Wiener Sternwartepark: Ein Naturdenkmal, das zum Park wird

24. April 2013, 18:55
273 Postings

1973 hätten im Wiener Sternwartepark 40 Bäume für ein Bauprojekt gefällt werden sollen. Der Bürgerprotest sorgte für den Rücktritt von Bürgermeister Felix Slavik. 40 Jahre später fielen ohne Aufsehen 50 Bäume. Am 2. Mai sperrt das als Naturdenkmal geschützte Areal auf.

Wien – Wenn Werner Weiss aus seinem Bürofenster im Wiener Sternwartepark blickt, fällt ihm derzeit ein Wort zuallererst ein: "Schauerlich. Die Wiesen sind zertrampelt, man sieht Furchen von Traktorreifen. Und nebenan stapelt sich ein riesiger Haufen umgeschnittener Bäume."

Weiss ist seit vier Jahren Pensionist, aber er ist immer noch Astronom. Nach wie vor kommt der 70-jährige Wiener regelmäßig zur Universitätssternwarte. "Weil ich mir das Hobby zum Beruf gemacht habe. Und weil ich hier immer noch gebraucht werde."  Weiss war der letzte Astronom, der in der Sternwarte seine Dienstwohnung hatte. "Da sind mir noch Dachse und Füchse über den Weg gelaufen. Und das mitten in Wien."  Jetzt lebt er als Anrainer nahe dem Sternwartepark.

Ab 2. Mai offen

Weiss hat den Aufruhr der letzten Tage im Park hautnah mitbekommen. Auf Bestreben von Umweltstadträtin Ulli Sima (SP) wird der Sternwartepark, der als Naturdenkmal streng geschützt ist, am 2. Mai für die Öffentlichkeit aufgesperrt. Knapp 50 Bäume wurden dafür vergangene Woche gefällt – als Sicherungsmaßnahmen für die Besucher. Dazu wurde ein neuer Rundweg durch Wald und Wiese im 5,8 Hektar großen Areal mit Steinen ausgelegt.

Davor fielen die Bäume im öffentlich bisher nicht zugänglichen Gebiet einfach erst dann um, wenn sie selbst wollten – und das seit der Eröffnung der Sternwarte vor 130 Jahren. Das Totholz nützen Vögel und andere Tiere als wertvollen Lebensraum. Studenten, Professoren und Naturlieb­haber, die das Gelände ebenfalls betreten konnten, hatten damit kein Problem: Laut dem Eigentümer, der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), war auch vor dem Fällen der knapp 50 Bäume "die Sicherheit der Besucher gewährleistet".

Kein Naturdenkmal mehr

Weiss ist kein fanatischer Gegner der Öffnung. "Es gibt Menschen, die meinen, dass die Institutsmitarbeiter privilegiert seien und einen Privatpark haben wollen. Das stimmt nicht."  Denn das Areal sei bisher eben kein Park gewesen. "Es war ein einzigartiges, wild verwuchertes Naturdenkmal und kein Erholungsgebiet. Ein Naturdenkmal ist es jetzt nach den rigorosen Einschnitten unter Garantie keines mehr. Jetzt wird es ein Wiener Park unter vielen."

Für Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbandes, ist es "richtig und wichtig, dass die Öffentlichkeit hineindarf. In der Stadt macht Urwald keinen Sinn. Das ist eine Schnapsidee."  Dabei verwildern auf der Anhöhe nahe des Türkenschanzparks Pflanzen, die laut Botaniker Wolfgang Adler in freier Natur "selten bis nie in Wien vorkommen". 100 verschiedene Pflanzen- und Holzarten hat Adler rund um die Sternwarte dokumentiert, darunter den Erbsenstrauch oder den Montpellier-Ahorn.

Hinweise blieben Hinweise

Neben Füchsen und Dachsen hatten auch Waldkäuze oder Spechte keine Freude mit den jüngsten Baumschnitten. Hinweise von Naturschützern, dass diese in die Brutzeit einiger Vogelarten fielen, blieben, nun ja, Hinweise.

Vor 40 Jahren barg das Sternwarte-Areal schon einmal politische Brisanz. Damals sorgte die Diskussion um den geplanten Neubau des zoologischen Instituts der Universität Wien auf dem Gelände des Sternwarteparks für erste Zeichen grüner Regung: Eine heterogene Allianz aus Bürgerinitiativen von Anrainern, Naturschützern, Vorgängern der grünen Bewegung sowie der Kronen Zeitung machte gegen das Bauprojekt, das von Bürgermeister Felix Slavik forciert wurde, mobil.

Krone titelte mit "Baum-Mord!"

Für das Projekt im sogenannten Cottage-Viertel von Währing wären 3615 m2 Grünfläche (6,14 Prozent des Gesamtareals) verbaut worden, rund 40 Parkbäume hätten geschlägert werden müssen. Die Krone titelte damals mit "Baum-Mord!"  Noch ohne gesetzliche Grundlage kam es zwischen 21. und 26. Mai 1973 zur ersten Wiener Volksbefragung. Bei einem Ja hätte als Zuckerl zudem ein Teil des abgeschlossenen Gebiets als Park gestaltet werden sollen. Das Ergebnis ging mit 235.364 Neinstimmen (57,4 Prozent) gegen einen Neubau und gegen einen Park aus, über 400.000 gültige Stimmen machten die Befragung zu einer der erfolgreichsten in Wien. Eine Woche später stellte Bürgermeister Slavik sein Amt zur Verfügung.

Diesmal wurden den Anrainern und auch den Grünen in Währing die Schlägerung der 50 Bäume im Vorhinein nicht mitgeteilt. Gemeinsam mit der Bürgerinitiative "Rettet den Sternwartepark"  soll zur Eröffnung ein Protestmarsch stattfinden. Eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Wiener Naturschutzgesetz soll in den nächsten Tagen bei der Behörde eingereicht werden. Eine Beschwerde bei der Volksanwaltschaft läuft bereits.

"Was mich stört, ist die Verlogenheit der Politik" , sagt Astronom und Anrainer Weiss. "Vor ein paar Jahren ist ein Ast in die Kuppel der Sternwarte hineingewachsen und hat die Arbeit gestört. Es hat ein paar Monate gedauert, bis dieser entfernt werden durfte. Mit Verweis auf das Naturdenkmal wurde ein Eiertanz um jeden Grashalm aufgeführt. Und jetzt?" (David Krutzler/DER STANDARD, 25.4.2013)

  • Die Bäume im Sternwartepark fielen bisher erst dann um, wenn sie selbst wollten – und boten Tieren wertvollen Lebensraum.
    foto: der standard/robert newald

    Die Bäume im Sternwartepark fielen bisher erst dann um, wenn sie selbst wollten – und boten Tieren wertvollen Lebensraum.

  • Diese Bäume sind nicht von selbst umgefallen. Rund 50 Bäume wurden vergangene Woche im Areal rund um die Sternwarte gefällt.
    foto: privat

    Diese Bäume sind nicht von selbst umgefallen. Rund 50 Bäume wurden vergangene Woche im Areal rund um die Sternwarte gefällt.

Share if you care.