"Österreich ist für jeden etwas anderes"

Interview24. April 2013, 11:30
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Junge Menschen brauchen eine Gesellschaft, in der sie mehr sein dürfen als nur eines, sagt Psychologin und Migrationsforscherin Edith Enzenhofer. Kulturelle Stigmatisierung und Benachteiligung am Arbeitsmarkt sehr hinderlich für sozialen Zusammenhalt

Das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich ist ein wichtiges Element für den Zusammenhalt der Gesellschaft, meint Edith Enzenhofer. Sie ist Mitarbeiterin des im Jahr 2012 fertiggestellten Projekts IDEMÖ, das sich damit befasste, wie junge österreichische StaatsbürgerInnen ihr persönliches Österreich sehen und was ihr Gefühl der Zugehörigkeit fördern oder behindern kann. daStandard.at sprach mit ihr darüber, warum man nicht gleich patriotisch sein muss, um sich für Österreich zu engagieren, und warum jeder mehrere Zugehörigkeiten hat als nur eine.

daStandard.at: Warum haben Sie eine Studie zum Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich gemacht - gibt es auf diesem Feld nicht schon genug Studien?

Enzenhofer: Es gibt sicherlich einige ähnliche Studien. Uns hat an diesen aber nicht gefallen, dass Identifikation immer nur in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund diskutiert wird. Der zweite Punkt war, dass solche Studien oft nach dem Fragebogenmuster funktionieren: Fühlen Sie sich eher als Österreicher oder als Türke? Man weiß weder, was sie unter Österreicher, noch, was sie unter Türke verstehen und welche Hintergründe das Zugehörigkeitserleben hat.

daStandard.at: Wie haben Sie in der Studie versucht, dem aus dem Weg zu gehen?

Enzenhofer: Wir haben mit offenen Fragen und assoziativen Methoden gearbeitet und 45 problemzentrierte Interviews mit jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren geführt. Sie sollten uns ihr Österreich zeigen, denn Österreich ist für jeden etwas anderes. Wir haben den Befragten etwa eine Österreich-Fahne vorgelegt und sie zu ihren Assoziationen dazu befragt. Da kamen völlig unterschiedliche Antworten: von der Landschaft, dem Sozialsystem, dem Grätzel. Anschließend sollten sie sich selbst irgendwo auf oder neben der Fahne hinmalen. Manche haben sich in die Mitte, manche außerhalb, andere an den Rand gemalt, wobei auch das jeweils eine ganz persönliche Bedeutung hatte.

daStandard.at: Was denken denn jene, die sich bewusst in die Mitte der Fahne gemalt haben?

Enzenhofer: Das sind beispielsweise Österreicherinnen und Österreicher, die die Landschaft, die Folklore, die Skifahrer loben, dabei aber keine Abwehr gegen Vielfalt haben. Es ist für sie kein Thema, aber auch kein Problem. Diese sind gefestigt in ihrer Position. Abwehr und die Angst, den Platz zu verlieren, findet man eher bei den ökonomisch schlechter gestellten Personen.

daStandard.at: Was waren weitere Ergebnisse dieser Gespräche?

Enzenhofer: Wir haben drei übergeordnete Themen abgeleitet. Das erste ist, dass sich manche Menschen die "Mitte der Gesellschaft" vorstellen - entweder fühlen sie sich bereits in der Mitte, nähern sich dieser Mitte oder werden blockiert. Der zweite große Block waren Menschen, die eine Distanz zum Nationalstaat spüren. Da gibt es die "Kritisch-Loyalen", die sagen, Österreich ist ein tolles Land, aber vieles sei auch zu kritisieren. In der gleichen Gruppe gibt es jene, die verschiedene Zugehörigkeiten betonen und sich gewissermaßen als Weltbürgerinnen und -bürger fühlen. Dann gab es auch wenige, die sich gar nicht positionieren wollten. Der dritte übergeordnete Typ lässt sich grob mit "Abwehrreaktionen gegen Vielfalt" zusammenfassen.

daStandard.at: Haben Sie dazu ein Beispiel?

