"Das Pflegesystem ist unmenschlich und überaltert"

25. April 2013, 18:49
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Pflegebedürftige sollten so lange wie möglich zu Hause bleiben dürfen. Pflege-Aktivisten fordern Geld für 24-Stunden-Betreuung

Graz - Frau Ruf sitzt im Rollstuhl, sie ist querschnittsgelähmt und betreut ein Online-Pflegeforum. Ihre Mutter ist über 80. Vor Monaten wurde der Pensionistin ein Bein amputiert.

Weil sie aber sonst recht gut beisammen ist, wurde ihr nur Pflegestufe eins genehmigt. Für die Hilfe im Alltag sind das pro Monat 154 Euro, das reicht gerade für fünf Stunden Hilfe. Das sei nicht menschlich, "wer Pflege benötigt, sollte sie auch bekommen", sagt Klaus Katzianka, der am Donnerstag neben Ingrid Ruf auf dem Podium des Grazer Presseclubs saß, um sein in den letzten Monaten erarbeitetes Modell einer leistbaren 24-Stunden-Pflege zu erläutern.

Katzianka ist seit Geburt auf eine ständige Hilfe und Pflege angewiesen, er war einer der Ersten, die für sich selbst und schließlich professionell über ein eigenes Unternehmen eine 24-Stunden-Pflege organisierten. Der Leobner versucht seit Jahren, Politiker für das Thema Pflege zu sensibilisieren. "So ziemlich jede Familie ist von dieser Problematik betroffen oder wird es in den nächsten Jahren sein", sagt Katzianka.

2000 Euro im Monat

Derzeit könnten aber keine zehn Prozent der rund 800.000 Pflegebedürftigen eine solche Rund-um-die-Uhr-Betreuung zu Hause finanzieren. Die Hauspflege koste im Schnitt 2000 Euro im Monat. Dies sei mit einem niedrigen oder mittleren Pensionseinkommen nicht machbar, zumal meist auch nur niedrige Pflegeeinstufungen genehmigt werden, sagt Katzianka.

Daher müssten viele, die es eigentlich gar nicht wollen, in eine stationäre Heimbetreuung. "Die ist aber - vorwiegend über den Staat finanziert- doppelt so teuer", argumentiert Katzianka. "Den Betroffenen bleibt meist ohnehin keine Wahl. Das jetzige Pflegesystem ist unmenschlich und überaltert", ergänzt Ingrid Ruf.

Um mehr Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, zu Hause gepflegt zu werden, müssten Mittel, die in die stationäre Heimpflege fließen, umgeleitet werden, schlägt Katzianka vor. Würde theoretisch der stationäre Bereich in eine 24-Stunden-Betreuung zu Hause umgelegt werden, könnte sich der Staat, rechnet Katzianka vor, jährlich 1,5 Milliarden Euro sparen - die dann in die Hauspflege investiert werden könnten. Praktisch sei es jederzeit mithilfe eines Kunstgriffes bei den Pflegestufen machbar: Jene, die eine Pflege rund um die Uhr brauchen, sollten automatisch die Pflegestufe sechs in der Höhe von 1650 Euro bekommen, jene, die mobile Dienste benötigen, die Stufe fünf mit 1260 Euro. Finanziert werden könnte dies eben durch eine Umschichtung der Gelder vom stationären Bereich in die Zu-Hause-Pflege.

Im zuständigen Büro von Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder war am Donnerstag für eine Einschätzung, inwieweit Katziankas Rechenmodell politisch machbar ist, niemand erreichbar.

Pflege-Staatssekretariat

Natürlich werde es Pflegeheime auch weiter geben müssen, weil ab einer gewissen Schwere der Behinderung eine Hauspflege nicht mehr möglich sei. " Heime sind wichtig, keine Frage, für viele sind sie notwendig. Das Ziel muss aber sein, dass die Menschen wählen können und solange sie wollen auch zu Hause bleiben dürfen", sagt Katzianka, der sich 2006 für ein Pflege-Volksbegehren starkgemacht hatte.

Für die angedachte radikale Umstellung des Pflegesystem wäre die Schaffung eines eigenen Pflege-Staatssekretariats sinnvoll. Katzianka: " Wenn Politiker am 24. Dezember Pflegeheime besuchen und den Menschen die Hand halten, reicht das sicher nicht, das ist eher widerlich." (Walter Müller, DER STANDARD, 26.4.2013)

  • Pflegebedürftige wünschen sich mehr Betreuung zu Hause.
    foto: dpa/patrick pleul

    Pflegebedürftige wünschen sich mehr Betreuung zu Hause.

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