"Brain Computing": Gehirnsteuerung auf dem Weg in den Massenmarkt

29. April 2013, 10:00
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In den kommenden Jahren erwarten Forscher große Fortschritte bei der Erforschung des Gehirns

Was sich heute noch als Smartwatch mit kleinem Touchscreen auf unsere Handgelenke verirrt, oder mit einem Miniaturdisplay vor unserem Auge prangt und auf Sprachkommandos hört, könnte in ein paar Jahren schon wieder veraltet sein. Nämlich dann, wenn der persönliche Roboterassistent mit einem Glas Limonade anmarschiert, weil er automatisch weiß, wenn sein Besitzer durstig ist.

Das Licht einschalten, weil man daran denkt. E-Mails verschicken, ohne das Telefon aus der Tasche zu ziehen. "Brain Computer Interfaces", das Auslesen von Gedanken aus Gehirnwellen, sind schon seit einer Zeit in Entwicklung.

Von Spielen und Gehirntrainern

Samsung werkt, so die New York Times, etwa an einem Tablet, das sich mit Hilfe eines Kappen-artigen Accessoirs steuern lässt, in welchem Elektroden verbaut sind. Das Unternehmen NeuroSky wiederum hat ein Bluetooth-Headset entwickelt, mit dem sich verschiedene Spiele steuern lassen. Kraft der eigenen Konzentration betätigt sich der User als Zombiejäger, Bogenschütze oder weicht Kugeln aus.

Ähnliches kommt von Emotiv. Deren Gerät in schmiegt sich in futuristischem Look wie ein Alien an den Kopf des Users, der damit Tetris-artige Spiele spielt oder je nach Gefühlslage verschiedene Fotos auf der Bilderplattform Flickr aufstöbern kann. Von InteraXon kommt schließlich "Muse", ein Stirnband mit einer Helfer-App, mit welcher sich "das Gehirn trainieren" lässt – dank verschiedener Konzentrationsübungen.

Das Gespräch im Stadion

Technologie wie diese soll es in Zukunft ermöglichen, dass auch körperlich stark eingeschränkte Menschen mehr Zugang zum Digital-Zeitalter bekommen. Die Produkte, die heute schon verkauft werden, werden allerdings bald ausgesprochen archaisch wirken.

"Die derzeitigen Technologien sind wie der Versuch, einem Gespräch in einem Footballstadion aus großer Entfernung zuzuhören", meint John Donoghue, Neurowissenschaftler und Leiter des Brown Institute for Brain Science. "Um richtig zu verstehen, was mit dem Gehirn passiert, müsste man eine Reihe von Sensoren implantieren."

Letztes Jahr ermöglichte es das von Donoghue vorangetriebene Projekt "BrainGate" Gelähmten, einen robotischen Arm mit Gedankenkraft zu steuern. Eine Frau, die ihre Arme seit 15 Jahren nicht mehr bewegt hatte, konnte auf diesem Wege eine Flasche fassen, sich selbst ein Getränk einschenken und die Flasche anschließend wieder auf dem Tisch abstellen.

Rasanter Fortschritt erwartet

Doch die Forschung schreitet voran und der Chip im Kopf könnte bald überflüssig werden. Forscher rechnen mit großen Fortschritten beim Verständnis des Gehirns, was sich erheblich auf den technologischen Fortschritt auswirken könnte. Das heuer von der Obama-Regierung gestartete und auf zehn Jahre angelegte "Brain Activitiy Map Project" könnte einen wichtigen Beitrag leisten, in dem eine umfangreiche "Karte" des Gehirns erstellt wird.

Wissenschaftlerin Miyoung Chun, die an dem Projekt mitarbeitet, erklärt, dass das Anlegen des "Gehirn-Atlas" in der Tat ein ganzes Jahrzehnt dauern dürfte, aber schon die ersten Erkenntnisse den Bau neuer Interface-Produklte in den kommenden zwei Jahren ermöglichen wird. "Die Brain Activity Map wird alles revolutionieren, von robotischen Implantaten, Neuralprothesen bis hin zu Fernbedienungen, die bald Geschichte sein könnten, wenn man den TV-Kanal wechseln kann, in dem man nur daran denkt."

Hürden

Als eine der ersten ausgereifteren Anwendungen könnte Internetsurfen auf dem Programm stehen. Schon jetzt ist es möglich, auszulesen, an welchen Buchstaben jemand denkt, wenn er auf einen Screen voller Buchstaben sieht. Der Schritt zu Suchbegriffen für die Verwendung von Google ist nicht mehr weit.

Freilich gibt es noch Hürden, denn zwischen Gedanken und Willen gibt es Unterschiede. "Nur weil ich im Restaurant an ein Steak denke, heißt das nicht, dass ich auch eines zu Abend essen will", so Donoghue. Ebenso wie Googles "Glass" in Zukunft unterscheiden können muss, ob der Nutzer nur etwas im Auge hat, oder blinzelt, weil er ein Foto machen will. (red, derStandard.at, 29.04.2013)

  • Futuristisch: Das EEG-Headset von Emotiv.
    foto: emotiv

    Futuristisch: Das EEG-Headset von Emotiv.

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