn noch öfter zufällig in Stone Town. Er entschuldigt mehrmals und erklärt, dass ihm so etwas noch nie passiert sei und auch nie mehr vorkommen werde, was ich ihm liebend gern glauben würde aber nicht kann.

Solch Unzuverlässigkeit verärgert die Leute von Sansibar, mit denen wir darüber ins Gespräch kommen, sehr. Abzocker und vermeintliche Tour-Guides ("Papasi" und "Beach Boys") sind ein großes Problem auf der Insel, da sie ein schlechtes Image verbreiten, was sich wiederum negativ auf den Tourismus auswirkt. Es wurde bereits von der Regierung ein Komitee zur Bekämpfung eingerichtet.

Unterm Strich sind wir aber sehr angetan von Stone Town und dem Hauch von Zauber, der über der Stadt schwebt. Die kleinen Ernüchterungen sind durchaus gute Erfahrungen und Lehren für die Zukunft! Und was wäre Stone Town ohne seine Papasis? Irgendwie würde dann etwas fehlen. (Victoria Lainer, derStandard.at, xx.5.2013)

  • Dau bei Sonnenuntergang.
-> Mehr Bilder gibt's in dieser Ansichtssache
    foto: victoria lainer

    Dau bei Sonnenuntergang.

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