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Es geht um eine Integration der Erneuerbaren

6. Mai 2013, 00:00
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Energieexperte Stefan Schleicher über Energiequellen der Zukunft, die Möglichkeiten das Energiebewusstsein der Verbraucher zu steigern und das Interesse der Banken an sicheren Investitionen in grüne Energien.

oekostrom: Was sind nach den Erfahrungen mit der deutschen Energiewende Ihre Empfehlungen für Österreich?

Schleicher: Energiemengen und deren Deckung durch Erneuerbare sollen nicht Beginn der Argumentationskette sein, sondern deren Schlusspunkt. Entscheidend für eine fundamentale Transformation unseres Energiesystems ist ein grundlegendes Verständnis der strukturellen Zusammenhänge. Zwei Bausteine sind dabei unerlässlich: Das Energiesystem in seiner kaskadischen Struktur und die zentrale Rolle der Energiedienstleistungen zu verstehen und ein klares Verständnis darüber zu erlangen, wofür und in welcher Qualität Energiequellen zur Erfüllung der Energiedienstleistungen notwendig sind. Diese grundlegende Wende im Verständnis könnte Österreichs innovativer Beitrag zur Transformation des Energiesystems werden.

oekostrom: Was bedeutet eine Expansion der Erneuerbaren in puncto Infrastruktur? Wie kann diese Expansion umgesetzt werden – eher auf lokaler Ebene oder weiterhin zentralistisch in großen Strukturen à la Desertec?

Schleicher: Was die Funktion der Netze betrifft, müssen wir noch viel radikaler umdenken. Wir haben ja nicht nur die Windkraft und Photovoltaik zu integrieren, sondern künftig auch den Umgang mit Technologien wie der Mikro-KWK (Kraft-Wärme-Kopplung) zu lernen. In Deutschland und der Schweiz stellen mittlerweile Telekomanbieter diese Geräte zur Verfügung. Ich sehe diese Technologie als Ersatz für konventionelle Gasheizungen, wobei CO2-reduziert wird und die Energieproduktivität steigt. Diese Technologie könnte auch die Kapazitäten bei Fehlen von Wind und Sonne bereitstellen. Ich sehe auch die großen Potentiale von Wärmepumpen. Die Kombination von PV und Wärmepumpe wird zunehmend attraktiv. Die Wärme wird dabei zum Speicher für die PV.

Auch dezentrale Batteriespeicher sind im Kommen. In diesem Bereich sind aber die USA bedeutend stärker als wir hier in Europa. Generell sehe ich viele Technologien, die ein hohes Entwicklungspotential haben, so zum Beispiel auch die Brennstoffzelle im KWK-Betrieb.

Die Diskussion über die Netze sieht in diesem Kontext natürlich ganz anders aus. Der Bedarf an Megaleitungen wird mit der Nutzung dieser dezentralen Technologien wesentlich geringer. Von den simplen OffShore-Ideen muss man sich verabschieden – das ist die erste große Lektion, die Deutschland gelernt hat. Es geht um eine Integration der Erneuerbaren, und das bedeutet wieder vermehrt dort in Primärenergie zu investieren, wo auch verbraucht wird. Und genau deshalb müssen auch die Windturbinen flächendeckender und näher an den Verbrauch heranrücken, weil damit die Systemkosten sinken.

oekostrom: Sie sehen also im Wind die erneuerbare Energiequelle der Zukunft?

Schleicher: Mir fällt derzeit keine Technologie ein, die Windräder ersetzen könnte. Sie haben aus meiner Sicht ein weitaus höheres Potential als Wasserkraft, zumal die Effekte auf die Umwelt viel geringer sind.

Darum stellt sich auch die Frage: Warum nicht gerade Wind viel flächendeckender ausbauen, denn das würde einen Großteil der Netzkosten sparen und wäre im positiven Sinn bewusstseinsbildend. Auch die Technologie der Windturbinen selbst ist noch ausbaufähig. Im Bereich der Photovoltaikanlagen wird das Thema der Gemeinschaftsanlagen immer attraktiver. Das wäre doch auch bei Windenergie vorstellbar. Bestehende kommunale Anbieter werden für Service und Wartung ins Boot geholt. Mikro-KWK-Anlagen werden ja auch schon zum Teil von kommunalen Anbietern vertrieben. Bei all diesen neuen Energiestrukturen müssen wir uns für mehr Akzeptanz einsetzen.

oekostrom: Wie sehen Sie die Rolle der nationalen bzw. europäischen Energiepolitik?