Enzenhofer: Eine Interviewpartnerin litt darunter, sich verdrängt zu fühlen. Ein anderer hat seine "Dominanzkultur" sehr aggressiv betont und hatte fixe Vorstellungen davon, wie sich Migrantinnen und Migranten zu verhalten haben, und damit einen sehr engen Akzeptanzrahmen. Er hat sich als "stolzer Österreicher" bezeichnet und traditionelle Werte stark betont.

daStandard.at: Sie schreiben: "Die dahinterliegende Dynamik ist nicht primär ethnisch-kulturell bestimmt." Was meinen Sie damit?

Enzenhofer: Das Gefühl der Zugehörigkeit hat nicht nur mit Kultur und Herkunft zu tun. Wenn Menschen ökonomisch schwer Fuß fassen können, dann wird auch das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich getrübt. Wenn ökonomische Teilhabechancen da sind, ist der Umgang mit kulturellen Unterschieden einfacher. Problematisch wird es, wenn sich kulturelle Stigmatisierung und Arbeitsmarktbenachteiligung verknüpfen - wie etwa bei einem Gesprächspartner aus der Türkei, der eine höhere Schule absolviert hat, aber als Taxifahrer arbeitet. Das erzeugt sehr viel Frustration.

daStandard.at: Warum haben Sie bewusst ÖsterreicherInnen und Menschen mit Migrationsgeschichte befragt?

Enzenhofer: Wir haben uns einfach gefragt: Wo steht geschrieben, dass jene ohne Migrationsgeschichte sich als "Österreicher" fühlen? Auch der Stempel "Migrationshintergrund" ist für viele nicht relevant. Das ist ein Teil ihrer Biografie, der in manchen Lebensphasen wichtig ist und in anderen auch nicht. Die Unterscheidung greift zu kurz, das Thema betrifft alle.

daStandard.at: Was fördert den sozialen Zusammenhalt, über den Sie schreiben?

Enzenhofer: Schwarz-weiß-Malerei, die Unterscheidung zwischen "uns" und "den anderen", ist für sozialen Zusammenhalt sehr hinderlich, ebenso wie aggressive Rhetorik und rigoroses Beharren auf der eigenen Meinung - weil es keinen Verhandlungsspielraum gibt. Bewegung und Dynamik im Denken fördern Zusammenhalt und Austausch.

daStandard.at: Österreich zu loben wird oft mit Nationalismus gleichgesetzt. Ist das ein Thema in Ihrer Studie?

Enzenhofer: Ja, das ist ein Thema in dreierlei Hinsicht. Zum einen bezeichnet sich der Typ "Selbstverständliche Zugehörigkeit" als patriotisch und lobt das Land, hat aber nichts gegen Vielfalt. Der aggressivere Typ "Dominanz der eigenen Kultur" betont die Vorteile Österreichs stark und will diese auch anderen aufzwingen. Die "Kritisch-Loyalen", die sich eher an den Rand gemalt haben, wollen nicht alles gutheißen. Sie haben aber eine große Loyalität zu Österreich - etwa für das Sozialsystem und die Stabilität. Diese Menschen sind üblicherweise sehr engagiert. Dieses differenzierte Österreich-Bild setzt natürlich auch Wissen und Reflexion voraus.

daStandard.at: Von welchen Aspekten ist das Zugehörigkeitserleben abhängig?

Enzenhofer: Bildung hilft - vor allem umsetzbare Bildung. Das heißt, dass das Wissen auch genutzt werden kann. Es ist auch hilfreich, wenn Menschen ihre Mehrsprachigkeit nutzen können und diese nicht als Handicap empfinden. Vor allem junge Menschen brauchen auch eine Phase der Reflexion, in der sie ungestört ihre Identitäten mit sich verhandeln können. Wichtig ist auch ein gesellschaftliches Klima, in dem man sich nicht festlegen muss - eine Gesellschaft, in der man mehr sein darf als nur eines. Es gibt Menschen, die einen Ausweg suchen und dann etwa sagen, sie sind Europäerinnen. Solche Angebote zu machen ist hilfreich. Einige junge Menschen der zweiten und dritten Generation leiden einfach unter dem Stempel "Migrationshintergrund", sie wollen ihn loswerden.

daStandard.at: Inwiefern leiden sie darunter?

