"Auch Berlusconi will geliebt werden"

Interview25. April 2013, 19:30
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Der Publizist Beppe Severgnini glaubt daran, dass Enrico Letta genug Pragmatismus aufbringen kann, um eine Regierung für Italien zustande zu bringen

Alexandra Föderl-Schmid sprach mit Beppe Severgnini beim Journalismusfestival in Perugia.

STANDARD: Kann Italien überhaupt regiert werden?

Severgnini: Ja.

STANDARD: Und hat Enrico Letta, der von Staatspräsident Giorgio Na­politano beauftragte Vizechef des Partito Democratico, eine Chance, eine Koalition zu bilden?

Severgnini: In Großbritannien mochten die Konservativen die Liberalen nicht, aber sie haben sich zusammengerauft. In Deutschland hat das die CDU mit der FDP gemacht. In Italien ist es schwieriger, weil Silvio Berlusconi nicht einfach eine konservative Partei anführt, sondern ein besonderer Mann ist. Aber es gibt keine Wahl, weil Beppe Grillo nicht will. Wenn ein Büffel auf einen zurast, dann muss man über einen hohen Zaun springen - selbst wenn man Angst hat. Hast du keine Wahl, dann springst du eben.

STANDARD: Und Enrico Letta kann springen?

Severgnini: Er ist 46 Jahre alt. Schon dieser Umstand alleine ist gut für Italien. Ich kenne Letta persönlich schon seit vielen Jahren, weil er mit einer Journalistenkollegin verheiratet ist. Ich bin aber sehr vorsichtig, bevor ich jetzt einfach sage: "Der kann das gut machen." Letta ist ein guter Mensch. Er ist auch sehr offen, was Kritik angeht. Er steht Berlusconi zwar sehr kritisch gegenüber, aber er hasst Berlusconi nicht. Das macht in der Politik einen großen Unterschied aus.

STANDARD: Wie wird Letta seine Regierung zusammensetzen?

Severgnini: Er wird sich in dem am wenigsten hysterischen Bereich seiner eigenen Mitte-links-Partei umschauen. Und er wird auch ­einige jüngere, weniger ideologische Vertreter aus dem Mitte-rechts-Spektrum ansprechen. Es wird sicher ein junges Kabinett werden. Berlusconi und Romano Prodi sind beide in ihren 70ern, sie haben zu viel gemeinsame Geschichte. Aber 40-Jährige haben die Chance, Gemeinsamkeiten zu finden. Die Arbeitsmarktreform ist das vordringlichste Projekt.

STANDARD: Welche Rolle wird dann, wenn diese Koalition zustande kommt, Berlusconi spielen? Wird er Vizepremier?

Severgnini: Wie ich schon in meinem auch auf Deutsch erschienenen Buch geschrieben habe: Eines Tages wird Silvio Berlusconi sein Make-up abnehmen und als Präsident im Quirinalspalast landen. Das ist seine langfristige Strategie: der Staatsmann zu sein.

STANDARD: Plant Berlusconi das vor allem, um juristischer Verfolgung zu entgehen?

Severgnini: Das ist ein wichtiger Grund. Aber auch Berlusconi will geliebt und anerkannt werden. Und es ist auch für ihn angenehmer, wenn er seine Leute in der Regierung weiß - und nicht selbst dort sitzen muss. Wenn diese Regierung nicht zustande kommt, dann ist die einzige Alternative eine Neuwahl mit einem schrecklichen Wahlgesetz. Am besten für das Land ist wohl eine Übergangsregierung für ein, eineinhalb Jahre, die die grundlegenden Reformen in Angriff nimmt - ein neues Wahlgesetz, Arbeitsmarktreformen - und vor allem den deutschen und österreichischen Freunden und allen anderen in der Eurozone zeigt: Wir werden nicht alle Reformen, die von Mario Monti angestrengt worden sind, zurücknehmen. Das wird wohl nicht die beste Regierung, aber das ist die beste Lösung in einem schlechten Moment.

STANDARD: Wird Beppe Grillo eine konstruktive Oppositionsrolle spielen?

Severgnini: Er will in keiner Regierung sein, und in jeder Demokratie ist eine starke Opposition notwendig. Ich hoffe, er wird eine seriöse Rolle spielen.

STANDARD: Seriös? Glauben Sie tatsächlich, dass er das macht?

Severgnini: Nein. Ich sagte ja: Ich hoffe das. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 26.4.2013)

Beppe Severgnini (56) ist einer der bekanntesten Journalisten Italiens. Er schreibt unter anderem eine Kolumne im "Corriere della Sera" und ist Buchautor. Zuletzt ist auf Deutsch "Überleben mit Berlusconi" erschienen. Er hat rund 400.000 Follower auf Twitter.

  • "Das wird wohl nicht die beste Regierung, aber das ist die beste Lösung in einem schlechten Moment", sagt Beppe Severgnini.
    foto: standard

    "Das wird wohl nicht die beste Regierung, aber das ist die beste Lösung in einem schlechten Moment", sagt Beppe Severgnini.

  • Enrico Letta soll Italiens Regierung anführen.
    foto: apa/epa/meo

    Enrico Letta soll Italiens Regierung anführen.

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