Im Spielzeugland der dichtenden Dämonen

26. April 2013, 17:24
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Der Dichter und Lebensreformer Leo Tolstoi wird in dem neuen Roman von Viktor Pelewin aus dem Museum herausgeholt und zum Spielzeug postmoderner Dämonen gemacht

"Tolstois Albtraum" ist eine grandiose Apotheose des Irrwitzes.

Wien - Der russische Dichter Leo Tolstoi (1828-1910) war ein frommer Kauz. Grund und Boden bestellte er eigenhändig mit dem Pflug, sein grobes Bauernhemd wusch er nicht allzu oft. Von den Kirchenoberen seines Landes wurde er exkommuniziert, dabei predigte er Gewaltlosigkeit und den Verzicht auf Fleischgenuss. Immer auf der Suche nach den Ursprüngen christlicher Herzensbildung, übersetzte Tolstoi, der Urheber so epochaler Romane wie Krieg und Frieden und Anna Karenina, sogar die Evangelien neu.

Irgendjemand musste Tolstoi jedoch ein Serum eingeflößt haben. Eines Tages sitzt der große Mann, von den Beamten des Zarenreiches ehrfürchtig nur "Graf T." genannt, in einem Zugabteil der Holzklasse. Tolstoi ist, ohne recht zu wissen, warum, wie ein orthodoxer Priester gekleidet. Ihm gegenüber nimmt ein freundlicher Mann mit Melone Platz und verstrickt ihn in ein süffisantes Gespräch.

Der Moskauer Viktor Pelewin (50) stürzt den Grafen in seinem Roman Tolstois Albtraum nicht vom Sockel herunter. Er unterzieht ihn einer Art Gehirnwäsche. Er verwandelt den sonderbaren Greis mit dem wallenden Bart in einen Action-Helden. Graf T. leidet an Gedächtnisverlust. Er kann sich nicht erklären, warum ihm Geheimdienstagenten (der Mann mit der Melone) und orthodoxe Kampfmönche auf den Fersen sitzen. Man trachtet ihm offenkundig nach dem Leben. Es ist dies vielleicht der größte Witz eines furiosen Buches: Tolstoi, hier eine Art Indiana Jones mit Flugmessern und Schrapnellbomben, ist in Wahrheit der friedliebendste Mensch.

Seine Moral folgt der Abkürzung Gewi: "Gewaltloser Widerstand gegen das Böse". Tolstoi kommt nur nie dazu, gut zu sein, denn Tolstoi ist in Wahrheit gar kein Mensch. Ihn hat sich eine Gruppe von Agenturschreibern ausgedacht, die mit allerhöchsten kirchlichen Würdenträgern kooperieren und offenkundig in Putin-Russland die kommerziell niedrigsten Absichten verfolgen. Freundlicherweise nehmen die schreibenden Lohnknechte mit ihm auch noch Verbindung auf.

Trash-Kompendium

Ein Schöpfer namens Ariel setzt sich mit Graf T. geduldig auseinander. Buchstäblich alles ist möglich. Tolstois Albtraum liest sich über weite Strecken wie ein Trash-Kompendium der wichtigsten Geheim- und Schöpfungslehren. Theorie Nummer eins: Ein ganzes Rudel Götter knetet die Welt für den zurecht, der sie im Augenblick erlebt. Theorie Nummer zwei: Dämonen erschaffen den "Content" für Spielfiguren, die infolge einer Täuschung in dem Wahn leben, Menschen aus Fleisch und Blut und mit freiem Willen zu sein.

Ebenso erscheint es aber denkbar, dass Graf T. bloß nach dem Schlüssel sucht, der ihm die Pforte zur ewigen Weisheit aufschließen soll. Die Zauberformel lautet "Optina Pustyn": Sie beschreibt einen mystischen Sehnsuchtsort, jene Markierung, an der die Grenze zwischen Autor- und Leserschaft aufgehoben ist.

Pelewin hat sich mit seinem neuesten Buch selbst übertroffen. Kein anderer russischer Dichter, auch nicht Vladimir Sorokin, hat das Erbe von Michail Bulgakow und dessen Meister und Margarita derart konsequent weiterentwickelt. Tolstois Albtraum, ein kleines Lehrstück der postmodernen Literatur, mündet in kein Erwachen. Den "Sinn" der Schöpfung kann auch der Lebensreformer Leo Tolstoi nicht begreifen. Aber es lässt sich herrlich leben mit einer Literatur, die es sich nicht nehmen lässt, allwissend zu sein. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27./28.4.2013)

  • Viktor Pelewin: "Tolstois Albtraum". Roman. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. Luchterhand 2013.
    cover: luchterhand

    Viktor Pelewin: "Tolstois Albtraum". Roman. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. Luchterhand 2013.

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