Schleicher: Die Energiepolitik hat ein immer noch viel zu bescheidenes Vokabular, das da heißt: versorgungssicher und billig. Dann kommt lange nichts mehr.

Es geht aber darum, das Energiesystem in der vollen Kaskade zu begreifen – von den angesprochenen Energiedienstleistungen für Gebäude, Mobilität und Produktion über effiziente Technologien bis hin zu den Primärenergien. Wir erliegen ja immer noch dem Versuch, das Ganze aus der anderen Richtung zu sehen, frei nach dem Motto "Woher bekommen wir unser Gas?"

Und nachdem wir das Prinzip der kaskadischen Energienutzung verstanden haben, müssen wir die Frage beantworten, was das für die Institutionen bedeutet, die mit der Bereitstellung von Energie, mit der einhergehenden Finanzierung und den Anreizmechanismen zu tun haben. Derzeit denken die Institutionen – EVUs, Banken und Förderstellen – viel zu sehr im alten System. Was hier schiefgeht, sieht man gerade am besten am System der PV-Förderungen: "Verlosungen" sind ja völlig kontraproduktiv!

In Österreich haben wir jährliche Nettoenergieimporte im Wert von € 12 Milliarden. Warum reduzieren wir die nicht um die Hälfte und investieren  das Geld in Effizienz – v.a. in die Bereiche Gebäude und Verkehr – und dann auch noch in Anreizfinanzierung für erneuerbare Technologien.

oekostrom: Was sind für Sie die beiden großen Herausforderungen der Energiepolitik?

Schleicher: Wir müssen vor allem das Energiesystem in seiner vollen Dimension verstehen. Der Fehler in Deutschland war, lediglich die nukleare Energie gegen erneuerbare auszutauschen. Entscheidungen über Investitionen in erneuerbare Energietechnologien müssen aber synchron laufen mit der Integration der Erneuerbaren in das bestehende Energiesystem. Erleichtert wird das, wenn sich die Energiepolitik eine Wende in der Abfolge ihrer Entscheidungen verordnet – das heißt zuerst fragt, für welche Anforderungen werden wir welche Energie benötigen, und erst danach den dafür passenden Primärenergiemix sucht. Wir müssen uns auch fragen, was diese Betrachtungsweise in puncto Finanzierung, Anreize und Investitionen bedeutet.

oekostrom: Das Thema Finanzierung spielt in Ihren Modellen eine zentrale Rolle?

Schleicher: Der Geldaspekt ist ein sehr wesentlicher. Ich sehe auch, wie hilflos das Bankensystem derzeit ist. Alle Bankinstitute sind auf der Suche nach sicheren Veranlagungen, und gerade hier haben die Technologien im Rahmen eines kaskadischen Energiesystems großes Potential. Denn welches Risiko geht eine Bank denn ein, wenn sie auf 20 Jahre eine Photovoltaikanlage oder einen Windpark finanziert.

oekostrom: Was sind Ihre Empfehlungen für die Zukunft?

Schleicher: In den USA sind es Unternehmen wie das Ihre, die sich bei Gebäuden das Recht auf Dachflächen sichern und dann investieren. Alleine aus diesem Grund brauchen wir bessere Finanzierungsmodelle – in meinem Kopf ist dann keine PV-Förderung mehr nötig. Dazu ein ganz simples Rechenbeispiel: Eine PV-Anlage mit einem kW kostet rund € 1.600 und liefert  mindestens 900kWh Strom im Jahr. Müsste man diesen Strom aus dem Netz beziehen, würde das rund € 180 kosten. Auf eine Lebensdauer von 20 Jahren bedeutet das eine Abschreibung von € 80 pro Jahr. Und Sie sehen, zwischen € 180 und € 80 gibt es noch viel Spielraum.

Meine erste Empfehlung lautet also: Wir brauchen neue Finanzierungsmodelle. Es müssen sich Kooperationen mit Bankinstituten ergeben, die über 20 Jahre gute Konditionen sicherstellen. Die zweite Empfehlung lautet: lange Abschreibungszeiten. Und ein wichtiger Punkt ist noch, so wenig Strom wie möglich ins Netz zurückzuführen.

oekostrom: Wie werden sich der Energiepreis und der Preis der CO2-Zertifikate entwickeln?

