Digitale Welt mit analogem Feeling

26. April 2013, 13:09
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Schallplattenliebhaber gegen MP3-Sammler - analog vs. digital wird gerne zum Generationenkonflikt stilisiert. Aber: Wir können beides haben

Die Nutzung moderner Technologie orientiert sich heute immer mehr an den "intuitiven”, analogen Bedürfnissen. Am Anfang der Computer-Ära war die Kenntnis einer klar definierten Befehlssprache mit begrenzter Anzahl an Kommandos notwendig, um mit einem Rechner zu kommunizieren: del A:\alvir\artikel\standard*.txt. So eine begrenzte Eingabeform könnte man als digitale Benutzeroberfläche für ein digitales Gerät bezeichnen - Ja/Nein-Befehle. Aber heute können wir voice-commanden, scrollen, zoomen und wischen - allesamt kontinuierliche, analoge Bewegungen. Wir streicheln unsere MP3-Player täglich.

Binär kuscheln

Trotzdem wird - seltsamerweise gleichzeitig mit der Ausrufung einer Renaissance der Schallplatte und Analogfotografie - der Untergang der ach so viel besseren, schöneren, den Sinnen schmeichelnderen und authentischeren analogen Technologie beweint. Dateien könne man nicht lieben, Dateien lösten keine Gefühle aus, Musik und Material seien daher unzertrennlich, sagt Elke Schmitter im Spiegel. Die MP3 kann man ja nicht liebevoll-krakelig beschriften, nach langer Vergessenheit überraschend in einer staubigen Truhe am Dachboden entdecken und mit aufwendig selbst gebasteltem Cover an Freunde verschenken.

Und dann hat es klick gemacht

Die analoge Nostalgie in der digitalen Ära ist wohl auch ein Ausdruck davon, dass die Geek- und Nerd-Kultur im Mainstream angekommen ist. Nicht zuletzt durch Serienerfolge wie "The Big Bang Theory” wird Naturwissenschaft cool und Technophilie eine hippe Lebenseinstellung. Die Comic- und Star-Trek-Subkultur wird allmählich zum Trendsetter. Und die allgemeine Schmäh-Währung sind Memes, die Internet-Insider-Witze, eine Gesellschaftsform, die der "analogen Generation" Rätsel aufgibt. Vielleicht auch daher die Rebellion gegen die neuen, angeblich unantastbaren und deshalb unliebsamen Technologien.

Generation 0 vs. Generation 1?

Auf solch nostalgische Essays wie Schmitters folgen prompt - weil online - die Antworten der Blogger und Jungjournalisten mit Digitalisierungshintergrund: "Dubios" und "unfreiwillig komisch" seien Materialfetische, aus einem "verklärten Gestern" komme die materielle Sinnlichkeit. Der Diskurs wird zum Kampf der Generationen erklärt: Schallplatte gegen iPod, Copyright gegen Download, Wertvorstellung gegen Wegwerfgesellschaft. Digital versus analog, entweder - oder, scheint die Devise zu sein. Doch die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass der Trend in eine andere Richtung geht: Wir können, wir wollen beides haben. Eine digitale Welt mit analogem Gefühl.

Vom Manko zur Mode

Meistens zeigt sich das bei Verkleidungen (Cases, Umschläge) für den in seinem Tempo vielleicht doch überfordernden Fortschritt. Digitale Wundermaschinen in (harmlos) analogem Gewand, im allseits bekannten Kasperlkostüm: das Smartphone tarnt sich als Kassette. Doch auch beim Produkt selbst gibt es eine Analog-Nostalgie: Das eine oder andere Unvermögen der analogen Technik wird prompt zum Stilmittel - etwas das Scratchen beim DJ-ing.

Das Smartphone tarnt sich als Radiokassette

Das Auflegen einer Plattenspieler-Nadel als erste Kameraeinstellung - auch in vielen modernen Musikvideos ein Zitat aus einer analogen Popkultur, eine Reminiszenz an die gute alte Zeit. Auch der charakteristische Radioklang - rauschig mit wenigen Höhen - wird etwa in Intros noch immer gerne bemüht. Alte, analoge Geräusche - lieb gewordene Unzulänglichkeiten und Defizite - werden heute teuer modern, digital repliziert. Was das Material angeht, gibt es ebenfalls digital-analoge Hybride. Etwa CDs, die durch Mini-Vinyl-Optik veredelt sind: Schwarze, matte Scheiben mit funktionslosen Retro-Rillen.

