Die schleichende Abnabelung von der Welt

28. April 2013, 18:28
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Zum zehnten Mal präsentierte das Linzer Crossing-Europe-Festival junges europäisches Autorenkino - Nicht wenige Filme beschäftigten sich mit dem krisenhaften Arbeitsmarkt

Linz - Das europäische Kino befindet sich durch die anhaltende Wirtschaftskrise in einer brenzligen Situation. Zwei Meldungen von vergangener Woche klangen alarmierend: Der European Producers Club beklagte die Schließung von Alta Films, eines wichtigen Vertriebsorgans für europäisches Kino in Spanien; in Italien haben Filmschaffende und Journalisten einen Brief an die neue Regierung gerichtet, in dem Einsparungen von 20 Millionen Euro an Fördermitteln als existenzbedrohend bezeichnet werden.

Diese Krisenszenarien wurden auf dem Filmfestival Crossing Europe zwar nicht direkt thematisiert; dennoch konnte man sich an verschiedenen Stellen ein Bild davon machen, was die Budgetnot konkret bedeutet. In Linz stehen seit zehn Jahren Arbeiten im Mittelpunkt, die ein Autorenkino abseits kommerzieller Erwägungen anvisieren - und hier scheint man nun zu immer kleiner dimensionierten Filmen zu tendieren.

Der mit dem Hauptpreis prämierte Film des Griechen Ektoras Lygizos, Boy Eating the Bird's Food (To agori troi to fagito tou pouliou), wurde etwa mit gerade einmal 10.000 Euro realisiert. In Athen sei es gang und gäbe, erzählte der Regisseur, dass sich Filmemacher gegenseitig unter die Arme greifen, Equipment und Produktionsstrukturen teilen.

Auch die Digitalisierung hilft ein wenig beim Sparen. Boy Eating the Bird's Food wurde mit einer HD-Fotokamera gedreht, was mit der zentralen Idee des Films gut korrespondiert. Lygizos erzählt von Yorgos, einem jungen, arbeitslosen Falsettsänger (Yannis Papadopooulos), der sich zunehmend in seiner kleinen Welt verbarrikadiert. Die Kamera bleibt ihm auf den Fersen. Sie zeichnet seine Routinen im Apartment (mit Kanarienvogel) auf, Stadtrundgänge, bei denen er irgendwann eine Frau zu verfolgen beginnt; und sie filmt auch dann noch, wenn er sich selbst befriedigt und danach über die Finger leckt.

Lygizos, der aus dem Theaterbereich kommt, weist ein Nahverhältnis zu anderen griechischen Filmemachern wie Yorgos Lanthimos und Athina Rachel Tsangari auf. Obwohl keiner der Erwähnten die Staatskrise offen zum Thema macht, scheint sie für die Isolation und Einsamkeit ihrer Figuren von Belang zu sein. In Boy Eating the Bird's Food erhält die Not des Helden, der Hunger leidet und aus dem sozialen Netz fällt, eine metaphysische Dimension, die an Robert Bresson erinnert.

Verhängnisvoller Markt

Prekäre Arbeitsverhältnisse waren auffällig oft integraler Teil der Erzählung von Filmen: Die Slowakin Iveta Grófová zeigt in Made in Ash mit viel Fingerspitzengefühl, wie schnell der Abstieg von einer Fabriksnäherin zur Prostituierten gehen kann. Ohne jeden Miserabilismus begleitet auch die Schwedin Gabriela Pichler ihre Heldin in Eat, Sleep, Die durch die Anforderungen des Arbeitsmarkts. Nachdem Rasa (Nermina Lukac) als Fabriksarbeiterin gekündigt wird, lässt sie nichts unversucht, um wieder Arbeit zu finden. Einmal nimmt sie einen Job als Fahrerin an - dabei besitzt sie keinen Führerschein.

Dass die junge Frau montenegrinischer Abstammung einer Randgruppe angehört, hat hier nicht vorschnell Sozialtristesse zur Folge. Pichler bedient mit ihrer großartig beharrlichen Protagonistin keine Negativbilder, sondern durchschreitet eine vielstimmige Realität, zu der ganz unterschiedliche Kräfte gehören. Etwa auch die robuste Liebe Rasas zu ihrem Vater. So gelingt Pichler, die über bosnisch-österreichische Wurzeln verfügt, mit ihrem Debüt die erstaunlich sichere Beschreibung einer migrantischen Lebens- und Arbeitswelt.

In eine das Fantastische streifende Realität von Jugendlichen führt Marçal Forés Animals, der mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Forés versteht die Ängste und Wünsche seiner Figuren als Bilder, mit denen er Grenzen aufheben kann. Anstatt einer Coming-of-Age-Geschichte erzählt auch er eine der Abnabelung und Depression, zieht dabei aber völlig andere filmische Register - und breitet eine düster-romantische Befindlichkeit aus.

Auch Animals ist ein kleiner, etwas durchwachsener Film, der sich mit virtuosen Cinemascope-Aufnahmen (Eduard Grau) an großem Kino versucht. Im Crossing-Europe-Programm fiel er positiv aus der Reihe. Für das europäische Kino ist er ein Beleg dafür, dass es beim jungen Film vielfältige, ermutigende Ansätze gibt - umso weniger sollte man dessen Zukunft aufs Spiel setzen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 29.4.2013)

  • Baden im schulnahen Stausee: Marçal Forés' preisgekrönter Film "Animals" nimmt sich der Innenwelten von Jugendlichen an.
    foto: crossing europe

    Baden im schulnahen Stausee: Marçal Forés' preisgekrönter Film "Animals" nimmt sich der Innenwelten von Jugendlichen an.

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