Schleicher: Die Perspektive lautet: Es wird sich nicht viel ändern. Bei den CO2-Zertifikaten versucht man derzeit, die Versteigerungen, die für den Anfang – also 2013/2014 – vorgesehen waren, auf das Ende – sprich 2019/2020 – zu verschieben. EU-weit haben wir einen Zertifikatsüberschuss von einem Jahr. Da kann sich kein sinnvoller Preis bilden.

Die Entscheidungsvorgänge auf EU-Ebene sind sehr schwerfällig. Die Kommission ist motiviert, sie ist aber gefesselt durch Direktiven, die in der Vergangenheit beschlossen wurden und die jetzt nur im Konsens – also einstimmig – geändert werden können.

Generell sollten wir uns nicht auf die Wirkung von CO2-Preisen verlassen: Ein Liter Treibstoff emittiert 2,5 kg CO2. Wenn wir den fiktiven Wert von € 100 für eine Tonne CO2 annehmen – derzeit stehen wir übrigens bei € 4 – bedeutet das 10 ct pro kg CO2 – d.h. dass ein Liter Treibstoff um 25 ct teurer werden würde. So hohe CO2-Preise sind aber nicht realisierbar.

oekostrom: Spielt nicht gerade das Energiebewusstsein der Verbraucher und eine Verhaltensänderung eine wichtige Rolle um das System nachhaltig zu ändern?

Schleicher: Ich war einer der Testkandidaten eines Smart Home-Versuches. Ich verstehe nicht, dass es so kompliziert ist, ein derartiges System einzuführen. Wir brauchen Geräte, die direkt am Zähler angeschlossen werden und die leicht sichtbar den aktuellen Verbrauch anzeigen. Der Gesamtverbrauch ist aber nur eine Information – mit Smart Home-Technologien sollte auch sichtbar werden, wie viel Energie an welcher Stelle verbraucht wird. Wenn Smart Metering samt einer monatlichen Stromabrechnung eingeführt wird, wird das die Nutzer zum Nachdenken anregen, warum in einem Monat mehr verbraucht wurde als in einem anderen. Das erhöht sicher auch das Energiebewusstsein. Ich sehe keinen Grund, warum man die notwenigen Komponenten nicht kostengünstig anbieten kann.

oekostrom: Und wie bringt man Energiebewusstsein in die Breite?

Schleicher: Es gibt doch bereits viele Zahlungssysteme mit Kundenkarten. Man könnte damit auch den Energie- und Carbon Footprint von Produkten ausweisen und sie u.a. beim Tanken verwenden. Alle energierelevanten Käufe  laufen über diese Karte, die die Energiebuchhaltung übernimmt. Die Frage ist: Wer wäre bereit, so etwas zu machen?

Leistungszähler in den Haushalten wären ein weiterer wichtiger Schritt hin zu mehr Energiebewusstsein. Es geht auch um die Visualisierung: Wir müssen zeigen, wie man elektrische Leistung verständlich machen kann. Idealerweise handelt es sich um ein Gerät, das sich ohne viel Installationsaufwand am Zähler Impulse holt und die Ergebnisse dann über bestehende Infrastrukturen in den Haushalten visualisiert. Mir würde eine App für Smartphones gefallen, die die jetzigen Zähler für Smart Metering ersetzt. Im nächsten Schritt wird diese Technologie mit einem Nachfage-Management und zugehörigen lastabhängigen Tarifen kombiniert. Starten könnte man mit Lastprofilkunden bei Großverbrauchern – letztendlich sollte das aber auf alle Endkunden übertragen werden.


Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Institut für Klima und globalen Wandel und am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Karl-Franzens-Universität Graz. Am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) ist er wissenschaftlicher Konsulent. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn vom Institut für Höhere Studien in Wien an die Universität Bonn, die University of Pennsylvania und mehrmals an die Stanford University. Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit sind ökonomische Modelle und wirtschaftspolitische Konzepte für zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen vor allem in den Bereichen Energie und Klima.

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  • Stefan Schleicher beschäftigt sich mit ökonomischen Modellen und wirtschaftspolitischen Konzepten für zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen.
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    Stefan Schleicher beschäftigt sich mit ökonomischen Modellen und wirtschaftspolitischen Konzepten für zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen.

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