Beschleunigte Nostalgie

Diese Entwicklung ist wohl zum Teil ein Produkt der Besessenheit der Popkultur mit ihrer eigenen, lächerlich kurzen Zeitgeschichte. "Von iPods zu Youtube - wir sind bemächtigt durch überwältigende Technologie. Doch zu oft wird diese als Zeitmaschine genutzt oder als Werkzeug, Musik von gestern zu mischen und neu zu arrangieren, so Simon Reynolds in seinem Buch "Retromania”. "Wir leben in der digitalen Zukunft aber wir sind gebannt von unserer analogen Vergangenheit.” Das Sinnieren über den Zeitgeist der vorherigen Dekade ist der Zeitgeist des 20. und 21 Jahrhunderts. Die wiederbelebten Trends sind nicht mal lange genug tot, um misslungene Remakes Leichenschändung zu nennen. Immer dichtere Datenmengen und dadurch immer größerer Datenmüll führen zu einem größeren Bewusstsein für Vergänglichkeit. Man sagt: Die Welt wird immer schneller, das Leben rast vorbei. Da muss natürlich auch das Einsetzen der verklärten Erinnerung beschleunigen.

Alles beim Alten

Der Großteil der Apps und Anwendungen, die wir auf unseren digitalen Geräten mehr oder weniger zärtlich befummeln, erinnert ohnehin an die analogen Großväter und -Mütter. Die E-Mail-App sieht aus wie der vom Aussterben bedrohte Brief. Die Kamera mit der man seinen Smartphone-Photos diesen heute fast schon exotischen (und deshalb wohl trendigen) analogen Touch verleihen kann, gibts gleich in mehreren - man möchte fast sagen - Historizismus-Ausführungen. Das legendäre "yellow ruled notebook" ist in detailgetreuer App-Version hie und da schon standardmäßig dabei. Darauf (bzw. darin) schreiben kann man dann naturgemäß in einer Schriftart, die Handschrift imitiert.

Analoge Ahnen

Ikonisch und anwendungstechnisch gesehen beziehen sich die neuen Technologien also ganz klar auf ihre analogen Ahnen und könnten damit Ansatzpunkte und Anknüpfungen für die Generation der Analogistiker sein. Es stellt sich nur die Frage, wann Menschen heranwachsen, für die das Radio-Icon des Musik-Apps nur mehr bedeutungsbefreite soziale Konvention und nicht mehr Popkulturzitat ist (das sie vielleicht heute schon nicht verstehen). Absurderweise fühlt man in Zwischenzeit nun beiderseits ausgeschlossen - die "Alten" vom "neumodischen" Technikkram, der das ganze Produkt, den Konsum und das Gefühl verhunzt, und die "Jungen" von der glorifizierten Zeit, in der Produkt, Technologie und Konsum noch eins waren in einem ganzheitlichen Lebensgefühl.

Fragwürdige Zeitzeugen

Und so wollen auch die jungen, die "digitalen Eingeborenen” dazugehören: Zur ach so glorreichen analogen Geschichte nämlich. Wie jeder hippe Mittzwanziger lässt man dann gelegentlich aus Stylegründen durchblicken, dass man auch noch irgendwie gerade noch aus der analogen Ära stammt. Dass man Lieblingslieder noch per gestresstem Draufhauen auf die Tasten REC und PLAY vom Radio auf Kassetten aufgenommen hat. Dass man weiß, welchen Zusammenhang es zwischen Bleistift und Kassetten-Löchern gibt. Und dass man auch damals an seine erste große Liebe das mittlerweile zum gesellschaftlichen Code gewordene Mixtape verschenkt hat.

Zukunft ist ein Kind analoger und digitaler Eltern

Diese Generation, der man ob ihrer Jugend solche Anekdoten fast nicht mehr glaubt, hat trotz ihrer vergleichsweise wenigen Lebensjahre schon den Niedergang mehrerer Technologien beobachtet: Kassetten, VHS, Mini-Discs (Was ist aus denen überhaupt geworden?), jetzt stehen CDs an. Dadurch ist der technologische Paradigmenwechsel vielleicht etwas Natürliches, Selbstverständliches geworden, durch den man neue Spielformen des Alltags entwickeln kann. Davon zeugen Like-Stempel, Kassetten-Untersetzer, Möbel- und Einrichtungs-8-Bit-Design, Schallplatten-Materialkunst und USB-Stick-Mixtapes. Eine ganze Industrie für geekige und nerdige Gadgets, die sich eben auf diesem Grat und im Wissen dieser Ambivalenz bewegen, sprießt (im Internet, selbstverständlich). In diesem Sinne: Wann gibt’s endlich Röhrenbildschirm-Kostüm für Flatscreen-TVs? Und wann wird analog Zeitung zu lesen wieder modern? (Olja Alvir, daStandard.at, 26.4.2013)

  • Digitale Wundermaschinen in analogem Gewand.

    Digitale Wundermaschinen in analogem Gewand.

  • Lieb gewordene Unzulänglichkeiten und Defizite werden heute teuer modern, digital repliziert.

    Lieb gewordene Unzulänglichkeiten und Defizite werden heute teuer modern, digital repliziert.

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