"Wir wollten es so original wie möglich machen"

Interview26. April 2013, 17:18
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Hans Werner Henzes "Pollicino", ein Märchen für Musik, hat am Sonntag in der Staatsoper Premiere. Regisseur René Zisterer und Dirigent Gerrit Prießnitz über das Werk

STANDARD: Der Dirigent der letzten "Pollicino"-Aufnahme, Jobst Liebrecht, hat festgestellt, er habe davor nicht gewusst, "welche Ausmaße die Arbeit annimmt. Es wurde mehr und mehr." Wie war das bei Ihnen, Herr Prießnitz?

Gerrit Prießnitz: Ich wusste es, und es wurde trotzdem mehr und mehr! Hier war so viel zu bedenken: Was wird mit Kräften aus dem Haus, was mit Schülern besetzt, wer bereitet wen vor? Dann mussten wir noch eine Fassung erstellen, die unsere angestrebte Spieldauer von einer guten Stunde bedient - dafür haben wir einige Zwischenspiele gestrichen.

STANDARD: Wie haben Sie die Aufteilung der mitwirkenden Kräfte denn gelöst?

Prießnitz: Ganz genau so, wie es von Henze vorgesehen ist. Das Gros des Orchesters sind Jugendliche, und einzelne Instrumente - die beiden Tasteninstrumente, die Solovioline, Teile der Schlagwerkgruppe - werden von Hauskräften besetzt. Wir wollen es so original wie möglich machen.

STANDARD: Hans Werner Henze hat in seinem Text zu "Pollicino" ja leicht überrascht festgestellt, dass das Werk immer mehr an Opernhäusern gespielt würde - obwohl er es eigentlich lieber an den Schulen sähe.

Prießnitz: Wir kombinieren ja beides.

René Zisterer: Ich habe vor drei Jahren im Musikverein ein Konzert des Musikgymnasiums Neustiftgasse gehört, und die Qualität und der Einsatz dort waren außergewöhnlich. Und ich dachte nur: Wenn man das mit der Staatsoper verbinden könnte! Das hat nun mit dem "Pollicino" geklappt.

STANDARD: Warum haben Sie sich für das Große Haus entschieden?

Zisterer: Zum einen würde es den Rahmen oben sprengen - wir können im Kinderopernzelt nicht mehr als 16 Musiker unterbringen. Es war aber auch ein Wunsch des Direktors, dass man die Hemmschwelle bezüglich des Großen Hauses abbaut, dass man die Tür aufmacht und Kinder willkommen heißt. Wir verkaufen aber nicht die Galerie- und die Balkonseite, sonst hätten wir Kinder, die unglücklich sind, weil sie keine Verbindung zum Geschehen haben.

STANDARD: Im Stück geht es, wie in vielen Märchen, ja relativ heftig zu. Die Titelfigur der Oper, der kleine Däumling, wird zuerst zusammen mit seinen Brüdern von seinen verarmten, versoffenen Eltern zweimal im Wald ausgesetzt, dann kommen sie vom Regen in die Traufe, also zum Menschenfresser, von da müssen sie mitten in der Nacht fliehen ... Kann man so viel Schreckliches Kindern überhaupt zumuten?

Zisterer: Absolut. Am Ende des Stücks müssen die Kinder ja einen reißenden Fluss durchqueren, und wir haben da einen breiten Steg gebaut, der organisch über das Orchester in den Zuschauerraum führt. So haben wir zum Schluss eine Situation, wo man mit den Zuschauerkindern sagen kann: Wir haben zusammen Hindernisse überwunden.

STANDARD: Also ein großes Gemeinschaftsgefühl zum Finale.

Zisterer: Genau. Die letzte Canzone des Stücks soll auch mit den Kindern im Zuschauerraum gesungen werden. Wir haben dieses Musikstück im Jänner an die Musiklehrer der Schulen geschickt, die das Stück besuchen werden, damit sie es vorher einstudieren können.

STANDARD: Die Erfahrungen von Kälte und Hunger, vom Ausgesetztsein, die hier beschrieben werden, kennt das Gros der Kinder, die die Aufführungen besuchen werden, glücklicherweise nicht.

Zisterer: Was Sie ansprechen, war der Ausgangspunkt der Arbeit mit der Bühnenbildnerin (Maria-Elena Amos, Anm.). Also die Frage: Wie zeigen wir das? Unser Elternhaus von Pollicino ist wirklich sehr klein, und wenn es sich zum ersten Mal nach vorne dreht, sind da neun Personen drin. Durch dieses Bild begreifen die Kinder sofort: Da gibt es kein Wohnzimmer und kein Spielzimmer, sondern nur einen Raum. Und in diesem engen Raum entstehen Aggressionen ...

STANDARD: Diese Frage werden Sie bei den Interviews zu dieser Arbeit schon öfters gehört haben: Inszeniert man für Kinder anders als für Erwachsene? Verwendet man einfachere, plakativere Bilder?

Zisterer: Nein, es ist dasselbe. Ich arbeite mit Menschen und hole aus ihnen ihr künstlerisches Potenzial heraus. Da kommt doch so viel von den Kindern, auch an Energie! Wir haben das gemeinsam auf die Bühne gestellt, und ich glaube, die Kinder werden am Sonntag glücklich sein. (Stefan Ender, DER STANDARD, 27.4.2013)

René Zisterer studierte Regie an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und war 2000-2006 Direktor des Augenspieltheaters. Seit Herbst 2010 ist der Österreicher Direktionsmitglied der Wiener Staatsoper.

Gerrit Prießnitz war Student von Dennis Russel Davies am Salzburger Mozarteum und von 2001 bis 2006 Studienleiter und Kapellmeister am Theater Erfurt. Der gebürtige Bonner ist derzeit an der Volksoper Wien engagiert.

  • Am Schluss können die Kinder sagen: "Wir haben zusammen Hindernisse überwunden" - René Zisterer (links) und Gerrit Prießnitz im Gespräch über "Pollicino".
    foto: matthias cremer

    Am Schluss können die Kinder sagen: "Wir haben zusammen Hindernisse überwunden" - René Zisterer (links) und Gerrit Prießnitz im Gespräch über "Pollicino".

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