Testamente, die Gutes tun sollen

25. April 2013, 05:30
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In Österreich wurde noch nie so viel ver- und geerbt wie derzeit. Das wollen sich auch zivilgesellschaftliche Gruppen zunutze machen: Im Rahmen der Aktion vergissmeinnicht.at suchen 41 NGOs nach Menschen, die sie in ihrem Testament berücksichtigen könnten

 

Wien – Auf den ersten Blick versprechen die Slogans der derzeit in ganz Österreich affichierten Plakate ein Leben nach dem Tod. Doch das "Leben nach dem Leben"  der Testamentspendenaktion vergissmeinnicht.at ist keine tran­szendente Verheißung. Vielmehr kann es als geplantes Fortwirken bezeichnet werden. "Menschen, die keine Nachkommen haben oder nicht wollen, dass ihre Verlassenschaft diesen allein zukommt, können sich bei uns in­formieren" , erläutert Mitinitiator Günther Lutschinger, Geschäftsführer des Fund­raising-Verbands.

Darüber hinaus hätten die Teilnehmenden die Gewissheit, mit ihrem Vermächtnis "etwas Außergewöhnliches zu bewirken, das der Allgemeinheit hilft" . Konkret, indem sie testamentarisch bestimmen, dass ihre Erbschaft oder ­Teile von dieser einer zivilgesellschaftlichen Gruppe oder NGO zukommen: einer jener 41, die sich an der seit einem Jahr laufenden Aktion beteiligen, vom Albertina-Museum und Amnesty International über Licht für die Welt und das Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte bis hin zu World Vision und dem World Wide Fund for Nature (WWF).

Erben macht unabhängig

Vermächtnisse, so Lutschinger, erhöhten die finanzielle und damit auch politische Unabhängigkeit der Zivilgesellschaft. Dass das Werben von NGOs um Testamente die Privatisierung wichtiger gesellschaftlicher Aufgaben vorantreibe, glaubt er nicht: Die meisten NGOs würden in Bereichen arbeiten, die nicht zu den Kernaufgaben des Staates gehören.

Fakt ist, dass laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Fessel/GfK derzeit so viel ver- und geerbt wird wie in Österreich bisher noch nie: 80.000 Euro durchschnittlich pro Person – wenngleich in der Bevölkerung sehr ungleich verteilt. Auch gemeinnützige Organisationen profitieren von diesem Hinterlassenschaftsboom: 2012 erhielten sie insgesamt rund 50 Millionen Euro in Form von Erb- und Hinterlassenschaften.

Auf NGO-Seite gehe das mit ­"gesteigertem Informationsbedarf"  ein­her, meint Lutschinger. Immerhin seien laut einer Erhebung des Market-Instituts acht Prozent der über 40-jährigen Österreicher interessiert daran, eine gemeinnützige Organisation in ihrem Testament zu berücksichtigen.

Vergissmeinnicht.at kommt dabei die Rolle einer Anlaufstelle zu. Rechtliche Beratung bietet die Tes­tamentspendenaktion nicht. Vielmehr arbeitet sie zu diesem Zweck mit der Österreichischen No­tariatskammer zusammen. "Ich weiß nicht, ob es wirklich nötig ist, das Erbschaftsthema so or­ganisiert anzugehen" , meint an­gesichts dessen Herbert Langthaler von der Flüchtlingshilfsgruppe Asylkoordination, die an der Aktion nicht teilnimmt: "Wenn jemand einer Gruppe nahesteht, wird er oder sie im Testament ohnehin an sie denken." (Irene Brickner/DER STANDARD, 25.4.2013)

  • Eines der vier affichierten Plakate. 
    foto: vergissmeinnicht.at / de grancy

    Eines der vier affichierten Plakate. 

  • Symbol der Aktion: Vergissmeinnicht
    foto: apa/stefan sauer

    Symbol der Aktion: Vergissmeinnicht

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