Michel Comte: "Behandle Stars genau so wie meine Assistenten"

Interview25. April 2013, 17:16
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Kaum eine Berühmtheit, die er nicht vor der Linse hatte - Seit mehr als 30 Jahren prägt Michel Comte die Celebrity- und Modefotografie - Cordula Reyer traf den Schweizer Fotografen

Es ist ein heißer, stickiger Tag in Los Angeles, doch biegt man vom Sunset Boulevard in den schattigen Stone Canyon, wird es angenehm kühl. Nicht umsonst bekam dieses Stadtviertel, in dem sich elegante Villen verstecken, den Namen Bel Air. Hier, wo auch das berühmte Bel-Air Hotel liegt, duftet es nach Eukalyptusbäumen und Gardenien. Weiter den Canyon hinauf erreicht man ein schlichtes Anwesen, das einst Howard Hughes, dem amerikanischen Filmproduzenten und Luftfahrtpionier, gehörte.

Heute lebt hier der Schweizer Fotograf Michel Comte, für den Stars in die Kamera weinen und Supermodels ihre Hüllen fallen lassen. Seine aus Japan stammende Frau öffnet die Türe, Michel Comte an ihrer Seite. Im Hintergrund blickt man durch die Glasfront des weiten Wohnraums über eine weiße Terrasse mit Pool über das üppige Grün des Canyons hinweg, bis hin zum Pazifik. Der glitzert silberblau, der Himmel ist wolkenlos. Durch das ganze Haus stöhnt Jane Birkin "Je t'aime". So beginnt also der Tag eines Starfotografen.

STANDARD: Warum sind Stars in der Mode so wichtig geworden?

Comte: Vor 20 Jahren war es noch undenkbar, dass auf dem Vogue-Cover mehr Schauspielerinnen als Models sind. Frauen scheinen eine Art persönliche Beziehung zu haben, wenn sie Gesichter aus Filmen wiedererkennen. Werden Scarlett Johansson oder Marion Cotillard mit einem Schönheitsprodukt in Verbindung gebracht, verkauft es sich besser. Gesicht und Augen von Schauspielern sind ausdrucksstärker als die der meisten Models. Wir brauchen und suchen Frauen, die Vorbilder sind. Michelle Obama ist gerade zum zweiten Mal auf dem Cover der amerikanischen Vogue.

STANDARD: Stars haben den Ruf, schwierig zu sein. Was ist Ihre Erfahrung?

Comte: Mich beeindrucken Macht, Ruhm und Schönheit nicht. Ich behandle Stars genau so wie meine Assistenten. Ich fotografiere Menschen. Das ist es.

STANDARD: Sie waren nie von der Welt der Stars fasziniert?

Comte: Nie, ich hatte das Glück, sehr normal aufzuwachsen. Vielleicht deshalb.

STANDARD: Was meinen Sie mit normal? Sie sind der Enkel von Alfred Comte, dem Schweizer Flugpionier und einem der Mitbegründer der Swiss Air.

Comte: Ich bin mit Menschen aufgewachsen, die berühmt waren, und solchen, die mit den Jahren berühmt wurden. Das war selbstverständlich. Der erste Star, den ich mit 27 Jahren fotografierte, war Sofia Loren. Mit ihrer Natürlichkeit und Liebenswürdigkeit hat sie es mir als Jungfotograf leicht gemachte. Meine erste Erfahrung mit einem Star war also positiv. Das hat mich geprägt.

STANDARD: Sind Stars heute anders als vor 30 Jahren?

Comte: Sofia ist der Star der Stars. Sie ist bodenständig und nimmt ihren Status nicht allzu ernst. Wirkliche Stars kommen allein zum Foto-Set. Sie sehen sich in erster Linie als Schauspieler und wollen sich auch nur als Schauspieler vermarkten. Es gibt noch immer viele, die es als unwürdig ansehen, für ein Produkt zu werben. Hier in den USA ist das anders. Schauspieler kommen mit Agenten, Managern, Publizisten und persönlichen Assistenten, die ihnen dieses und jenes raten. Sie haben wenig Kontrolle über ihr eigenes Leben. Sie sind zu einem Gesamtpaket, einer Marke geworden, die Millionen generieren kann.

STANDARD: Ihre Tagesgage beträgt angeblich 50.000 Dollar. Sind solche Gagen heute noch vertretbar?

Comte: Es gibt heute nur mehr eine Handvoll Fotografen, die eine solche Gage bekommen. Stars wollen sich nicht von irgendeinem beliebigen Fotografen ablichten lassen, sondern von jemandem, der mit ihrem Porträt ihr Image verstärkt. Dieses Image wird von Firmen und Magazinen dringend gebraucht. Stars bringen schließlich mehr Geld ein als Models.

Wer sagt schon Nein zu sieben Millionen Dollar?

STANDARD: Man würde annehmen, jemand wie Brad Pitt hat es nicht nötig, für Chanel Nr. 5 zu werben.

Comte: Wer sagt schon Nein zu sieben Millionen Dollar? Geld stinkt nicht. Die Marke "Angelina Jolie und Brad Pitt" ist übrigens ein Witz. Angeblich fließt das Geld für jedes Cover sofort in Wohltätigkeitszwecke. Das klingt natürlich gut. Aber bis die Kosten von Privatjets und Hotels gedeckt sind, bleibt kaum etwas für Charity über.

STANDARD: Waren Sie eigentlich nervös, als Sie Carla Bruni 1993 für die "Save Sex Campaign" nackt fotografierten?

Comte: Überhaupt nicht. Als ich Hugh Hefner vorschlug, mit einer Fotostrecke in seinem Magazin Playboy für "Saver Sex" zu propagieren, war er begeistert. Carla kam aus Paris, sie zahlte sich sogar ihr Flugticket selber, da sie die Kampagne unbedingt machen wollte.

