Die Waage und die Zuckerl-Razzia

Porträt28. April 2013, 16:38
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Aus Elisabeth Bergmann, Österreichs erster Olympiateil- nehmerin in der Rhythmischen Sportgymnastik, wurde Elisabeth Salzer

Wien - Die Olympischen Spiele 1988 in Seoul begannen für die Wienerin Elisabeth Bergmann nicht gerade verheißungsvoll. Bei der Eröffnung kollabierte die 17-Jährige. "Ich bin erst einen Tag davor hingeflogen. Dann mussten wir in der prallen Sonne und in voller Montur lange auf den Einmarsch warten - Austria kommt im koreanischen Alphabet weit hinten", erzählt sie in einem Wiener Gastgarten, und die Frühsommersonne ist in Hochform. Hugo Simon, damals schon Routinier, "hat mir Riechsalz gegeben, das hat er immer dabeigehabt".

Bergmann fing sich, belegte Platz 25. Viel mehr war nicht drin. "Ich bin oft gefragt worden von Journalisten, ob ich mich nicht ungerecht behandelt fühlte bei den Wertungen, dass ich gegen die Sportlerinnen aus den Ostblock von vornherein keine Chance gehabt habe. Ich habe mich aber nicht ungerecht behandelt gefühlt."

Ihr Vater, Sigi Bergmann, weilte ebenfalls in Seoul. Als Boxkommentator war er freilich unabkömmlich, konnte seiner Tochter also nicht beim Sporteln zuschauen. "Die Sportgymnastik war natürlich nicht seine Welt. Zuerst hat er sie belächelt, aber als ich dann Erfolge gehabt und mich für Olympia qualifiziert habe, war er schon irrsinnig stolz."

In Seoul zog Elisabeth Bergmann mit Biko Botowamungo und Peter Seisenbacher herum, quasi den Extremisten der österreichischen Delegation. Botowamungo, der Boxer, ging im ersten Kampf k. o., Seisenbacher, der Judoka, besorgte Österreich die einzige Medaille bei diesen Spielen, holte wie schon 1984 in Los Angeles die Goldene.

Mit 18 in Pension

Nach den Spielen ging Bergmann als Leistungssportlerin in Pension. Als achtfache Staatsmeisterin, nicht einmal 18-jährig. Schließlich stand die Matura an, und die achte Klasse wurde insofern besonders fordernd, als sie wegen Olympia den ganzen September versäumt hatte. Die Matura wurde geschafft. Bergmann bewarb sich für die Musical-Schule, war eine von zehn von 100 Kandidatinnen, die aufgenommen wurden, um nach einem Jahr draufzukommen, "dass das nicht meine Welt ist". Dann arbeitete sie als Model, was den Eltern gar nicht gefallen hat, "und für mich war es auch immer eine Qual".

Heute hat Elisabeth Salzer drei Kinder, fünf (Bub), elf (Mädchen) und 14 (Bub) Jahre alt, ist in zweiter Ehe verheiratet, seit vielen Jahren schon arbeitet sie in der Presseabteilung der Wirtschaftskammer Österreich in Wien.

"Ich habe großes Glück", sagt sie, "dass der Sport keine körperlichen Folgen hatte. Und das Körpergefühl ist geblieben. Wenn ich keinen Sport betreibe wie zum Beispiel Laufen oder Yoga, geht's mir nicht gut." Zuletzt ist der sportliche Ehrgeiz wieder durchgebrochen, an der Donau-Uni in Krems studiert sie, neben Familie und Job, Public Relations, der Master soll nächstes Jahr heimgebracht werden.

Ehrgeiz und die dünne Luft

Der Ehrgeiz im Leistungssport hatte sich schleichend entwickelt und ist Personen zu danken, "die ich zur richtigen Zeit getroffen habe". Zunächst einmal wollte die Mutter, dass sich die kleine Elisabeth einmal in der Woche bewegt, es wurde die Rhythmische Sportgymnastik. Später kam eine ehemalige polnische Spitzengymnastin, die einen Österreicher geheiratet hatte, als Trainerin zum Verein. Es wurde immer mehr geübt, erst zwei-, dann dreimal pro Woche. Mit 14 schaffte sie es "unvermutet" ins Nationalteam. Die Bulgarin Raina Afionlieva wurde österreichische Nationaltrainerin, es ging immer professioneller zu, trainiert wurde täglich, "und ich habe Blut geleckt".

