Retrospektiv introspektive Perspektiven

26. April 2013, 17:30
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Herbert Föttinger und Christiane Huemer-Strobele zeichnen in "Das Theater in der Josefstadt" opulent und minutiös die Geschichte des Hauses nach

Das Theater ringt heute um sein Leben. Nicht so sehr aus wirtschaftlicher Not, die allgemein ist. Es krankt viel mehr an der Armut des eigenen Blutes." Kein aktuelles Statement zur Situation des Bühnenwesens, sondern acht Jahrzehnte alt, entstammt es Max Reinhardt, der von 1923 bis 1938 die Geschicke des Theaters in der Josefstadt prägte. Der Nimbus des Unzeitgemäßen haftet schon seit langem Bühnen an. Ihre Faszination blieb und bleibt dennoch ungebrochen. Film und Fernsehen haben bei weitem weder Charme noch die Intimität noch die Intensität dramatischer Momente.

Das "Brennen", die Empathie und die Leidenschaft, die heute Prinzipal Herbert Föttinger für sein Theater empfindet, auf sein Ensemble und sein Publikum überträgt, sucht seinesgleichen. Andererseits steht der das Theater in der Josefstadt moderat in die Moderne Transponierende damit ganz in der Tradition seiner Vorgänger. Aus Liebe zum Theater errichtete 1788 Karl Mayer die Vorstadtbühne. Trotzdem anfangs als "Speytücherl" und Pimperltheater apostrophiert, ist die 225-jährige Historie schauspielerischer Talente eine erfolgreiche. Beethoven dirigierte zur Eröffnung, Raimund und Nestroy spielten und inszenierten, Strauß und Lanner musizierten in den Sträußelsälen.

Herbert Föttinger und Christiane Huemer-Strobele zeichnen opulent und minutiös die Geschichte des Hauses nach, mit allen Höhen und Tiefen, den Zeiten des Verlustes, der Differenzen, der Stagnation und der Suche nach Identität und Orientierung. Allein die Namen grandioser Mimen und Regisseure, die hier gewirkt haben, lassen erahnen, welche Pracht der sorgfältig edierten, mit zahllosen Kommentaren, Fotos und Illustrationen geschmückten Monografie innewohnt: die Thimigs und die Hörbigers, Qualtinger, Reinhardt, Fritz Muliar, Otto Schenk, Hans Moser, Helmut Lohner, Oskar Werner, Michael Heltau, Klaus-Maria Brandauer, Sandra Cervik, Susi Nicoletti, Vilma Degischer, Elfi Ott, Susanne Almassy et alii.

Wie sagte einst Reinhardt: "Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist derselbe Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen." Eine phänomenale Zeitreise durch das Mysterium einer Bühne von Welt. (Gregor Auenhammer, Album, DER STANDARD, 27./28.4.2013)

  • H. Föttinger, C. Huemer-Strobele (Hg.), "Das Theater in der Josefstadt". € 36,- / 232 S., C.-Brandstätter-Verlag, Wien 2013
    foto: matthias cremer

    H. Föttinger, C. Huemer-Strobele (Hg.), "Das Theater in der Josefstadt". € 36,- / 232 S., C.-Brandstätter-Verlag, Wien 2013

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