Fräulein Wagner, Fernglas und das Lande-Ei

Blog29. April 2013, 10:30
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Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben

Falls es heutzutage eine Info-Broschüre zum Beruf des Fluglotsen gibt, steht das wahrscheinlich so oder so ähnlich drinnen. Mitte der 80er gibt es keine "Broschüre", man sagt uns diesen Merksatz vor dem Eignungstest.

Doch wichtiger als alles andere ist Fräulein Wagner. Sie kommt ganz leise in das Zimmer, während wir über den Fragen aus Geografie, Geometrie und Mathematik schwitzen. Fräulein Wagner ist eine sogenannte Augenweide, die hauptsächlich aus Beinen, Busen und Blond besteht. Sie flüstert dem Prüfer etwas ins Ohr und geht. Die letzte Frage im Test fordert die Antwort nach der Garderobe des Fräuleins Wagner.

Ei am Kabel

Wer auf die letzte Frage im Test nicht die Worte "Titten", "Schenkel" oder "Netzstrümpfe" schreibt, sondern "schwarzer Rock, blauer Bolero" und halbwegs weiß, wo Graz liegt, kommt in die Ausbildung. Die Ausbildner sind alle alte Hasen der Fluglotserei, so dass wir ganz nebenbei in Zoten und Anekdoten die Geschichte der Luftraumbewirtschaftung der Zweiten Republik erfahren.

Hauptsächlich erzählt man uns, "wie man das damals macht", also in der Zeit vor Radar, gerichteten Funkfeuern und Satelliten. Mein Favorit ist das Lande-Ei, das bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Landeprozedur mancher Flugzeuge ist. Kurz vor dem Aufsetzen wird ein Kabel abgespult, an dessen Ende ein Porzellanei hängt. Das Kabel flattert unter dem Rumpf, bis das Ei auf der Landebahn aufschlägt und zerbirst. Dadurch schließt ein elektrischer Kontakt, und eine grüne Lampe im Cockpit signalisiert dem Piloten, das Gas wegzunehmen und aufzusetzen. So benenne ich mein Lieblingsfrühstück in der Mensa "Scrambled Landing Eggs".

Tausendundein Schas

Unter unseren Ausbildern ist auch einer, der in den 50ern Gendarm ist und dann vom Bundesamt für Zivilluftfahrt aufgenommen und ausgebildet wird. Herr Z. lehrt uns, wie man in einem Turm ohne Radar arbeitet. Das liegt daran, dass unsere gesamte Grundausbildung darin besteht, zu lernen, wie man ohne moderne Elektronik, dafür aber mit Funk, Rechenschieber und Positionsmeldung Flugzeuge in und aus dem Himmel befördert.

Herr Z. hat ein teilweise heftiges Vokabular. Sein Euphemismus für "überflüssig" oder "Firlefanz" lautet "tausend Schas". Und überflüssig ist Herrn Z. in der Fluglotserei fast alles außer Fernglas,  Landkarte und UKW-Funkgerät. Allerdings landen noch die Rosinenbomber, als Herr Z. das letzte Mal ein Flugzeug vom Himmel lotst. Kaum beginnen die ersten Jets zu landen, ist Herr Z. bald Ausbildungsleiter und bleibt das, bis wir an die Reihe kommen zu erfahren, was in der christlichen Luftfahrt alles "tausend Schas" ist. Schließlich beginnen wir die Wiederholungen dieser Phrase zu zählen, immer hoffend, dass Herr Z. beim tausendundersten Schas einfach tot umfällt. Doch nach unserem Kurs geht Herr Z. lebendig in Pension.

Der Mann, der nach Westen schaut

Diesen Beinamen erhält ein Turmlotse, weil er, wenn sonst nichts zu tun ist, zum Fernglas greift und Richtung Westen starrt. Mir wird gesagt, man habe nie erfahren, was dieser Kollege da beobachtet. Gewiss ist nur, dass man bald beginnt, ihm die üblichen Streiche zu spielen, die man mit einem Fernglas spielen kann. Mal verschmiert man die Optik mit Butter, mal die Augenmanschetten mit Stempelfarbe, mal klebt man das Fernglas mit Superkleber an den Tisch. Doch bis zu seiner Pensionierung übergeht er diese Streiche stoisch und hält an seiner Gewohnheit fest. Ein kleines der kurzen, aber an Rätseln reichen Geschichte der Luftfahrt.

Meine Liebe zur Navigation und der Mathematik, die dahintersteckt, weckt zwei Ausbildner. Herr H. lehrt uns die klassischen Arten der Navigation so saftig, dass ich auf Deck eines frühen Weltumseglers zu stehen meine statt in diesem öden Lehrzimmer in der Schnirchgasse. Herr B. hingegen ist der Mann der Moderne und bringt uns alles bei, was mit elektronischer Navigation zu tun hat. Weil er dabei stets so heiter und gut gelaunt ist, wie nur Italiener es sein können, nenne ich ihn "Dottore Beppo il navigatore elettromagnetico". Beiden bin ich bis heute dankbar, dass ich auf so unterhaltsame Weise lerne, wie man von A nach B kommt.

Ja, nein, weiß nicht

Herr K. ist einer der ersten Fluglotsen Österreichs und nun im selbst gewollten Ausgedinge als Lehrer für junge Fluglotsen. Er unterrichtet die Grundlagen der Datenübermittlung in der zivilen Luftfahrt. Das ist leider sehr langweilig, weswegen ich oft einschlafe. Was mich weckt, ist dann das Markenzeichen des Herrn K. Der Fragen grundsätzlich so stellt, dass er die einzigen drei Antwortmöglichkeiten dazusagt: "Ja, nein, weiß nicht!" Schon nach wenigen Tagen bin ich konditioniert, bei diesen Worten aus dem Koma aufzuwachen und aufs Geratewohl eine der drei möglichen Antworten zu bellen. Und seit über 20 Jahren ist das die Lieblingsform, in der ich meiner Freundin Fragen in Reizsituationen stelle, was nur selten zur Deeskalation beiträgt.

Herr K., den ich sehr mag, weil er mir oft durch die Ausbildung hilft, stirbt im letzten Sommer an Krebs. Herr Z. ist entweder beim tausendundersten Schas angelangt oder fast hundert Jahre alt. Die beiden Navigatoren finden ihren Kurs zur Karriere in der Verwaltung, und Fräulein Wagner soll ins Burgenland geheiratet haben. Der Mann, der nach Westen schaut, verbringt die letzte halbe Stunde seiner letzten Dienstschicht vor der Pensionierung mit seinem Fernglas und geht grußlos vom Turm.

Über den Wolken

Mein Leben als Fluglotse ist nur die Folge eines Bubentraums, der nicht loslassen will. Bald sind die Exotik eines Extremberufs und der Umgang mit modernster Technik kein Reiz, sondern öde Routine. Als ich beschließe aufzuhören, grüße ich manche zum Abschied. Andere nicht.

Die Freiheit über den Wolken gibt's nur bei Reinhard Mey. Selbst Buschpiloten fliegen heute mit GPS. Und machen immer brav, was der Fluglotse sagt. Herr Z. würde sagen: "Ka Wunda, wöö wos ois heit unnetich umatumfliagt! Tausndschas!" (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 29.4.2013)

  • Der Mann, der nach Westen schaut.
    foto: ap/frank boxler

    Der Mann, der nach Westen schaut.

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