Mit Zeitungspapier Fenster putzen

25. April 2013, 17:00
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Die gedruckte Zeitung darf nicht sterben - oder: Wenn gedruckte Gedanken zu Wischdiensten abkommandiert werden, sterben sie einen feuchten Tod

Pro: Gebt uns eine Zukunft!
Von Eric Frey

Ich sage das nicht nur, weil mein Job und Gehalt daran hängen: Die gedruckte Zeitung darf nicht sterben! Stellen wir uns einmal eine Welt ohne Print vor: Nasse Schuhe blieben feucht, Malerarbeiten hinterließen Farbflecken auf den Böden, das originellste Geschenkpapier aller Zeiten  -DER STANDARD vom Vormonat - gäbe es nur noch auf vergilbten Fotos. Und die Fensterscheiben ...

Nun ja, für Fenster existieren angeblich andere Optionen. Aber weil gute Dinge immer noch verbessert werden können: Würden sich alle Fensterputzer des Landes darauf einigen, nur noch mit Zeitungspapier zu arbeiten, dann hätte selbst das Wirtschaftsblatt eine große Zukunft. Mit dieser geballten Reinigungskraft kann keiner meiner hochgeschätzten Online-Kollegen mithalten. Die Schmierspuren auf dem Glas sind ein kleiner Preis für die Rettung einer großen Kulturleistung. Hauptsache, es kommt noch ein wenig Licht durch.

Und übrigens: Wer je ein von mir geputztes Fenster gesehen hat, der ist überzeugt, dass ich immer schon Zeitungspapier verwendet habe.

Kontra: Würdelos
Von Ljubisa Tosic

Nur verständlich, dass der größte Strukturwandel (Internet) seit der Erfindung des Buchdrucks die Papierzeitungsbranche zu Überlebensfantasien animiert. Der Optimismus bezüglich Geschäftsausweitung ist auch nicht unbegründet: Man vermag Zeitungen so fest zu einem Stock zusammenzurollen, dass sogar Konflikte damit ausgetragen werden könnten. Auch Betten ließen sich aus Zeitungsbergen konstruieren, Hüte, Brillen und Tischtücher; auch in Form von Servietten, Toilettenpapier und Taschentüchern wären Zeitungen stärker im Leseralltag zu verankern.

Zudem: Weltmeisterschaften wären denkbar, bei denen der schönste Zeitungspapierflieger gekürt wird; geniale Künstler wären zu Skulpturen wie Gebäudeverhüllungen zu animieren. Zwar ist das Putzen von Fenstern auch eine Möglichkeit, Nachrichtenblättern Sinn zu verleihen. Dennoch bleibt da eine kleine Wehmut. Wenn gedruckte Gedanken zu Wischdiensten abkommandiert werden, sterben sie einen feuchten Tod. Wenn schon sterben, dann bitte zumindest in Würde. (Rondo, DER STANDARD, 26.4.2013)

  • Würden sich alle Fensterputzer des Landes darauf einigen, nur noch mit Zeitungspapier zu arbeiten, dann hätte selbst das Wirtschaftsblatt eine große Zukunft.
    illustration: andrea maria dusl

    Würden sich alle Fensterputzer des Landes darauf einigen, nur noch mit Zeitungspapier zu arbeiten, dann hätte selbst das Wirtschaftsblatt eine große Zukunft.

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