GRAS: Im Biotop Uni das "große Ganze" sehen

Reportage mit Video1. Mai 2013, 18:32
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Mit billigem Bio-Mensaessen und mehr Wahlfächern wirbt die grüne ÖH-Fraktion

Wien - Mitte April hat ein kleiner Wohnwagen vor dem Hauptgebäude der Uni Wien am Universitätsring Stellung bezogen. Er ist mit grünen Blättern bemalt, und an schönen Tagen laden Liegestühle vor dem Wagen zum Verweilen ein. Bis Mitte Mai wird er noch hier stehen, und bis dahin wird Marie Fleischhacker versuchen, jede freie Minute bei diesem Wagen zu verbringen.

Fleischhacker (22) ist neben Viktoria Spielmann (26) eine der beiden bundesweiten Spitzenkandidatinnen, mit denen die Grünen und Alternativen Studierenden (GRAS) in den heurigen ÖH-Wahlkampf ziehen. Natürlich nicht ohne den Wagen, denn der ist beinahe so alt wie die GRAS selbst, die vor genau 20 Jahren erstmals zu den Hochschülerschaftswahlen antraten und auf Anhieb Platz zwei erzielten. Den größten Stimmanteil erreichten sie 2003 mit 29 Prozent und ließen damit sogar die bisher dominierende ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft hinter sich. Bei der letzten Wahl erreichten sie 18,7 Prozent.

Was alles schiefläuft

Indem Fleischhacker viel Zeit beim Wahlkampfwagen verbringt, will sie mit möglichst vielen Studierenden ins Gespräch kommen und "ihnen erklären, was alles schiefläuft in der Bildungspolitik und warum es Sinn macht, auf eine Demonstration zu gehen". Die gebürtige Inderin hat seit ihrem sechsten Lebensmonat nur mit kurzen Unterbrechungen in Graz gelebt - als Referentin in der ÖH-Bundesvertretung für Ausländische Angelegenheiten hat es sie schon vor einigen Jahren für ein paar Monate nach Wien verschlagen. Ihr Interesse an den skandinavischen Ländern regte sie zu einem Auslandsjahr in Kopenhagen an, und sie wollte dadurch auch etwas Abstand von der ÖH gewinnen. "Ich habe aber bald gemerkt, wie sehr mir die politische Arbeit fehlt."

Auch habe ihr das Jahr in Skandinavien "die Augen geöffnet, was Frauenförderung, soziale Absicherung, Toleranz und Antirassismus angeht". Da habe sie sich gesagt: "Ich denke mir, ich kann über alles jammern, aber etwas verbessern kann ich nur, wennich selber aktiv werde."

Deswegen ist sie vor ein paar Wochen nach Wien gezogen und will hier auch für die nächsten zwei Jahre bleiben, um sich in der Bundesvertretung der Hochschülerschaft zu engagieren. Obwohl sie sich bisher nur zum "Schlafen und Wäschewaschen" in ihrer Wohnung aufgehalten hat, hat sie sich schon gut in Wien eingefunden. Das größte Eingewöhnungsproblem hat die Studierendenpolitikerin, die sich seit ihrem ersten Semester an der Uni bei den GRAS engagiert, darin, dass in Wien "Bio- vom Restmüll nicht überall getrennt wird". Doch es gibt auch positive Nebeneffekte des Umzugs: Neben ihrem Hauptstudium Jus kann sie ihr Zweitstudium Skandinavistik, das sie bisher nur aus der Ferne betreiben konnte, nun vor Ort an der Uni Wien aufnehmen.

So steht an diesem Apriltag nicht nur Wahlkämpfen auf ihrem Terminplan, sondern auch ein Besuch in der Fachbereichsbibliothek für Skandinavistik. Sie streift durch die Bücherreihen, zieht ein paar Bände aus dem Regal und notiert sich die Öffnungszeiten. Für "Einführung in wissenschaftliches Arbeiten" muss sie eine Art Bibliotheksführer für Büchereien in Wien, die für Skandinavisten interessante Literatur führen, zusammenstellen.

Drei grüne Forderungspakete

Drei Themenkomplexe haben die grünen Studierenden zu ihrem Wahlprogramm gemacht: "Her mit freier Bildung!", "Her mit leistbarem Wohnen!", "Her mit freier Mobilität!", lauten die Slogans. In der Hochschulpolitik fordern sie statt der derzeitigen Studieneingangs- und Orientierungsphase, die Fleischhacker eher "als Hürde und Abschreckung als eine tatsächliche Orientierung" sieht, ein "Studium generale". In ihrem ersten Studienjahr sollen Studierende die Möglichkeit bekommen, über Fächer und Unis hinweg Lehrveranstaltungen ihrer Wahl zu belegen. Außerdem sollen im Bachelorstudium Kurse im Umfang von 30 ECTS (European Credit Transfer System) frei wählbar sein. In den letzten Jahren ging die Entwicklung immer mehr dahin, dass selbst die Freien Wahlfächer vorgegeben Fächerkörben zugehören mussten.

Beim Wohnen fordern die GRAS etwa, dass Kautionen und Provisionsgebühren für Studierende teilweise entfallen. Außerdem sollen günstige Studentenwohnheimplätze ausgebaut und der kommunale Wohnbau für Studierende geöffnet werden. Wie all das umgesetzt werden kann, will Fleischhacker konkretisieren, sobald die grünen Forderungen Gegenstand einer Koalitionsvereinbarung geworden sind. Ohne die Unterstützung von Bundesregierung, Wissenschaftsministerium oder den Stadtregierungen wird die ÖH nicht viel davon umsetzen können.

Wer, wenn nicht wir?

Im Forderungskomplex Ökologie, Nachhaltigkeit und Mobilität rufen die GRAS nach Freifahrt für Studierende, billigem Bio-Essen in der Mensa und mehr Radabstellplätzen. Es ist vor allem dieser Bereich, in dem sich die GRAS von ihrem langjährigen Koalitionspartner auf Bundes- und Uniebene, dem Verband Sozialistischer Studierender (VSStÖ), abheben. "Die GRAS unterstützen die Sozialperspektive des VSStÖ, aber wir versuchen, ein bisschen das große Ganze zu sehen", sagt Fleischhacker. Als weiteres Themenfeld, "das alle anderen umfasst", will sie Feminismus verstanden wissen.

In ihrer Arbeit in der ÖH-Bundesvertretung will sie sich klar politisch positionieren und für einen freien und offenen Hochschulzugang und gegen Studiengebühren eintreten. Nachsatz: "Wenn das die ÖH nicht macht, wer sonst?" (Tanja Traxler, derStandard.at, 1.5.2013)

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