Experte: Imagekratzer schadet Amazon nicht

25. April 2013, 19:26
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Das Image von Amazon ist seiner Leiharbeiter-Politik wegen angekratzt. Aber ändern die Kunden deshalb ihr Kaufverhalten? Experten sind skeptisch

Fad wird den PR-Leuten von Amazon Deutschland derzeit wohl nicht. Im Februar kam der Internetriese wegen schlechter Arbeitsbedingungen für seine Leiharbeiter in die Schlagzeilen. Eine ARD-Doku zeigte auf, dass die in ganz Europa rekrutierten Mitarbeiter in den Unterkünften unter ständiger Beobachtung eines der rechten Szene nahestehenden Securitydienstes standen.

Seit Wochen macht nun die Gewerkschaft Verdi gegen den Konzern mobil. Im Leipziger Logistzentrum sprachen sich die Mitarbeiter wegen schlechter Bezahlung bereits für Kampfmaßnahmen aus. Diese Woche findet in Bad Hersfeld, dem größten Standort in Deutschland, eine Befragung zur Streikbereitschaft statt.

Muss das US-Unternehmen angesichts derart vieler Negativberichte um seine Existenz fürchten? Zuletzt gaben in einer Umfrage des Onlinemarktforschers YouGov immerhin zwölf Prozent an, nicht mehr bei Amazon kaufen zu wollen.

Wenige Auswirkungen

Experten bezweifeln freilich, dass es wirklich gröbere Auswirkungen auf das Kaufverhalten geben wird. Es gebe keine Hinweise, dass die Berichterstattung Amazon geschadet habe, sagt der Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg im Gespräch mit dem Standard. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: "Es gibt praktisch kein Unternehmen, dem solche Geschichten nachhaltig geschadet haben."

Beispiel eins, das Roeb zitiert: Der Lebensmitteldiskonter Lidl, der wegen Bespitzelung von Mitarbeitern in die Kritik kam. "Das hat die Presse breit aufgegriffen, die Gewerkschaft hat sich dahintergeklemmt. Geschadet hat es Lidl nicht." Beispiel zwei: Jahrelang wurde über die schlechten Arbeitsbedingungen bei Schlecker berichtet. Das Ehepaar Schlecker wurde 1998 wegen Unterbezahlung sogar rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe von je zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Roeb: " Zusammengebrochen ist Schlecker 15 Jahre später - aber sicher nicht deshalb."

Kurzes Gedächtnis

Auch für Marktforscher Wolfgang Richter, Chef von Regioplan, wird Amazon keinerlei Spuren davontragen. Er zieht Vergleiche zur Ölbranche: Der Untergang einer Bohrplattform bewege manche Konsumenten dazu, einige Wochen die damit verbundenen Tankstellen zu meiden. Dann verschwinde das Thema in der Regel rasch wieder aus ihrer Wahrnehmung, sagt Richter.

Kai Hudetz, Chef des Kölner Instituts für Handelsforschung IFH, sieht bei Amazon lediglich einen Knick bei den Imagewerten. Am Ende des Tages werde aber genau so stark eingekauft wie zuvor. Solange die Leistung nicht beeinträchtigt werde, etwa durch Streiks, laufe die Verkaufsmaschinerie wie gehabt. "Es wird hier heißer gekocht als gegessen."

Roeb glaubt nicht einmal, dass Streiks Auswirkungen auf den Konsum hätten. "Es wird oft gestreikt. Bei der Lufthansa, bei der Bahn. Fällt das immer auf die Arbeitgeber zurück? Ich würde das nicht so sehen."

Freilich haben die Käufer heutzutage durch soziale Netzwerke ganz andere Möglichkeiten, Stimmung gegen große Konzerne zu machen. Die "Macht des Kunden" wird gern zitiert. Experte Roeb warnt aber auch hier vor einer Überbewertung: "Die neuen Medien sind das am meisten überschätzte Phänomen im Handel seit Jahrzehnten. Mir ist kein Unternehmen bekannt, dass signifikant unter einer Social-Media-Kampagne gelitten oder davon profitiert hätte."

Es werde gern "Möglichkeit mit Nutzung gleichgesetzt". Aus Untersuchungen wisse man aber, dass die Zahl der Kunden, die sich via Facebook oder Twitter über Unternehmen informieren, im "niedrigen einstelligen Prozentbereich" liege, so Roeb.

Steigender Aktienkurs

Was sagen die harten Finanzzahlen? Der Amazon-Aktienkurs ist heute höher als im Februar, in den vergangenen zwölf Monaten legte er um 40 Prozent zu. Der aktuelle Geschäftsbericht zeigt aber auch, dass Amazon von einer Profitabilität wie Apple und Co nur träumen kann.

2012 wurde sogar ein Verlust von umgerechnet 30 Millionen Euro eingefahren, zwei Jahre davor gab es noch einen Gewinn von 880 Millionen Euro. Der Konzern litt zuletzt unter dem raschen Wachstum.

Die Mitarbeiterzahl stieg im gleichen Zeitraum von 33.700 auf 88.400, der Umsatz verdoppelte sich auf 47 Milliarden Euro. 6,5 Milliarden Euro davon kamen aus Deutschland, der zweitgrößte Markt nach Nordeuropa. In Deutschland zeichnet Amazon bereits für 1,5 Prozent des gesamten Einzelhandels verantwortlich. Zum Vergleich: In Österreich lagen die Umsätze zuletzt bei nur 255 Millionen. (Günther Oswald, DER STANDARD, 26.4.2013)

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