STANDARD: Als Bruni Präsidentengattin war, versteigerte Christie's das Foto um 75.000 Dollar. Wann entstand eigentlich dieser ganze Hype um Celebrities?

Comte: Ende der 1990er-Jahre. Als ich die GAP-Kampagne nur mit Musikern und Schauspielern fotografierte - Miles Davis war einer davon -, schnellten die Verkaufszahlen plötzlich in die Höhe. Danach war nichts mehr, wie es vorher war. Supermodels waren out. Eigentlich schade. Heute gibt es keine interessanten Modelgesichter mehr.

STANDARD: Manchmal fotografieren Sie auch Leute, die weder Stars noch Models sind, zum Beispiel Fiona Swarovski und Karl-Heinz Grasser.

Comte: Oh mein Gott! Das Beste an dem Bild war, dass es ein Skandal wurde.

STANDARD: Das ist alles, was Sie dazu sagen möchten?

Comte: Ja.

STANDARD: Viele Ihrer Portraits wurden in Paris, im Hotel Ritz, Zimmer Nr. 152 aufgenommen. Wieso lieber ein Hotelzimmer als ein Fotostudio?

Comte: Ich lebte dort für ein paar Jahre. Hotelzimmer haben eine Intimität, die man in einem Studio schwer herstellen kann. Die meisten Menschen fühlen sich in dieser Anonymität wohl. Das "Ritz" ist perfekt für diese Zwecke. Wir fotografierten an der Bar, in den Korridoren und im Zimmer 152.

STANDARD: Sie sind auch einer der wenigen Fotografen, die es schafften, ein gutes Porträt von Hillary Clinton zu machen.

Comte: Ich habe viele ihrer Reisen dokumentiert, bin mit ihr mit der Air Force One geflogen, habe sie im Weißen Haus begleitet. Wenn sich die Person, die ich fotografiere, in meiner Gegenwart wohlfühlt, dann wird es ein gutes Bild. Ein entspanntes Gesicht spiegelt die Seele wider.

STANDARD: Gerade drehten Sie ihren ersten Spielfilm "Das Mädchen aus Nagasaki", mit ihrer Frau in der Hauptrolle. Sind bewegte Bilder das neue Kapitel in Ihrem Leben?

Comte: Es ist für mich eine natürliche Entwicklung, Filme zu drehen. Da ich gerne über alles Kontrolle habe, produzierte ich den Film selber und führte auch Regie. Ich werde ihn in Cannes während des Festivals zeigen.

STANDARD: Interessiert Sie Mode noch?

Comte: Es geht. Sie macht mir nicht mehr wirklich großen Spaß. Meine erste Kampagne war für Chloé. Das war 1979. Mein Auftraggeber war Karl Lagerfeld, den ich bei einem Abendessen kennenlernte. Als ich die Kampagne fotografierte, war es selbstverständlich, dass Lagerfeld am Set mit dabei war. Auch als ich später für Valentino und Dolce & Gabbana fotografierte, waren die Designer dabei. Heute werden einem die Kleider und ein Artdirektor geschickt. Ich arbeite lieber an anderen Projekten.

STANDARD: Sie bringen Stars dazu, den Clown zu spielen, Ihnen die Zunge zu zeigen, sich gehen zu lassen. Wie schaffen Sie das?

Comte: Ich habe kein großes Team. Wenn ich fotografiere, schicke ich Stylisten, Visagisten, Haarstylist und die gesamte Entourage vom Set weg. Dann sind es nur mehr ich, der Schauspieler und mein Assistent. Ich mache auch meine Hausaufgaben: Ich studiere die Arbeit und das Leben der Person, die ich fotografiere, daher weiß ich auch, was ich von ihr verlangen kann.

STANDARD: Sie haben den Ruf, nicht ganz einfach zu sein ...

Comte: Na ja, wenn ich mit einem schlechten Kreativdirektor arbeite, kann ich schon brutal sein. (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD, 26.4.2013)

Michel Comte, 1954 in Zürich geboren, ist ausgebildeter Restaurator. Er gehört zu den international gefragtesten Mode- und Porträtfotografen. In Cannes wird sein erster Film präsentiert. Er lebt in Los Angeles.

  • Das deutsche Model Tatjana Patitz bei einem Fotoshooting mit dem Fotografen Michel Comte.
    foto: yves forestier / sygma / corbis

    Das deutsche Model Tatjana Patitz bei einem Fotoshooting mit dem Fotografen Michel Comte.

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    foto: michel comte
  • Es sind weniger die Kleider, die bei Michel Comte im Vordergrund stehen, als die Persönlichkeit. Hier eine Aufnahme der Schauspielerin und Sängerin Amanda Seyfried.
    foto: michel comte

    Es sind weniger die Kleider, die bei Michel Comte im Vordergrund stehen, als die Persönlichkeit. Hier eine Aufnahme der Schauspielerin und Sängerin Amanda Seyfried.

  • Schauspieler, sagt Michel Comte, seien heute wie Marken, die Millionen generieren können. Hier: US-Schauspieler Patrick Dempsey.
    foto: michel comte

    Schauspieler, sagt Michel Comte, seien heute wie Marken, die Millionen generieren können. Hier: US-Schauspieler Patrick Dempsey.

  • Eva Mendes
    foto: michel comte

    Eva Mendes

  • Das Aktbild von Carla Bruni, das Comte 1993 schoss und das um 75.000 Dollar versteigert wurde.
    foto: michel comte

    Das Aktbild von Carla Bruni, das Comte 1993 schoss und das um 75.000 Dollar versteigert wurde.

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