Enzenhofer: Es nervt sie, dass sie immer gleich gefragt werden, woher sie kommen. Sie sind hier aufgewachsen, wollen Fuß fassen, endlich anerkannt werden - und dann wird penibel darauf geachtet, ob sie einen kleinen Akzent haben oder Grammatikfehler machen. Wenn man über Identifikation redet, muss man auch Identifikationsangebote jenseits des Patriotismus schaffen. Möglichkeiten geben, mehrere Zugehörigkeiten zu haben und sich dafür nicht ständig rechtfertigen zu müssen. Skifahrer und Landschaften können nicht alles sein. Einig waren sich die meisten Befragten etwa darin, dass das österreichische Sozialsystem gut ist - so etwas verbindet. (Jelena Gučanin, daStandard.at, 24.4.2013)

Edith Enzenhofer, geboren 1970 in Wien, ist nach dem Studium der Psychologie seit 1995 in der Sozialforschung tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migration und gesellschaftliche Gewaltprävention.

Das Projekt IDEMÖ wurde im Rahmen des Österreichischen Sicherheitsforschungs-Förderprogramms KIRAS - einer Initiative des Verkehrsministeriums - vom Forschungsinstitut des Roten Kreuzes in Kooperation mit dem Österreichischen Roten Kreuz, Generalsekretariat, durchgeführt. Die Autorinnen waren Edith Enzenhofer, Reinhold Jawhari und Julia Edthofer.

  • Das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich ist ein wichtiges Element für den Zusammenhalt der österreichischen Gesellschaft, meint Edith Enzenhofer.
    foto: apa/georg hochmuth

    Das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich ist ein wichtiges Element für den Zusammenhalt der österreichischen Gesellschaft, meint Edith Enzenhofer.

  • Vor allem junge Menschen brauchen auch eine Phase der Reflexion, in der sie ungestört ihre Identitäten mit sich verhandeln können, sagt Enzenhofer.
    foto: jelena gučanin

    Vor allem junge Menschen brauchen auch eine Phase der Reflexion, in der sie ungestört ihre Identitäten mit sich verhandeln können, sagt Enzenhofer.

  • Die Befragten mussten sich in eine Österreich-Fahne hineinmalen. Ein Befragter des Typs "Dominanz der eigenen Kultur" schrieb: "'Radikal' nicht integrierte Parallelgesellschaft" und "gelebte Integration - Freunde, Familie, Bekannte, Kameraden".
    foto: idemö

    Die Befragten mussten sich in eine Österreich-Fahne hineinmalen. Ein Befragter des Typs "Dominanz der eigenen Kultur" schrieb: "'Radikal' nicht integrierte Parallelgesellschaft" und "gelebte Integration - Freunde, Familie, Bekannte, Kameraden".

  • Ein Befragter des Typs "Kritisch-loyale Haltung" ließ eine Spannbreite zu und malte sich eher an den Rand der Fahne.
    foto: idemö

    Ein Befragter des Typs "Kritisch-loyale Haltung" ließ eine Spannbreite zu und malte sich eher an den Rand der Fahne.

  • Der Typ "Selbstverständliche Zugehörigkeit" zeichnete sich in die Mitte der Fahne. Dazu gehören die positive Selbstpositionierung in der Mitte Österreichs, keine Abwehr gegen Vielfalt und das Loben der Erfolge Österreichs, etwa als "Skination".
    foto: idemö

    Der Typ "Selbstverständliche Zugehörigkeit" zeichnete sich in die Mitte der Fahne. Dazu gehören die positive Selbstpositionierung in der Mitte Österreichs, keine Abwehr gegen Vielfalt und das Loben der Erfolge Österreichs, etwa als "Skination".

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