"Die Eltern", erzählt Frau Salzer, "waren eigentlich nie dahinter. Bei ein paar Kolleginnen war das aber schon so. Und als ich an die nationale Spitze gekommen bin, habe ich gemerkt, wie dünn die Luft wird, habe den Gegenwind gespürt. Nicht von den anderen Mädchen, sondern von ihren ehrgeizigen Müttern. Das war ein schmerzhafter Prozess, ich bin ja harmoniebedürftig." Heute, als Mutter, müsse sie aufpassen, dass sie nicht ins Gegenteil einer "Eislaufmutti" verfalle, ihre Kinder am Leistungssport hindere.

Und der war extrem. Bergmann besuchte zwar ein Sportgymnasium, aber es handelte sich um ein Sportgymnasium nur für Burschen, und die Direktion sah es gar nicht gerne, wenn sie einmal einen freien Samstag wegen eines Wettkampfs begehrte. Nach einem Schulwechsel ging es besser. Zudem rief die Sporthilfe das "Modell 88" mit Schwerpunkt Turnen und Gymnastik ins Leben, und die einschlägige Förderung führte dazu, dass sich Bergmann für Seoul qualifizieren konnte. Tagesablauf: Schule bis 14 Uhr, drei Stunden Training, am Abend Aufgaben machen. "In der dritten Klasse, als die anderen mit den Partys begonnen haben, war das schon mühsam. Aber ich habe es pragmatisch gesehen, ich wollte gut werden."

Der Schmuggel

Dazu waren auch Trainingslager nötig, einmal etwa ein vierwöchiges in Bulgarien. Bergmann war 15 und zum ersten Mal so lange weg von daheim. " Verwöhnte Westmädchen im Ostblock, der Kommunismus, die Armut, die Tristesse, das war ein Schock für uns. Und eine Erfahrung." Die Mädchen wurden - wie freilich auch daheim im Leistungszentrum in der Südstadt - dreimal täglich gewogen.

Bergmann hatte Zuckerln, Schokolade und Dauerwurst eingeschmuggelt und unter der Matratze versteckt. Es gab eine Razzia, die Köstlichkeiten wurden entdeckt und konfisziert, Straftraining war die Folge. "Im Prinzip war uns allen aber schon klar: Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir mitspielen."

Der Dünn-Tick

Zum Spiel gehörte es auch, dem Schönheitsideal der Kindfrau zu entsprechen. "Das war nicht unproblematisch. Da ist ein richtiger Dünn-Tick entstanden." Der hatte bei einigen heftige Nachwirkungen. Bergmann weiß von ehemaligen Kolleginnen, die nach der Karriere ziemlich aus dem Leim gegangen sind, und von anderen, bei denen es in die Gegenrichtung bis hin zur Magersucht ging.

"Die Sportart war sehr autoritär. Die Sportlerinnen waren sehr jung, zum Trainer hat man richtig aufgeschaut." Und wenn die Mädchen übers Wochenende daheim etwas zugenommen hatten, was Usus war, folgte das obligatorische Straftraining. Ein Problem unter diesen Umständen war auch "das Annehmen der Weiblichkeit". Erst vor kurzem fand das olympische Diplom von Seoul den Weg aus irgendeiner Kiste an eine Wohnungswand. "Je älter ich werde, desto stolzer bin ich auf das, was ich geschafft habe. Eigentlich cool."

In der Sportart, ausgeübt zu Musikbegleitung mit den Handgeräten Seil, Reifen, Ball, Keulen und Band, hat sich einiges geändert seit Bergmanns Tagen. "Es war früher puristisch, wir haben ganz einfache Trikots getragen, der Glitzer ist erst später gekommen." Als Musikbegleitung war zunächst nur Klavier gestattet. Auch akrobatische Elemente wurden erst im Laufe der Zeit erlaubt.

Vom 31. Mai bis zum 2. Juni findet in der Wiener Stadthalle die Europameisterschaft statt. Mit der Vorarlbergerin Caroline Weber (26), der bisher erfolgreichsten Österreicherin, die bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking 17. und 2012 in London 18. wurde und ihren letzten internationalen Auftritt gibt. "Das schaue ich mir sicher an", sagt Salzer. "Faszinierend, was sich geändert hat." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 29.04.2013)

  • Elisabeth Bergmann mit Reifen in einer Sporthalle in den Achtzigerjahren.
    foto: privat

    Elisabeth Bergmann mit Reifen in einer Sporthalle in den Achtzigerjahren.

  • Elisabeth Salzer in der Wiener Frühsommersonne.
    foto: zelsacher

    Elisabeth Salzer in der Wiener Frühsommersonne.

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