Die Geschichte eines grenzgenialen Vernetzers

25. April 2013, 18:38
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"Leben eines Grenzgängers" ist das bisher wohl persönlichste Werk von Paul Lendvai

Wenn jemand 15 Bücher geschrieben oder herausgegeben hat, müsste er eigentlich schon ziemlich alles gesagt haben. Mit seinem 16. Buch beweist Paul Lendvai, dass diese Annahme nicht stimmt. "Leben eines Grenzgängers" ist das bisher wohl persönlichste Werk des mitteleuropäischen Publizisten ungarischer Herkunft, der seine zweite Heimat in Österreich gefunden hat. Dass hierzulande wenigstens eine qualifizierte Minderheit in europäischen Kategorien mit Fokus auf Zentral-, Ost und Südosteuropa denkt und, leider seltener, auch danach handelt, daran hat Lendvai seinen Anteil.

Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Es erzählt die Geschichte eines virtuosen Verwerters der eigenen Talente, und es erzählt kurzweilig und spannend ungarische, österreichische und europäische Zeitgeschichte, beides ineinander verwoben. Sozusagen als Mehrwert liefert es eine fundierte Analyse der jüngsten innenpolitischen Entwicklung in Ungarn. Wohl auch, um den Nationalisten und Rassisten in seiner alten Heimat keine zusätzliche Angriffsfläche als im Ausland agierender "Vaterlandsverräter" und "Nestbeschmutzer" zu bieten, hat Lendvai das Buch zuerst auf Ungarisch in Ungarn veröffentlicht. Nutzen wird es ihm vermutlich wenig, wie die Erfahrung zeigt.

Das Buch ist ein langes Interview. Im Gespräch mit der ungarischen Journalistin Zsófia Mihancsik lässt Lendvai seine Stärken in ganzer Breite wirken: Offenheit, analytischer Scharfblick, Prägnanz in der Formulierung, Schonungslosigkeit auch gegenüber sich selbst und den eigenen Schwächen; vor allem aber die Fähigkeit, Kontakte herzustellen und für sich zu nutzen. "Ich bin nicht schüchtern, habe keine Hemmungen. Sobald ich in Wien war, rief ich einfach jeden an, von dem ich dachte, dass er mir vielleicht helfen könnte." So begann Lendvais österreichische und internationale Journalistenkarriere nach der freiwilligen Emigration aus Ungarn Anfang 1957.

Und sie liest sich fast wie ein Handbuch des Networking: wie man sich hocheffizient vernetzt, ohne die eigenen Grundsätze zu verraten. Lendvais Beziehungen zu österreichischen Spitzenpolitikern fast aller Couleurs, allen voran Bruno Kreisky, sind ein Beispiel dafür. Mit Kreisky verband Lendvai eine durchaus nicht friktionsfreie, aber belastbare und dauerhafte Freundschaft.

In diesem Fall wird auf geradezu exemplarische - und ironisch-makabre - Weise deutlich, wie Persönliches und Berufliches bei Lendvai ineinander spielen. Als Kreisky 1983 todkrank in seiner Villa auf Mallorca lag, arbeitete Lendvai bereits an einem Nachruf für eine britische Zeitung. "Während ich den schrieb, bewegte mich die Frage, wie es ihm wohl jetzt gerade gehe. Ich rief auf Mallorca an, und er selbst nahm den Hörer ab. Natürlich konnte ich ihm nicht sagen, womit ich mich gerade beschäftigte, erkundigte mich nur nach seinem Befinden."

Es sind Passagen wie diese, die den Charme des Buches ausmachen. Ein Kommunikationsprofi gibt, ziemlich ungeschminkt, Auskunft über sich und die Welt, in und mit der er arbeitet. Den Nutzen - und das Vergnügen - haben die Leser. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 26.4.2013)

  • Paul Lendvai: "Leben eines Grenzgängers. Erinnerungen. Aufgezeichnet im Gespräch mit Zsófia Mihancsik", Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2013, 24 Euro.
    foto: verlag

    Paul Lendvai: "Leben eines Grenzgängers. Erinnerungen. Aufgezeichnet im Gespräch mit Zsófia Mihancsik", Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2013, 24 Euro.

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