Tschetschenen - ein falsches Feindbild

Blog29. April 2013, 18:41
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Nach dem Anschlag in Boston stehen Angehörige des Kaukasus-Volkes auch in Österreich verstärkt unter Beobachtung. Bei näherer Betrachtung stellt sich ihre Community aber als politisch und religiös zersplittert dar.

Am Donnerstag demonstrierten in Wien TschetschenInnen gegen die USA. Mit Slogans wie "Die wahren Terroristen sind im Weißen Haus. Das Land der permanenten Lüge - Amerika!!" versuchten sie, die in Teilen der tschetschenischen Community offenbar bestehenden Zweifel zu nutzen, dass die beiden tschetschenischen Zarnajew-Brüder das Attentat auf den Bostoner Marathon zu verantworten haben. Laut der Journalistin, Buchautorin und Russland-Expertin Susanne Scholl ist dieser Unglauben derzeit auch in Tschetschenien selbst verbreitet. Sie hat Ähnliches von Bekannten in Grosny gehört.

Psychologische Abwehr

Scholl erklärt sich diese weit über die angebrachte Unschuldsvermutung hinausgehende und angesichts der Faktenlage verschwörungstheoretisch anmutende Reaktion unter anderem mit psychologischer Abwehr: Besagte TschetschenInnen wollten nicht wahrhaben, dass ihre beiden Landsleute in den USA Tod und Zerstörung, wie sie in Tschetschenien jahrzehntelang an der Tagesordnung waren, verursacht haben.

Denn für oppositionelle TschetschenInnen sei der traditionelle Feind Russland, nicht die USA. Somit dürfte offene Ablehnung Amerikas unter Angehörigen der russischen Kaukasus-Republik eher eine Neuentwicklung zu sein: Ein Ausdruck der Annäherung an das unter radikalisierten Muslimen verbreitete Bild der USA als Zentrum der Islamfeindlichkeit und als Symbol des abgelehnten "Westens".

Verwirrende Vielfalt

Der ohnehin ausgeprägten Zersplitterung des politischen Spektrums in- und außerhalb Tschetscheniens fügt das noch ein weiteres Element hinzu. Diese verwirrende Vielfalt erschwert den Umgang mit dieser Flüchtlings- und Einwanderergruppe in Ländern des tschetschenischen Exils. So auch in Österreich, wo Rechte und Rechtspopulisten diesen Umstand benutzen, um Angst vor den Tschetschenen" zu schüren. Etwa, indem man sie als islamistische Zeitbomben darstellt, wie es zuletzt vom freiheitlichen Delegationsleiter im Europaparlament, Andreas Mölzer, kam. "In Österreich leben rund 40.000 Tschetschenen, von denen wohl Hunderte dem fundamentalistischen Islam anhängen oder die sich jederzeit radikalisieren können", sagte dieser.

25.000 bis 26.000 TschetschenInnen in Österreich

Damit hat Mölzer gleich mehrfach unrecht. Erstens, weil in Österreich nicht 40.000, sondern zwischen 25.000 und 26.000 TschetschenInnen leben. Zweitens, weil islamistische Radikalisierung keine tschetschenische Besonderheit ist, sondern in Österreich ebenso einzelne Syrer, Ägypter, Afghanen sowie muslimische Konvertiten betrifft: Insgesamt laut Verfassungsschutz mehrere Hundert Männer.

Weit öfter hat man es hierzulande mit säkularen Tschetschenen zu: Familien und Einzelpersonen, die meist nur dann auffallen, wenn sie nach Asyl-Negativbescheiden vor der Abschiebung in die russische Kaukasus-Republik zittern. Dort fürchten sie Verfolgung durch das schariaorientierte Regime Präsident Ramsan Kadyrows, was der Asylgerichtshof aber als "unglaubwürdig" abgetan hat; warum, ist bei näherer Betrachtung des Falls oft völlig unverständlich und wirft auf die dafür verantwortlichen Asylgerichtshofsenate kein gutes Licht.

Fall von Kriegsverbrechen

Zuletzt war das etwa bei der Entscheidung zu Familie K./S.‘ so, die direkt in den Fall des bisher einzigen wegen Kriegsverbrechens verurteilten russischen Militärs, Oberst Juri Budanow, involviert ist: Das 17-jährige Mädchen, das Budanow entführt, vergewaltigt und ermordet hatte, war Adam K.‘s Nichte.

Insgesamt ist die Affäre von einem Ausmaß von Gewalt geprägt, die ein Asylgericht wohl hätte aufhorchen lassen müssen, sobald die Verbindung der Familie zu ihr auf dem Tisch lag  - und das tat sie!: Nicht nur die 17-Jährige, auch Budanow selbst, ebenso der russische Anwalt Familie K./S.‘ sowie die Journalistin Anna Politkowskaja, die über die Causa schrieb, wurden ermordet.

Dann gibt es in Österreich Tschetschenen, die Anhänger Kadyrows sind. Sie stellen die Berechtigung ihrer Landsleute in Frage, sich im  heutigen Tschetschenien vor Repressalien zu fürchten. Vor einigen aus diesem Kreis haben GegnerInnen des Präsidenten große Angst: Sie sprechen vom "langen Arm Kadyrows". Die Erschießung des von diesem abgefallenen Umar Israilow mitten in Wien ist ihnen noch gut in Erinnerung.

Asylaberkennungen

Eine ganze Reihe dieser "Kadyrowski" kam als Asylwerber nach Österreich und erhielt  hier internationalen Schutz. Nach der Israilow-Ermordung wurde dies in vielen Fällen überprüft. Das Asyl wurde einer ganzen Reihe Personen wieder aberkannt. Dass manche von ihnen inzwischen trotzdem wieder im Land sind, schürt viel Misstrauen.

Und dann gibt es in Österreich auch noch tief religiöse TschetschenInnen, die meisten gegen Kadyrow eingestellt: Durch gezielte religiöse Einflussnahme während der jahrzehntelangen Kriege haben sich im Kaukasus viele Menschen einem fundamentalistischen Islam zugewandt. Nach den Attentaten von Boston stehen sie jetzt international im Mittelpunkt polizeilichen Interesses.

Das mag nötig sein, um Fälle gewaltbereiter Radikalisierung rechtzeitig zu erkennen. Doch die tschetschenische Diaspora insgesamt sollte keineswegs über diesen Kamm geschoren werden. (Irene Brickner, derStandard.at, 27.4.2013)

  • Mit Slogans wie "Die wahren Terroristen sind im Weißen Haus. Das Land der permanenten Lüge - Amerika!!" demonstrierten am Donnerstag in Wien TschetschenInnen gegen die USA.
    foto: apa/hans punz

    Mit Slogans wie "Die wahren Terroristen sind im Weißen Haus. Das Land der permanenten Lüge - Amerika!!" demonstrierten am Donnerstag in Wien TschetschenInnen gegen die USA.

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